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Russlands Wirtschaft und die Ukraine : Putin zahlt einen hohen Preis

  • -Aktualisiert am

Der Rubel im Trubel: Der Kurs der russischen Währung hat abgewertet Bild: REUTERS

Die Ukraine-Krise macht der ohnehin lahmenden russischen Wirtschaft schwer zu schaffen. Der schwache Rubel treibt die Preise und die Wachstumsaussichten haben sich verdüstert.

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          Russland zahlt einen wachsenden Preis für die störrische Politik des Kremls in der Ukraine-Krise. Durch den anhaltenden Konflikt verschlechtert sich die bereits schwache Wirtschaftslage im drittgrößten Schwellenland zusätzlich. Die Regierung korrigierte diese Woche ihre Wachstumsprognose für das Bruttoinlandprodukt in diesem Jahr von 2,5 Prozent auf im besten Fall 1,1 Prozent. Analysten sind pessimistischer, und selbst damit dieses „beste“ Szenario eintritt, müsse laut dem Minister für wirtschaftliche Entwicklung die Budgetregel gelockert werden, um die Staatsausgaben steigern und die Wirtschaft stützen zu können. Russland hatte 2012 eine international gelobte Haushaltsregel eingeführt, die der Ausgabenexpansion Grenzen setzt. Nun droht der Regel ein ähnliches Schicksal wie ihrer Vorgängerin, die bereits kurz nach ihrer Verabschiedung in der Finanzkrise wieder gekippt worden war.

          Jene Stimmen, die ein Eingreifen des Staates fordern, mehren sich – zum einen, weil der inländische Konsum allmählich an Schwung verliert, zum anderen wegen der bereits rückläufigen Anlageinvestitionen. Unter ausländischen Unternehmen in Russland ist die Stimmung derweil gelassener, als sich angesichts des Schlagzeilengewitters vermuten ließe. Ihre kurzfristige Sorge gilt nicht der verfahrenen Situation an einem westlichen Grenzabschnitt des Riesenreiches, sondern in erster Linie der schwachen Wirtschaftslage, besonders dem unter Druck geratenen Rubel. Der ist wegen der Ukraine-Krise zwar nochmals abgesackt, doch auch ohne sie hatte er im vergangenen Jahr bereits an Wert verloren. Unter dem Strich notieren Euro und Dollar heute rund 20 Prozent stärker als Anfang 2013. Das schmälert entweder direkt die Erlöse ausländischer Unternehmen in ihrer Heimatwährung, oder es zwingt sie zu Preiserhöhungen, die sich in dem bereits schwierigen Umfeld am Ende ebenfalls in Umsatzrückgängen niederschlagen können.

          Kleine und mittlere Unternehmen nehmen Abstand von Russland

          Ferner verteuert der schwache Rubel Importe, darunter auch Vorleistungen oder Bauteile, die für die lokale Produktion in- wie ausländischer Unternehmen benötigt werden. Da Russland keine konkurrenzfähige Zulieferindustrie besitzt, bei der sich hiesige Produzenten alternativ bedienen können, lassen sich solche Kosten kaum umgehen. Absicherungen am Finanzmarkt gegen Währungsschwankungen werden meist nur von größeren Unternehmen genutzt. Russland, wegen vieler struktureller Probleme ohnehin kein so günstiger Produktionsstandort, wie man es bei einem Schwellenland vermuten sollte, wird für die Unternehmen noch teuer.

          Umsätze und Gewinne gehen derzeit auch zurück, weil viele Russen wachsende Teile ihres Einkommens zur Grundversorgung aufwenden müssen. Mehr als die Hälfte aller Lebensmittel werden importiert, und der schwache Rubel treibt die Preise. Lebensmittel waren im März 8,4 Prozent teurer als ein Jahr zuvor, was wesentlich zum Anstieg der Inflationsrate von 6,2 auf 6,9 Prozent im Februar beitrug. Auch wenn sich der Rubel jetzt stabilisiert zu haben scheint, rechnen Analytiker für die kommenden Monate mit weiteren Preissteigerungen – weniger bei Lebensmitteln, sondern eher bei anderen Produkten, deren Lagerbestände langsam sinken. Eine preisdämpfende Wirkung könnte die verringerte Nachfrage aufgrund der Wirtschaftsschwäche möglicherweise erst ab Sommer entfalten.

          Aber in diesen Tagen bröckelt nicht nur das, was bereits vorhanden ist – Künftiges droht gar nie Realität zu werden. Ausländische Schwergewichte wie Siemens oder Volkswagen oder auch Konzerne aus dem Rohstoffsektor beurteilen ihre geschäftlichen Perspektiven in Russland zwar sehr nüchtern und im Zweifel positiv. Kleine und mittlere Unternehmen jedoch, die gerade auf dem Sprung nach Russland waren und zur Entwicklung des Landes beigetragen hätten, haben ihre Pläne oft auf Eis gelegt. Wie aus Unternehmerkreisen zu hören ist, sei die Erwartungsunsicherheit derzeit einfach zu hoch.

          Ein schnelles Ende ist unwahrscheinlich

          Kleine Unternehmen besitzen meist keine eigenen Research-Abteilungen, sie stützen sich auch auf Eindrücke aus den Medien. Dort lesen und hören sie von immer mehr abenteuerlichen russischen Ideen – etwa von der Verstaatlichung der Anlagen ausländischer Unternehmen und anderen nationalistischen, protektionistischen Ideen zur Substitution ausländischer durch russische Produkte. Auch wenn das Marktpotential mittelfristig groß sein mag: Welcher Mittelständler möchte gerade jetzt sein Geld darauf wetten, dass Moskau bei Vernunft bleibt? Der Reputationsschaden sei enorm, wird in der Wirtschaft geklagt.

          Die Perspektiven werden auch im Land selbst nicht nur durch die rosarote Brille gesehen. Der private Netto-Kapitalabfluss betrug im ersten Quartal knapp 64 Milliarden Dollar, wie aktuelle Daten der Zentralbank zeigen. Das war so viel wie im ganzen Jahr 2013. Der Leistungsbilanzüberschuss, mit dem diese Zahl als rechnerische Gegengröße normalerweise korrespondiert, fiel in den ersten drei Monaten weniger als halb so hoch aus wie der Kapitalabfluss. Die Krisensymptome mehren sich: Haushalte fragten im ersten Quartal ausländisches Geld in Höhe von knapp 20 Milliarden Dollar nach, der höchste Wert seit dem Krisenjahr 2008 und ein dramatischer Anstieg zum Vorquartal. Mit einem ähnlichen Sprung wuchsen die Auslandsanlagen russischer Banken um 35 Milliarden Dollar. Russland und sein Rubel gelten nur noch eingeschränkt als sicher.

          Wie lange währt die wirtschaftliche Lähmung, die im Land um sich greift? Nach zwei Monaten der politischen Krise scheint ein schnelles Ende unwahrscheinlich, und wenn sich dereinst eine neue ökonomische Normalität einstellt, so droht sie auf einem qualitativ schlechteren Entwicklungspfad zu liegen. Wie sich die nationalistische und protektionistische Politrhetorik in jene wirtschaftsfreundlichen und liberalen Reformen zu verwandeln vermag, die Russland dringend braucht – darüber wagen die wenigsten Beobachter zu spekulieren.

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