https://www.faz.net/-gqe-7xlak

Kursabsturz : Russland in der Rubel-Krise

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Seit einem Jahr fällt der Rubel - zuletzt immer schneller. Die russische Notenbank greift zur Notbremse und erhöht die Leitzinsen über Nacht drastisch. Doch auch die Notbremse scheint zunächst nicht zu greifen.

          Die Zeit der Zurückhaltung ist für die russische Notenbank vorbei. Nachdem Dollar und Euro am Montag gegenüber dem Rubel 10 Prozent an Wert zulegten, haben die Währungshüter in der Nacht auf Dienstag die Notbremse gezogen. Sie erhöhten die Leitzinsen drastisch: Unter anderem wurde der Schlüsselzins für einwöchige Refinanzierungsgeschäfte der Geschäftsbanken (Repos) um 6,5 Prozentpunkte auf 17 Prozent gewuchtet. Damit folgt auf den größten Währungsverlust an einem Tag seit 1998 auch der größte Zinsschritt an einem Tag seit 1998. In jenem schicksalsträchtigen Jahr konnte Russland schließlich seine Inlandsschulden nicht mehr bedienen. Diese Gefahr besteht derzeit nicht, aber die Turbulenzen am Devisenmarkt haben Ausmaße angenommen, die weitaus mehr mit Hysterie als mit Fundamentaldaten zu tun haben.

          Am Dienstagmorgen reagierte der Rubel zunächst sehr positiv auf die nächtliche Überraschung; Dollar und Euro verloren bis zu 9 Prozent an Wert. Um Mittag Ortszeit waren sie aber bereits wieder bis zu 3 Prozent stärker als zum Handelsschluss am Vorabend. Ein Dollar ist mehr wert als 65 Rubel, ein Euro mehr als 80 Rubel. Anfang des Jahres waren es 33 Rubel je Dollar, beziehungsweise 45 Rubel je Euro. Die Volatilität ist enorm.

          Die Sberbank, Russlands größtes Kreditinstitut, bleibt zurückhaltend: Die Lage am Markt erfordere ungewöhnliche Maßnahmen, und die seien nun getroffen worden. Aber auch sie könnten sich als unzureichend erweisen, heißt es in einer Stellungnahme. Aus Sicht der Sberbank wäre die Notenbank gut beraten, in großem Stil am Devisenmarkt zu intervenieren, selbst wenn dabei die Währungsreserven dahinschmelzen (ihre internationalen Reserven beliefen sich Ende November auf 419 Milliarden Dollar, davon 374 Milliarden Dollar in Fremdwährung). Die Alfa Bank erwartet, dass bei dem nun herrschenden Zinsniveau die bereits schwächelnde russische Wirtschaft 2015 deutlich in die Rezession rutschen wird.

          Wahl zwischen Pest und Cholera

          Die russische Notenbank scheint die Wahl zu haben zwischen Pest und Cholera: Der Bekämpfung des Rubel-Verfalls über Interventionen, die allerdings bisher erfolglos blieben, oder über höhere Zinsen, die der Volkswirtschaft zusätzliche Lasten aufbürden. Wie sie zwischen beiden Instrumenten wechselt, wirkt nicht immer konsistent: Anfang November überließ die Notenbank den zuvor in einem Korridor gehaltenen Rubel ganz den Marktkräften, drohte allerdings mit Interventionen zur Wahrung der Finanzmarktstabilität. Dies beruhigte den Wechselkurs einige Wochen, bis der Erdölpreis weiter abrutschte und auch der Rubel wieder bröckelte.

          Seither war die Notenbank wieder mit kleinen Interventionen im Markt, die allerdings nur Volatilitätsspitzen glätteten, aber den Trend nicht drehen konnten. Am vergangenen Donnerstag hob sie schließlich den Leitzins schon einmal an – allerdings nur in einem relativ geringen Ausmaß, um die Inflation einzudämmen. Am Montag wiederum, als der Rubel einbrach und man tatsächlich mit einer Stabilitätsgefahr argumentieren konnte, verzichtete sie auf große Eingriffe am Devisenmarkt.

          Der Zerfall des Rubels hatte Anfang 2014 aufgrund der Wirtschaftsschwäche und der Ukraine-Krise begonnen und sich dann wegen den Sanktionen des Westens und den russischen Gegenmaßnahmen beschleunigt. Seit Sommer nahm der Abstieg mit der Korrektur des Erdölpreises nochmals an Tempo zu. Zwei Drittel der russischen Exporte bestehen aus Erdöl und Erdgas, wobei sich der Gaspreis am Erdölpreis orientiert. Die Hälfte des Staatshaushalts wird mit Steuern auf die Förderung und den Export dieser Produkte bestritten. Doch selbst wenn ein Fass der Nordseesorte Brent inzwischen bei 60 Dollar steht – Anfang Juli waren es noch 110 Dollar –, so ist die jüngste Rubelvolatilität mit der Ölkorrelation nicht mehr zu erklären. Spekulation und Panik scheinen nun Hand in Hand zu gehen.

          Für die russische Wirtschaft hat der Rubelzerfall auch abseits der Leitzinserhöhung schwerwiegende Folgen. Ironischerweise nicht leiden muss das Staatsbudget, denn der fallende Rubel gleicht einen fallenden Erdölpreis aus. Auch die in Fremdwährung anfallenden Einnahmen der großen Rohstoffkonzerne werden stabilisiert. Umso schwerer wiegen dagegen die umfangreichen Auslandsschulden der russischen Firmen, die sich kumuliert im hohen dreistelligen Dollar-Milliardenbereich bewegen. Die Bedienung der Zinsen und die Rückzahlung dieser Verbindlichkeiten wird immer teuer – genau wie importierte Vorprodukte, auf welche die russische Industrie angewiesen ist.

          Gleichzeitig halten sich russische Banken mit Krediten zurück, da sie zur eigenen Refinanzierung das Geld immer stärker beisammenhalten müssen. Nicht zuletzt drückt der Rubel-Zerfall auf den Konsum, da viele Produkte in den Läden teurer werden. Die Inflation hat bereits über 9 Prozent erreicht. Es ist derzeit nicht klar ersichtlich, wie die russische Notenbank diesen wirtschaftlichen Teufelskreis durchbrechen kann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Europäisches Tandem: Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian (links) und sein deutscher Amtskollege Heiko Maas am Mittwoch in Paris

          Plan wider die Lähmung : So wollen Maas und Le Drian Europa stärken

          Das deutsch-französische Tandem stockt. Die Außenministerien in Berlin und Paris haben hinter den Kulissen ein Programm entwickelt, wie es künftig besser laufen kann – und Europa handlungsfähiger werden soll.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.