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„Groteske Idee“ : Steckt Russland hinter der Anti-Fracking-Bewegung?

  • -Aktualisiert am

Harte Anschuldigungen: Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen wirft Russland vor, Anti-Fracking-Proteste zu unterstützen. Bild: dpa

Der Chef der Nato wirft Moskau vor, heimlich Umweltverbände zu unterstützen. Russland habe ein Interesse daran, Europa so weiter mit Gasimporten gefügig zu halten. Die Umweltverbände verspotten die Äußerungen.

          Der Vorwurf klingt ungeheuerlich: Finanziert der russische Geheimdienst den Widerstand gegen die umstrittene Fracking-Erdgasförderung in Europa, um Moskaus Gasexporte abzusichern? Erhoben wird diese Anschuldigung von Anders Fogh Rasmussen, dem Generalsekretär des westlichen Verteidungsbündnisses Nato. Russland engagiere sich bei Umweltschutzorganisationen im Kampf gegen das Fracking, „um die europäische Abhängigkeit von russischem Importgas aufrechtzuerhalten“, warnte der Däne in einer Rede in London. Rasmussen, der bis 2009 Ministerpräsident seines Landes war, sprach von einer „ausgeklügelten Informations- und Desinformationsoperation“ der Russen, nannte aber keine Einzelheiten.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Russlands Umweltminister Sergeij Donskoi wies Rasmussens Äusserungen am Freitag auf seiner Facebook-Seite als lachhaft zurück. Der Nato-Generalsekretär solle seine Berater austauschen, um sich beim nächsten Mal nicht wieder zum Gespött von Experten zu machen. In Kreisen der europäischen Öl- und Gasindustrie hieß es dagegen, die Gerüchte um die Verbindungen Russlands zur Anti-Fracking-Bewegung in Europa seien seit längerem bekannt. Vom internationalen Branchenverband OGP und vom deutschen Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung war allerdings keine Stellungnahme zu erhalten. Für die Branche sind solche Anschuldigungen gegen Moskau heikel, weil das energiereiche Russland für viele Konzerne ein wichtiger Geschäftspartner ist.

          Umweltschutzverbände reagierten mit Spott und Empörung auf die Äußerungen Rasmussens. „Die Idee, dass wir Putins Marionetten sein sollen, ist so grotesk, dass man sich fragt, was für Sachen die im Nato-Hauptquartier rauchen“, sagte ein Sprecher von Greenpeace. Rasmussen solle sich an die Fakten halten, statt Verschwörungstheorien zu spinnen. Greenpeace verweist darauf, dass Aktivisten der Organisation vergangenes Jahr in Russland ins Gefängnis geworfen und mit langen Haftstrafen bedroht worden seien. Auch der deutsche Umweltschutzverband BUND weist die Darstellung des Nato-Chefs zurück: „Uns ist keinerlei Einmischung russischer Unternehmen oder staatlicher Stellen in die Anti-Fracking-Arbeit in Deutschland bekannt“, sagte die BUND-Klimaexpertin Antje von Broock dieser Zeitung. Es gebe auch keine zweckgebundene Spenden: „Die aktuelle Arbeit zu Fracking wird ausschließlich durch Eigenmittel finanziert“, sagte sie.

          Russland ist der wichtigste Gaslieferant

          Allerdings liegt es auf der Hand, dass Russland kein Interesse daran haben kann, dass die Fracking-Förderung in Europa den Durchbruch schafft: Der staatliche russische Energieriese Gasprom erzielte mit dem Erdgasverkauf nach Europa vergangenes Jahr rund ein Drittel seines Konzernerlöses. Bisher ist die Europäische Union auf Moskaus Lieferungen stark angewiesen. Russland ist mit einem Drittel der Importe der wichtigste Gaslieferant der EU. Neben anderen Mitgliedsstaaten ist auch Deutschland vom russischen Gas abhängig. Welches politische Erpressungspotential damit verbunden ist, zeigt die schwelende Ukraine-Krise, die auch die europäische Versorgung gefährden könnte.

          Ob die Fracking-Erdgasförderung in Europa jemals eine Alternative zum russischen Gas sein wird, ist bisher unklar. In vielen Ländern ist der Widerstand in der Bevölkerung groß. Umweltschützer befürchten unter anderem, dass Chemikalien, die bei solchen Bohrungen in großen Mengen eingesetzt werden, das Grundwasser vergiften könnten. In Deutschland machen Gegner unter anderem in Niedersachsen und am Bodensee Front gegen das Fracking. Die Bundesregierung in Berlinwill strenge Sicherheitsauflagen erlassen. Vor allem in Frankreich, Polen und Rumänien werden große Vorkommen an sogenanntem unkonventionellen Erdgas und auch Erdöl vermutet, die mithilfe der Fracking-Methode gefördert werden könnten. Auch Deutschland könnte dank neuer eigener Quellen seine Abhängigkeit von Importen verringern.

          Russland verfolgt die europäische Fracking-Debatte aufmerksam, denn das Land hat schon einmal eine Revolution im Energiegeschäft verschlafen: Seit der amerikanische Markt sich dank der Fracking-Förderung selbst versorgen kann, sind große russische Projekte wie die lange vorangetriebene Erschließung des Schtokman-Feldes in der Barentssee unrentabel geworden. Schtokman hätte für den Export in die Vereinigten Staten fördern sollen. Gasprom verlor dadurch viel Geld.

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