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Sahra Wagenknecht im Portrait : Die Marktradikale

Sahra Wagenknecht lobt den Markt als eine „herrschaftsfreie Sphäre von prinzipiell gleichen“. Bild: Jens Gyarmaty

Sahra Wagenknecht gibt der deutschen Politik eine Mitverantwortung am Erstarken des IS, schimpft über den Kapitalismus und lobt den Wettbewerb. Jetzt will sie sogar regieren. Wohin soll das noch führen?

          Sie tritt im größten Hörsaal auf, was sonst. Mehr als 600 Leute fasst das Audimax der Jenaer Universität, aber viel mehr sind gekommen, einige müssen mit den Treppenstufen vorliebnehmen. Bis auf den Vorplatz hinaus reicht ein halbe Stunde vor Beginn die Schlange der Wartenden, der Studenten und Rentner, Männer und Frauen, Freaks und Blousonträger. Draußen steht die Polizei, an der Tür wirft der Wachschutz einen Blick in die Taschen, im Hörsaal schirmen Personenschützer die Gastrednerin ab. Fast ist es wie bei einem Auftritt der Bundeskanzlerin, nur dass bei Angela Merkel nicht verlässlich so viele Leute kommen.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Niemand redet in Deutschland so erfolgreich über Wirtschaftsthemen wie Sahra Wagenknecht, 47 Jahre alt, promovierte Ökonomin. So oft wie kein anderer Politiker war sie 2016 in den vier großen Fernseh-Talkshows zu Gast, selbst den CDU-Dissidenten Wolfgang Bosbach hat sie inzwischen abgehängt. Im Frühjahr hat sie nach langer Pause mal wieder ein Buch herausgebracht, „Reichtum ohne Gier“ heißt es, sie kritisiert darin den Kapitalismus mit den Argumenten der Marktwirtschaft. Damit reist sie nun durch die Republik, füllt Theater oder Stadthallen, oft zahlen die Leute sogar Eintritt.

          Gerade erst hat sie sich als eine von zwei Spitzenkandidaten der Linkspartei für die Bundestagswahl nominieren lassen. Als Fraktionschefin ist sie schon seit einem Jahr die erste Rednerin in den großen Haushaltsdebatten des Parlaments. Es wird 2017 ein anderer Wahlkampf sein als zuvor, weil sich die SPD demonstrativ wie nie die Machtoption mit der Linkspartei offenhält. Ausgerechnet Sahra Wagenknecht, die links außen bei der „Kommunistischen Plattform“ begann, könnte ihre Partei in die erste Regierungsbeteiligung auf Bundesebene führen. Zumindest die Möglichkeit gibt es.

          „Meine Politisierung hat mit Goethe angefangen“

          An dieser Karriere hat Wagenknecht seit Jahren sehr zielstrebig gearbeitet. Die Frau, die ihr dialektisches Denken einst an Marx und Hegel schulte, hebt in ihrer Person eine ganze Reihe von Widersprüchen auf. Sie bleibt gern auf Distanz zum Volk und ist so populär wie nie. Sie kokettiert mit ihrer revolutionären Aura und erfüllt jedes bildungsbürgerliche Klischee. Sie kommt von ganz links und ist die einzige Ökonomin unter den Fraktionschefs im Bundestag.

          Vielleicht geht das nur, wenn man von so weit her kommt wie sie. Lange lebte sie auf ihrem eigenen Planeten. In der DDR suchte sie eine Nische, die noch kleiner war als der Theologenhaushalt der späteren Kanzlerin. „Meine Politisierung hat mit Goethe angefangen“, sagt sie gern. Mit 16 Jahren las sie die Schriften der Weimarer Klassik. Wenig später folgten Kant, Hegel, schließlich Marx. Sie hatte einen festen Arbeitsplan. „Nachmittags las ich zwei, drei Stunden Hegel oder andere klassische Philosophen, dann Marx“, erläuterte sie im Rückblick. „Abends, zur Entspannung, habe ich dann Thomas Mann gelesen, Heine, Lessing, Schiller, die Romantik, die antike Klassik.“

          Ein Studium blieb der Einzelgängerin in der DDR verwehrt, weil sie sich dem sozialistischen Kollektiv verweigerte. Einen Job als Sekretärin an der Humboldt-Universität schmiss sie nach drei Monaten, für sie war das Zeitverschwendung. Erst die Wende ebnete der Zwanzigjährigen Anfang 1990 den Weg an die Uni. Aber eine Abschlussarbeit über Marx wollte damals niemand betreuen. Also wechselte sie ins niederländische Groningen und fand ihren Mentor in dem Philosophen Hans-Heinz Holz, einem orthodoxen Marxisten, der nach dem Mauerfall die DKP neu aufbaute. Über die „Hegelkritik des jungen Marx“ veröffentlichte sie 1997 eine ziemlich konventionelle Arbeit, in der die Begriffe weithin um sich selbst kreisen.

