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Schäubles Sprecher tritt ab : Der Schweiger des Ministers

Wolfgang Schäuble (links) und sein Ex-Sprecher Michael Offer Bild: dpa

Finanzminister Schäuble stellte seinen Sprecher Michael Offer neulich genüsslich bloß, nun hat er ihn endgültig zum Verstummen gebracht. Offer tritt zurück. Unter Schäuble hat der Sprecher nichts zu sagen.

          3 Min.

          Als er noch Sprecher war, haben ihn die wenigsten gekannt. Jetzt, da Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ihn endgültig verstummen ließ, hat es Michael Offer zu einer nie für möglich gehaltenen Bekanntheit gebracht. Der Spot im Internet, der alle miterleben lässt, was sonst nur im innersten Zirkel des Ministeriums zu beobachten ist, zeigt einen Spitzenpolitiker, der seinen Mitarbeiter in aller Öffentlichkeit zurechtweist: zynisch, giftgallig selbstgerecht. Da sich das Ganze auf einer Pressekonferenz abspielt, laufen Kameras, ist der Vorgang öffentlich. Sein Da-Noch-Sprecher Offer versucht sich nicht anmerken zu lassen, wie stark ihn die öffentlichen Rügen des Chefs verletzen, er will mehrmals zum normalen Geschäftsgang zurückzukehren, aber der Minister will nicht ablassen, er genießt und beißt - immer wieder.

          Manfred Schäfers
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Offer ist die Rolle des treuen Dieners gewöhnt, von daher wäre er eigentlich der ideale Sprecher für Schäuble. Er ist von seinem Typus her ganz der loyale Beamte. Außerdem ist er fleißig bis zum Umfallen, gut informiert, hilfsbereit. Er kann Dinge erklären, einordnen. Das hat er gezeigt, als er vergangene Legislaturperiode Mitarbeiter von Steffen Kampeter wurde, damals haushaltspolitischer Sprecher der Unionsfraktion, heute parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Unter Kampeter wurde Offer so etwas wie dessen Sprecher, auch wenn es diese Rolle an dieser Stelle eigentlich nicht gibt.

          Nach öffentlicher Rüge : Schäuble-Sprecher tritt zurück

          Bevor er Schäuble diente, bewies Offer, das er ein Gespür besitzt, was er Journalisten sagen kann oder sagen muss, damit diese die Strategie und Ziele seines Chefs verstehen und ihrerseits an den Mann oder die Frau bringen können. Das geht nur in einem Vertrauensverhältnis, dass davon lebt, dass beide Seiten noch etwas länger zusammenarbeiten wollen, was nicht funktioniert, wenn eine Seite versucht die andere über den Tisch zu ziehen, etwa indem der Sprecher Fakten zurechtbiegt, um seinen Chef besser aussehen zu lassen, oder der Journalist ausplaudert, was ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt worden ist. Auch gehört dazu ein gutes Verhältnis zum Chef, im Idealfall weiht dieser nicht nur seinen Mitarbeiter in seine Pläne sein, sondern lässt sich von diesem auch beraten, wie man seine Botschaften am besten plazieren sollte.

          Schäuble ist kein Freund vertraulichen Umgangs

          Schäuble ist kein Freund eines derart vertraulichen Umgangs. Auch als er noch Innenminister war, hat er den Informationsfluss in und aus seinem Haus auf ein Minimum beschränkt, wie die berichten, die damals mit ihm zu tun hatten. Als Finanzminister hält er es genauso. Seine Mitarbeiter, die informieren, sprechen sollen, sind zunehmend leiser geworden. Spöttische Zungen sagten schon bald zu Offer, er sei nicht Sprecher, sondern Schweiger des Ministers.

          Der Ressortchef ist in diesem Fall der erste Interpret seiner Politik. Schäuble ist daher mehr als sein Vorgänger Peer Steinbrück (SPD) unterwegs, um in Interviews und Reden zu erläutern, warum auf einmal etwas anders gilt, als gestern angekündigt war. Selbst als er im Frühjahr ins Krankenhaus musste, gab er von dort Interviews. So genüsslich wie er Offer neulich bloßstellte, zerlegte er auch verbal die Steuerpläne der Liberalen. Dann stellte er die gesamte Steuerreform zur Disposition, indem er darauf verwies, dass die Einhaltung der Schuldenbremse im Grundgesetz Vorrang vor allem anderen habe. Er bekannte sich zum Koalitionsvertrag, setzte aber alles daran, dass in der Steuerpolitik nichts so kommt, wie dort verabredet wurde. Entsprechend zufrieden war er, als die Bundeskanzlerin die geplante Steuersenkung auf absehbare Zeit kassierte.

          Offer hat das Glück, Beamter zu sein

          Unter Schäuble hat der Sprecher nichts zu sagen. Offer behalf sich damit, den Minister zu zitieren. Als Schäuble in diesem Herbst abermals in Krankenhaus musste und Gerüchte kursierten, der Minister habe der Bundeskanzlerin seinen Rücktritt angeboten, wurde zudem deutlich, an welcher kurzer Leine er gehalten wurde. Er nannte diese Darstellung zunächst „reine Spekulation“. Auf Nachfragen wurde Offer plötzlich konkret: Der Minister habe kein Rücktrittsangebot gemacht. Warum nicht gleich so? Wie Offer damals erläuterte, habe er in unmittelbarem Kontakt mit Schäuble gestanden.

          Offer hat das Glück, Beamter zu sein. So kann er im Ministerium bleiben, auch wenn er geht. Und sein Nachfolger weiß nun, worauf er sich einlässt.

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