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Russland : Yukos auf dem Weg zur Liquidierung

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Das Yukos-Vermögen wird schrittweise aufgeteilt Bild: AP

Hauptaktionär Chodorkowskij sitzt seit Jahren in Haft. Sein Unternehmen wird jetzt endgültig zerschlagen. Für Putin ist das die Gelegenheit, noch vor Ende seiner Amtszeit die staatliche Kontrolle in der Energiewirtschaft noch weiter auszubauen.

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          An diesem Dienstag erfolgt in Moskau der erste Schritt zur endgültigen Liquidierung des privaten Ölkonzerns Yukos. Der ehemalige Hauptaktionär und Vorstandschef des einst größten russischen Ölkonzerns, Michail Chodorkowskij, verbüßt in Sibirien eine langjährige Haftstrafe. Auf einer Auktion werden 9,44 Prozent Anteile am staatlichen Ölkonzern Rosneft aus dem Besitz des insolventen Yukos-Konzerns versteigert.

          Insolvenzverwalter Eduard Rebgun hat den Einstiegspreis nach jüngsten Berichten auf 6,78 Milliarden Dollar festgesetzt, was einem Abschlag auf den Markwert des Aktienpaketes von 25 Prozent entspricht. Rosneft will die Aktien über das Tochterunternehmen Rosneft Raswitije zurückkaufen, dem dafür 9 Milliarden Dollar aus einem Großkredit westlicher Banken zugewiesen wurden.

          Das britisch-russische Gemeinschaftsunternehmen TNK-BP will über das Tochterunternehmen Samotlorneftegas ebenfalls mit bieten. British Petroleum hält 50 Prozent an TNK-BP. Die andere Hälfte teilen sich die russischen Industriepotentaten Wiktor Wechselberg (Renova), Michail Friedman (Alfa Group) und Len Blawatnik (Access Industries).

          Zerschlagung des Yukos-Konzerns

          Der russische Staat hatte Ende 2004 mit der Zerschlagung des Yukos-Konzerns begonnen und dessen Herzstück, die Ölfördertochter Yugansanskneftegas wegen Steuerschulden zwangsversteigern lassen, obschon Yukos bereit war, zu zahlen. Ziel war es, die staatliche Kontrolle über den Rohstoffsektor, insbesondere die Ölbranche auszuweiten. Rosneft gelang es im Zuge dieser Aktion, sich die Yukos-Tochtergesellschaft zu einem Preis einzuverleiben, der unter dem Marktwert lag.

          Der Staatskonzern stieg dadurch zum zweitgrößten Ölkonzern Russlands nach Lukoil auf. An Lukoil ist der Conoco-Philipps Konzern mit rund 17 Prozent beteiligt. Mehr als 20 Prozent der Anteile sind im Besitz des Managements, an dessen Spitze der Lukoil-Anteilseigner Wagit Alekperow steht, der allein 13 Prozent der Aktien besitzen soll.

          Klage wegen unrechtmäßiger Einverleibung

          Im Sommer vergangenen Jahres gelang Rosneft ein spektakulärer Börsengang. BP hatte zur Unterstützung dieses Vorhabens Aktien im Wert von einer Milliarde Dollar gezeichnet, während die Besitzer von Yukos den Börsengang wegen der zuvor erfolgten unrechtmäßigen Einverleibung von Yuganskneftegas gegen den Gang an die Börse klagten. BP arbeitet überdies mit Rosneft bei der Ausbeutung eines Teils der Öl- und Gasfelder vor der russischen Insel Sachalin zusammen.

          Zudem ist TNK-PB Haupteigner des Kowykta-Erdgasfeldes im sibirischen Gebiet Irkutsk, mit einem geschätzten Vorrat von 1,9 Billionen Kubikmetern. In letzter Zeit waren Befürchtungen aufgetaucht, der russische Staat könne auf ähnliche Weise wie zuvor im Falle des Fördervorhabens Sachalin 2, als der Konsortialführer Shell dazu genötigt wurde, seine Mehrheit an den staatlichen Gaspromkonzern abzutreten, Gasprom auch die Übernahme des Kowykta-Feldes zuschanzen.