          Lob für Donald Trump

          Es folgte eine radikale Wende, bei der sie sich auf paradoxe Art doch treu blieb. Sie stürzte sich in die Wirtschaftstheorie, verfasste populäre Bücher, begann eine Beziehung mit dem Parteigründer Oskar Lafontaine. An der Technischen Universität Chemnitz schrieb sie eine Dissertation über das Sparverhalten armer Leute, in der sie nachwies, dass finanzschwache Haushalte viel weniger Geld zurücklegen können als oft vermutet. Diesmal argumentierte sie nicht mit Marx, sondern mit Mathematik. Die Studie, die 2013 auf Englisch im Campus-Verlag erschien, ist angefüllt mit jenen komplizierten Formeln, die Nichtökonomen ganz schwindelig machen. Das Literaturverzeichnis umfasste 18 eng bedruckte Seiten. Ihr alter Philosophieprofessor, der 2011 starb, fand Wagenknechts Denken zuletzt „sehr anpasserisch“.

          Mit derselben Konsequenz, mit der sie einst Marx und Hegel studiert hatte, pflügte sie sich durch die klassischen Schriften der Ökonomie. Wie damals geht es ihr eher um ein in sich geschlossenes Gedankengebäude als um den pragmatischen Umgang mit der Wirklichkeit. Noch immer liebt sie die Theorie so viel mehr als die politische Praxis, dass sich manche fragen, ob sie überhaupt eine Politikerin ist - wenn sie nicht gerade wieder eine ihrer gezielten Grenzüberschreitungen nach rechts außen probt, seit die Linke so viele Stimmen an die AfD verlor.

          Neulich lobte Wagenknecht im Bundestag sogar die Investitionspolitik des künftigen amerikanischen Präsidenten: „Offenbar hat selbst ein Donald Trump wirtschaftspolitisch mehr drauf als Sie.“ Diskutiert sie mit AfD-Chefin Frauke Petry, sind sich beide im Ergebnis oft einig, etwa wenn es gegen den Euro geht oder gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin.

          „Märkte darf man nicht abschaffen“

          Aber der Punkt fürs ökonomische Argument geht meist an Wagenknecht. Wie Petry zu behaupten, der Euro sei ausgerechnet für Deutschland eine zu harte Währung gewesen, käme der promovierten Ökonomin nicht in den Sinn. Auf den Podien sitzt sie jetzt oft mit Wirtschaftswissenschaftlern, die ihre Thesen zumindest ernst nehmen. Wenn sie über ökonomische Theorien spricht, dann weiß sie, wovon sie redet.

          Parallel zur Doktorarbeit schrieb sie ihr erstes Buch fürs breite Publikum. Es war eine Abrechnung mit dem Kapitalismus, die mit Ludwig Erhard und den Vätern der Sozialen Marktwirtschaft argumentierte, auch an die verbreitete Sehnsucht nach der angeblich so guten Zeit der alten Bundesrepublik anknüpfte - jenes Grundmuster, das sie in „Reichtum ohne Gier“ jetzt wieder aufgreift.

          „Märkte darf man nicht abschaffen“, schreibt sie nun. „Im Gegenteil, man muss sie vor dem Kapitalismus retten.“ In einer dialektischen Wendung des Begriffs präsentiert sie sich selbst nun als Marktradikale. „Der Markt steht für die anonyme Konkurrenz von prinzipiell Gleichen“, glaubt sie, „er symbolisiert eine Sphäre, die prinzipiell weitgehend herrschaftsfrei ist.“

          Google schaltet für sie den Wettbewerb aus

          Nicht Umverteilung als Reparaturbetrieb ist ihr großes Thema, sondern die primäre Verteilung wirtschaftlichen Wohlstandes über höhere Arbeitseinkommen und niedrigere Preise. Der Markt soll Ungleichheit bekämpfen. Das gute Leben hat sie dabei stets im Blick, am modernen Kapitalismus missfällt ihr auch dessen Anspruchslosigkeit. Ikea-Möbel selbst zusammenzubauen ist ihr zuwider, der Service im Billigflieger zu schlecht. Eine hohe Produktivität findet sie gut, um Ressourcen frei zu machen für den Besuch von Sternerestaurants. Umgekehrt mag sie das bedingungslose Grundeinkommen nicht, weil dann Arbeit nichts mehr zählt.

