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RWE : Jürgen Großmann muss Wind machen

Der neue RWE-Chef Jürgen Großmann Bild: dpa

In dieser Woche legt der Energiekonzern RWE seine Führungskrise bei. Der neue Chef übernimmt das Ruder. Das wurde Zeit, denn die Konkurrenz droht davon zu ziehen.

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          Wenn man doch nicht ständig gezwungen würde zu reden. An einem frostigen Februartag im Jahr 2005 hielt der Stahlunternehmer Jürgen Großmann im Leineschloss zu Hannover auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung einen Vortrag, aus dem eines klar hervorgeht: Er ahnte damals noch nichts von seinem Karrieresprung an die Spitze des Energiekonzerns RWE.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          „Wie kommt die Wirtschaft wieder in Fahrt?“ war der Titel des launigen, geistreichen Vortrages, der auch die Energiepolitik zum Inhalt hatte. Großmann beklagte, dass die Strompreise wieder so hoch seien wie in Zeiten vor der Liberalisierung, um dann zu ergänzen: „Schlimmer noch: Das Strom-Oligopol funktioniert besser denn je. Es lässt sich nur aufbrechen, wenn wir Erzeugung und Verteilung von Energie entflechten.“ Mit Betonung auf dem Wort „entflechten“, das in der gedruckten Version des Vortrags kursiv gesetzt ist.

          Düstere Perspektiven für die großen Versorger

          Zu einer schlechteren Zeit hätte dieses Zitat kaum auftauchen können. Denn die europäischen Energieversorger fechten einen Kampf gegen die EU-Kommission aus, die gerade die Entflechtung betreibt. Die Brüsseler wünschen sich wie einst Großmann mehr Wettbewerber und wollen deshalb die Trennung von Energieerzeugung und Übertragungsnetz. Großmann kommentiert seine Worte von damals nicht. Er schweigt, solange er noch nicht bei RWE ist. Die Kommission will Gasleitungen und Hochspannungsnetze in die Hand unabhängiger Gesellschaften geben, dann hätten Wettbewerber leichteren Zugang, lautet die Hoffnung der EU-Kommission. Für die großen deutschen Versorger wie Eon oder RWE sind das düstere Perspektiven: Sie verlören lukrative Sparten.

          So schön ist RWE: das Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf
          So schön ist RWE: das Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf : Bild: picture-alliance/ dpa

          Kein Wunder, dass die Konzerne gegen die Idee seit Monaten Sturm laufen. Doch die Kommission will sich nicht einschüchtern lassen. Sie liebäugelt mit der Idee einer Zerteilung der Gesellschaften in zwei völlig voneinander unabhängige Aktiengesellschaften und will diesen Vorschlag in der kommenden Woche präzisieren.

          RWE kommt Brüsseler Vorstoß besonders ungelegen

          Eine Enteignung wäre zu vermeiden, wenn zum Beispiel die RWE-Aktionäre für ihre Aktie zwei neue bekämen: eine für die RWE-Produktion und eine fürs Netz. Für die Konzernvorstände ist die Schrumpfung ihres Zuständigkeitsgebietes ein schreckliches Szenario. Deutschland und Frankreich versuchen, das Schlimmste für ihre Unternehmen abzuwenden und milderen Formen der Teilung zwischen Energieerzeugung und den Netzsparten zum Durchbruch zu verhelfen.

          RWE kommt der Vorstoß aus Brüssel besonders ungelegen. Der Konzern hat auch so genug zu tun. Nach den finanziell höchst erfolgreichen Jahren unter dem Niederländer Harry Roels ist nun mit einer Neuausrichtung der Konzernstrategie zu rechnen.

          Fischers Schicksal weiter fraglich

          Personell sind die ersten Weichen dafür gestellt: Roels wird vorzeitig weichen, um Platz für Großmann zu machen, der nun doch am 1. November das Ruder allein übernimmt. Auch wenn die vorzeitige Auflösung von Roels' Vorstandsvertrag noch nicht unterzeichnet ist, bis zur Aufsichtsratssitzung am Donnerstag der kommenden Woche dürften die letzten Details geklärt sein.

          Fraglich bleibt das Schicksal des RWE-Aufsichtsratsvorsitzenden Thomas Fischer, der vom Chefposten bei der West LB nach dramatischen Fehlspekulationen seiner Mitarbeiter entbunden wurde. Ende September will die Finanzaufsicht Bafin einen Bericht der mit der Durchleuchtung betrauten Wirtschaftsprüfer von KPMG vorlegen. Wird Fischer darin belastet, dürfte er auch als Aufsichtsratsvorsitzender der RWE nicht mehr zu halten sein. Auch das dürfte Thema der RWE-Eigentümer in dieser Woche werden.

          Suez und Gaz de France ziehen an RWE vorbei

          Die Führungsfragen müssen schnell geklärt werden, weil auf dramatische Entwicklungen reagiert werden muss: Die französischen Konkurrenten Suez und Gaz de France sind durch ihre Fusion an den Essenern vorbeigezogen und haben nun die Finanzkraft für ganz große Übernahmen: Sie könnten sich sogar RWE leisten, hat Analyst Chris-Oliver Schickentanz von der Dresdner Bank ausgerechnet. Erleichtert würde die Finanzierung durch die großen Cash-Position des Konzerns, die Ende Juni bei 12 Milliarden Euro lag. Rechnet man die rund sechs Milliarden aus dem beschlossenen Verkauf der Tochter American Water hinzu, wäre das fast die Hälfte des Börsenwerts (Marktkapitalisierung von 43 Milliarden Euro) von RWE.

          Genervt ist das RWE-Management, dass ihm immer häufiger der größte inländische Konkurrent Eon als leuchtendes Vorbild vorgehalten wird: Die Düsseldorfer können wieder einen Erfolg vermelden. Der Energiekonzern steht vor einem milliardenschweren Einstieg in den russischen Strommarkt. Im Bieterverfahren um ein Großkraftwerksunternehmen in Russland hat das Unternehmen gute Aussichten, nachdem es das beste Gebot abgegeben hat. Der geplante Kauf hat ein Volumen von 4,1 Milliarden Euro.

          „Eon zeigt RWE, wie man es machen muss“

          Auch in Sachen Ökostrom sind die Düsseldorfer den Essenern voraus. In den nächsten zehn Jahren will Eon 5 Milliarden für erneuerbare Energien ausgeben. „Eon zeigt RWE, wie man es machen muss. Man verdient auf langfristige Sicht Geld und gewinnt das Image eines umweltfreundlichen Unternehmens“, sagt Theo Kitz, Energieexperte der Münchner Privatbank Merck Finck.

          Großmann wird Großinvestitionen vor allem in der Windenergie forcieren, nicht zuletzt, um RWE den Ruf als CO2-Schleuder zu ersparen. Der Konzern hat große Kohlekraftwerkskapazitäten. Spekuliert wird auch über einen Einstieg in den Kraftwerksbau. Die Branche weiß sich vor Aufträgen nicht zu retten, die Preise sind dramatisch gestiegen.

          Schließlich wird Großmann die regionale Konzentration auf wenige Länder aufweichen. In den Fokus kommen nicht nur die Türkei und Rumänien, sondern auch die Benelux-Länder. In den Niederlanden ist gerade die Fusion zwischen Nuon und Essent geplatzt. Die Essener zählen schon mal ihr Geld.

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