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IS-Finanzierung : Guter Terror, schlechter Terror

  • -Aktualisiert am

Ein Kampf an vielen Fronten: Im Irak kämpfen kurdische Einheiten gegen den IS. Bild: AP

Terror ist teuer. Doch wie will man die Finanzierung des „Islamischen Staats“ stoppen? Sanktionen sind schwierig. Denn einen Staat, den es nicht gibt, kann man auch nicht bestrafen.

          3 Min.

          Terror ist teuer. Die Anschläge in Paris waren vermutlich noch billig zu haben, aber ganze Länder in ein Kalifat zu zwingen, das kostet. Schließlich müssen nicht nur Toyotas und Maschinengewehrstände bezahlt werden, auch die Gotteskrieger wollen ihr Geld. Und das Gemeinleben, wenn man es denn so nennen will, ist auch nicht umsonst. Der „Islamische Staat“ hat dieses Problem nach allgemeiner Wahrnehmung ganz gut im Griff. Ölquellen ausbeuten, Steuern eintreiben, fremdes Eigentum beschlagnahmen, erpressen, rauben, schmuggeln, hie und da ein paar Dollar von Freunden, da kommt einiges zusammen.

          Wie will man das stoppen? Sanktionen, die freie Welt bedauert es, sind schwierig. Einen Staat, den es nicht gibt, kann man auch nicht sanktionieren. Und dem Ölschmuggel, Lastwagen für Lastwagen über poröse Grenzen, ist offenbar kaum beizukommen. Gerade erst hat das amerikanische Außenministerium 5 Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt, um Hinweise auf Schmuggelwege von Öl und Antiken zu erhalten. 5 Millionen Dollar, so hilflos kann Terrorbekämpfung sein.

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          Während der Westen nach rostigen Lastern mit Terror-Öl fahndet, heißt er im selben Atemzug mutmaßliche Terror-Financiers aus dem Ölgeschäft herzlich willkommen. Qatar beispielsweise. Den IS unterstützt Qatar selbstredend nicht. Das Emirat am Golf, immerhin das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Erde, wehrt sich nach Kräften gegen diese Gerüchte. Als Entwicklungsminister Gerd Müller in einem Interview Qatar als mögliche Finanzquelle für IS-Terroristen nannte, ging die Bundeskanzlerin schnell auf Distanz, denn Beweise gibt es nicht. Die IS-Gruppe sei finanziell sehr gut aufgestellt, sagte Angela Merkel - und zwar, soweit sie das wisse, ohne von einem Staat unterstützt zu werden.

          Die Kämpfer der radikalislamischen Al-Nusra-Front aber, die sich zu Al Qaida bekennen, haben die Qataris im Kampf gegen den syrischen Diktator Assad unterstützt. Der Staat gefällt sich auch als Schutzherr der Hamas und beherbergt den Hamas-Anführer Chalid Maschal. Auch die Taliban haben ihr einziges Kontaktbüro just in Doha eröffnet, der Hauptstadt von Qatar. Aber Qatar ist für den Westen nützlich als Vermittler mit besten Kontakten in eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Daher werden die Scheichs hofiert. Und was der Politik recht ist, kann der Wirtschaft nur billig sein.

          Das Geld aus Qatar ist überall

          Mit seinen Petrodollars ist das kleine Land zum neuntgrößten Staatsfonds der Welt aufgestiegen. l256 Milliarden Dollar liegen aktuell im Topf. Geld, das auch in Deutschland gerne genommen wird. Beim Kampf zwischen Porsche und Volkswagen etwa haben die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch das Emirat zu Hilfe geholt, bis heute ist Qatar an Volkswagen beteiligt. Bei Hochtief war es engagiert, die Kapitalerhöhung der Deutschen Bank hat es mitgetragen. Ob als Beteiligung an der Londoner Börse oder in Immobilien in Manhattan und Mailand, das Geld aus Qatar ist überall.

          Mit Dividenden der Deutschen Bank, so denn wieder welche fließen, wird dereinst also die Herberge der Hamas bezahlt, während vielleicht zugleich Raketen auf Israel fliegen. Als Investor ist der Staat hochwillkommen, denn er bringt Stabilität. Und nichts, so scheint es, wird heute in Politik und Wirtschaft höher gewichtet. Freiheit schon gar nicht. „Alle Unternehmen, bei denen Qatar beteiligt ist, schätzen diese Zusammenarbeit auch“, sagte Merkel beim Besuch des Emirs vor einem Jahr. Da bleibt wenig Platz für Kritik.

          Je größer die Verflechtung, desto schwieriger wird es, die Wirtschaft als Druckmittel einzusetzen. Die Abhängigkeit ist jetzt schon enorm. Als im September der saudi-arabische Staatsfonds mehr als 50 Milliarden Dollar von internationalen Fondsgesellschaften abgezogen hat, um die durch den fallenden Ölpreis entstandene Haushaltslücke zu stopfen, sprachen Fondsmanager gar vom „Schwarzen Montag“. Fidelity, Goldman Sachs, Blackrock, alle großen Geldanleger kalkulieren mit den Petrodollar der Saudis.

          Die reichen Herrscher im größten Ölförderland der Welt haben zwar mittlerweile auch Angst vor den Mordbrennern des IS, Anhänger der Aufklärung sind sie deswegen aber noch lange nicht. In der realen Ausprägung ihres Unterdrückungsstaates dürften sich IS und Saudis näher sein, als dem Westen lieb ist. Aus Sicht des Westens allerdings gibt es den hinlänglich bekannten Unterschied: Saudi-Arabien ist ein Stabilitätsanker in der Region, und der wird gerade gebraucht - auch wenn das Land von „Werten der Menschlichkeit“, wie sie Frankreichs Präsident Hollande nach den Anschlägen in Paris für die freie Welt in Anspruch nahm, meilenweit entfernt ist.

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          Anschläge hin, Anschläge her, die Investoren stehen Schlange in Saudi-Arabien. Gerade jetzt, wo der Ölpreis fällt und die Scheichs ihre Wertschöpfungskette ausbauen müssen. Der amerikanische Konzern Dow Chemical investiert gerade zusammen mit dem saudischen Staatskonzern Saudi Aramco 20 Milliarden Dollar in einen Chemiekomplex am Golf. Das dürfe erst mal wieder für Stabilität sorgen. Hoffentlich finden die Amerikaner bald die Tanklaster des IS, dann hat wenigstens dieser Spuk ein Ende.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

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