          Mit ihrem Mann, der sich während seiner kurzen Zeit im Finanzministerium als Weltökonom inszenierte, diskutiert sie viel über diese Fragen. Ihre Lieblingsgeschichte geht so: Bei einem Besuch in Washington habe Lafontaine für eine Regulierung der Finanzmärkte geworben. Die Berater Bill Clintons hätten das mit dem Argument abgeblockt, die Wall Street habe schließlich den Wahlkampf des damaligen Präsidenten finanziert.

          Wagenknecht kritisiert die mächtigen Konzerne, die aus ihrer Sicht den Wettbewerb ausschalten. Dazu zählt sie Internet-Monopolisten wie Google oder Facebook, aber auch wenige große Firmen, die in kapitalintensiven Branchen die Märkte unter sich aufteilen - ob es nun die großen Autohersteller sind oder die Betreiber der Telefonnetze. Solche Kapitalgesellschaften will sie abschaffen.

          Jedes Wort wird betont, als sei es Poesie

          Stattdessen sollen Unternehmer persönlich haften, Firmen in die Hand der Mitarbeiter kommen oder Gesellschaften in öffentlicher Trägerschaft entstehen. Ob das in der Praxis funktioniert, bezweifeln auch treue Zuhörer. In Jena lobt sie den Zeiss-Gründer Ernst Abbe, der sein Unternehmen in eine Stiftung überführte. Für sie ist das der Weg in eine Ökonomie, „in der Eigentum tatsächlich nur noch durch eigene Arbeit entstehen kann und leistungslose Einkommen der Vergangenheit angehören“. Wenngleich der Markt den Erfolg belohnt, nicht die Leistung.

          Dafür lässt sie sich nun überall beklatschen, auch von Leuten, die ihre Schlussfolgerungen gar nicht teilen. „Wer ist unumwunden der Meinung von Frau Wagenknecht?“, fragt die Moderatorin das Jenaer Publikum, nachdem die Besucherin ihr erstes Buchkapitel vorgelesen hat - wie immer den Rücken gerade durchgedrückt, langsam und jedes Wort betonend, als sei es Poesie. Nur eine Minderheit der Leute streckt die Hand nach oben. Dann geht es um die Frage, ob sich die Leute selbst verelendet fühlen: „Wer ist der Meinung, dass das genau sein eigenes Leben beschreibt?“ Jetzt melden sich nur noch ganz wenige.

          Kräftigen Applaus für Wagenknecht gibt es trotzdem. Sogar Bücher des französischen Ungleichheits-Ökonomen Thomas Piketty werden ihr zum Signieren hingehalten, Hauptsache, Kapitalismuskritik. Sie bleibt distanziert wie immer, meidet den Smalltalk, weicht Berührungen aus. Beliebt macht sie sich auch so. Hier an der Uni vor allem, als sie „mies bezahlte, befristete Jobs“ an den Hochschulen beklagt.

          „Es gibt ja auch BWLer, die Keynes nicht kennen“

          Aber dafür ist in Thüringen, nun ja, ihre eigene Partei verantwortlich. Seit zwei Jahren stellt die Linke im Land den Ministerpräsidenten. Die parteinahe Rosa-Luxemburg-Stiftung hat zu dem Abend eingeladen und hinter dem Podium ein Plakat mit der Silhouette der Sozialistin aufgezogen, das zu Vergleichen mit Wagenknechts Äußerem einlädt. Es ist alles andere als eine oppositionelle Veranstaltung, aber auf eine merkwürdige Art spielt das keine Rolle.

          Die örtliche Parteigliederung hat am Eingang Prospekte mit dem Titel „Refugees Welcome“ ausgelegt. Die Thüringer Willkommenskultur wird gerühmt, während Wagenknecht von Berlin aus über verwirktes Gastrecht spricht und über die Konkurrenz um schlechtbezahlte Jobs.

          Hier spricht sie das Thema nicht an, und keiner im Publikum fragt nach. Die Flüchtlinge bleiben außen vor, es ist so etwas wie ein Expertengespräch über die theoretisch bessere Wirtschaftsordnung. Zwei Studenten unterhalten sich halblaut über Sahra Wagenknechts Prominenz. „Ob es wirklich Leute gibt, die sie nicht kennen?“, fragt der eine. „Es gibt ja auch BWLer, die Keynes nicht kennen“, antwortet der andere. Wagenknecht in einer Reihe mit dem Weltökonomen nicht nur aus dem Saarland, sondern gleich aus Cambridge: Dagegen hätte sie gewiss nichts einzuwenden.

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