          Die „Elefantenhochzeit“ wurde verhindert

          Fast zeitgleich mit dem Börsengang von Rosneft setzten die Gläubiger, darunter als Hauptgläubiger die russische Steuerbehörde, durch, dass der Yukos-Konzern für insolvent erklärt wurde. Rebgun entschied, das restliche Vermögen zu versteigern. Dessen Wert wurde im Januar auf rund 22 Milliarden Dollar geschätzt. Die nächste Versteigerung soll voraussichtlich am 4. April stattfinden. Weitere Versteigerungen werden in den kommenden Wochen und Monaten folgen.

          Zu den besonders lukrativen Werten aus dem Vermögen von Yukos gehört ein Anteil von 20 Prozent an dem Ölunternehmen Gaspromneft, dem vormaligen Sibneft. Sibneft gehörte zu den fünf führenden Ölkonzerne in Russland. Der Oligarch Roman Abramowitsch besaß die Mehrheit der Anteile. Eine „Elefantenhochzeit“, die Fusion von Yukos und Sibneft zu einem Großkonzern der Weltklasse, wurde vom Kreml jedoch verhindert. Vor zwei Jahren verkaufte Abramowitsch, sicherlich um Schwierigkeiten der Art zu vermeiden, die Chodorkowskij zum Verhängnis geworden waren, seine Sibneft -Anteile an den staatlichen Erdgasmonopolisten Gasprom.

          20 Prozent verblieben bei Yukos. Für Gasprom war der Erwerb der Mehrheit an Sibneft der große Einstieg ins Ölgeschäft und es heißt, der Konzern wolle diesen Weg weitergehen. Gasprom daher wird unter den Bietern für den Yukos-Anteil Gaspromneft (Sibneft) erwartet. Aus dem Yukos-Bestand kommen demnächst ebenfalls die Erdölförderunternehmen Samaraneftegas und Tomskneftegas sowie fünf Raffinerien und das Gasförderunternehmen Arctic Gas unter den Hammer.

          Kapitalzufuhr wird dringend benötigt

          Russland hat klar gemacht, dass es ausländische Mehrheitsbeteilungen weder an den großen Öl- und Gasunternehmen duldet, noch an den Konsortien zur Ausbeutung von Öl- und Gasfeldern wie vor Sachalin, die als strategisch bedeutend eingestuft werden. Die angekündigte gesetzliche Regelung dieser Frage steht aber noch aus.

          Russische Bebachter sehen im „Ausverkauf“ des Yukos-Vermögens, bei dem wohl vor allem die beiden Staatskonzerne Rosneft und Gasprom, und zwar mit Hilfe westlicher Kredite, zum Zuge kommen werden, auch den Versuch, rechtzeitig vor dem Ausscheiden Putins aus dem Präsidentenamt die Kontrolle des Staates, beziehungsweise jener Gruppe, die derzeit an der Macht ist, über wichtige Ressourcen weiter auszubauen.

          Als „Juniorpartner“ werden ausländische Unternehmen in Russland indes akzeptiert, weil man dringend Kapitalzufuhr für Investitionen und modernste Technik zur Ausbeutung schwierig gelagerter Rohstoffvorkommen benötigt. Bei der Versteigerung des restlichen Yukos-Vermögens sind Ausländer zumindest als Mitbieter gern gesehen - ob sie den Zuschlag erhalten steht auf einem anderen Blatt -, weil sie die Legitimität des Vorhabens aufwerten. Denn die Yukos-Besitzer stellen die Rechtmäßigkeit der Zwangsversteigerungen in Frage und kritisieren sie als „Staatsdiebstahl“.

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