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Recht auf Vergessenwerden : Welche Auswirkungen Googles Löschpraxis hat

Bild: dpa

Google streicht nach dem EuGH-Urteil erste Artikel aus den Suchergebnissen. Britische Journalisten sehen die Pressefreiheit bedroht. Zwei Fälle zeigen, wie sich das Löschen konkret auswirkt.

          3 Min.

          Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum „Recht auf Vergessen“ vom Mai verdeutlichen zwei Fälle in Großbritannien, welche Folgen Googles Löschpraxis haben kann. Die britische Tageszeitung „The Guardian“ berichtete gestern, dass Google drei ihrer Artikel über den Schiedsrichter Dougie McDonald aus den Suchergebnissen gelöscht habe.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          McDonald hatte 2010 in einem Fußballspiel zwischen Celtic Glasgow und Dundee United einen Elfmeter für Glasgow gegeben und kurz darauf wieder zurückgenommen. Nach dem Spiel behauptete er, es sei die Entscheidung seines Assistenten gewesen, den Elfmeter zurückzunehmen. Wegen der Lüge musste McDonald später zurücktreten.

          Wenn Internetnutzer nun auf Google.com nach „Dougie McDonald Guardian“ suchen, sehen sie drei Artikel des Guardian, die sich mit dem Fall beschäftigen. Suchen sie aber auf der britischen Seite der Suchmaschine, unter Google.co.uk, werden die Artikel nicht mehr angezeigt. James Ball, Autor des Guardian, schrieb: „Das Recht auf Vergessen ist ein Stoppschild für die Pressefreiheit. Unsere Artikel sind nur solange auffindbar, bis jemand einen Löschantrag stellt“.

          Europäer wollen mehr als 267.000 Links streichen lassen

          Einen ähnlichen Fall schilderte BBC. Dort verschwand ein Blogtext des Wirtschaftsredakteurs Robert Peston von 2007 aus den Google-Suchergebnissen. Besonders delikat: Der Artikel beschrieb, wie der Investmentbanker und ehemalige Chef von Merrill Lynch, Stan O’Neal, wegen riskanter Transaktionen von seinem Chefposten zurücktreten musste. Auch die Boulevardzeitung „DailyMail“ ist von Löschanträgen betroffen.

          Europaweit hat Google mehr als 70.000 Löschanträge erhalten. Insgesamt wollen Bürger mehr als 267 000 Links streichen lassen,
          teilte Google am Donnerstag mit. Vor einer Woche begannen Mitarbeiter damit, die Anträge zu bearbeiten.

          Folgen für die Pressefreiheit

          Schadet Google mit den entfernten Links also der Pressefreiheit? Glaubt man den betroffenen Medien, muss die Antwort lauten: ja. Nicht alles, worüber Zeitungen berichteten, sei zwar illegal, aber es werfe fast immer wichtige politische und gesellschaftliche Fragestellungen auf, argumentierte etwa der Guardian. Es sei höchst problematisch, wenn Enthüllungen aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden könnten, solange die Betroffenen nur einen Löschantrag bei Google stellten.

          In diesem Zusammenhang ist allerdings interessant, welche Rolle Google selbst einnimmt. Der Konzern hat die Medien zwar informiert, dass Links aus den Suchergebnissen entfernt wurden, nicht aber warum oder von wem. Es mag nahe liegen, dass der Investmentbanker Stan O’Neal die Löschung des kritischen Artikels über seine riskanten Investments selbst beauftragte. Das jedenfalls glaubte der Autor, Robert Peston, zunächst. Dann aber stellte sich heraus, dass der der Text unter der Suchanfrage „Stan O’Neal“ immer noch auftaucht.

          Urheber der Löschanträge sind unklar

          Der Blogger Danny Sullivan vermutete deshalb, dass ein Kommentator des Blogeintrags den Löschantrag gestellt haben könnte. Aber selbst das ist unklar. Denn wenn man bei Google.co.uk nach dem Namen des Kommentators sucht, erscheint unter der Suchanfrage zwar ein Hinweis, dass einige Ergebnisse aufgrund europäischer Datenschutzbestimmungen fehlen könnten. Der Artikel selbst wird allerdings angezeigt. Weist Google also auch auf Löschungen hin, wenn gar keine vorliegen? Will das Unternehmen potentielle Löschanträge gleich im Vorfeld sanktionieren?

          Jedenfalls darf bezweifelt werden, dass sie zum gewünschten Ergebnis führen. Wer beispielsweise auf der britischen Seite Google.co.uk nach dem Schiedsrichter „Dougie McDonald“ sucht, sieht nicht alleine zahlreiche Artikel anderer Medien, die sich mit dem Skandal befassen, sondern auch einen Text von DailyMail, der angeblich ebenfalls gelöscht werden musste. War es wirklich der Schiedsrichter, der ein dunkles Kapitel seiner Vergangenheit tilgen wollte oder doch ein anderer Beteiligter? Die Auswirkungen des Antrags hat in jedem Fall McDonald zu tragen. Denn in den Ergebnissen findet sich auch der gerade erst publizierte Artikel des Guardian über die Problematik von Löschanträgen mit seinem Beispiel. Die wenigen Anträge, die bisher in der Öffentlichkeit bekannt sind, haben also eher den gegenteiligen Effekt: Das „Recht auf Vergessen“ frischt die Erinnerung auf.

          Der Guardian schlug außerdem vor, einen Twitteraccount zu gründen, der Löschanträge festhält. Sollte also jemand versuchen, Suchergebnisse zu tilgen, wird sein Name eher noch potenziert um den Globus gejagt. So wichtig es ist, die Pressefreiheit zu verteidigen, ist sie wirklich in Gefahr? Oder nutzt Google nur einen hehren Begriff geschickt für seine eigenen Zwecke?

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