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Rußland : Bedenken gegen Börsengang von Rosneft schwinden

  • Aktualisiert am

Gut sichtbar bei Rosneft: der Kreml Bild: AP

Vor der viertgrößten Emission aller Zeiten: Institutionelle Investoren haben bereits ausreichend gezeichnet. Strategisches Interesse an russischem Öl zeigen große Konzerne aus China, Indien, Malaysia, aber auch BP und Shell.

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          Der umstrittene Börsengang des russischen Energiekonzerns OAO Rosneft wird nicht scheitern, wie von Kritikern der Transaktion in der Londoner City vermutet. Im Gegenteil: bereits eine Woche vor Ende der Zeichnungsfrist und Handelsbeginn der Aktie Ende kommender Woche haben ausreichend institutionelle Investoren gezeichnet. In Kreisen des Bankenkonsortiums, das mit der Börseneinführung betraut wurde, geht man davon aus, daß die Emission im Laufe der kommenden Woche deutlich überzeichnet wird.

          Das Konsortium umfaßt ABN Amro Rothschild, Dresdner Kleinwort, JP Morgan Chase, Morgan Stanley und OAO Sberbank. Die Gesamtemission hat ein Volumen von 11,6 Milliarden Dollar und wäre damit der viertgrößte Börsengang der Welt nach NTT DoCoMo Inc, Enel SpA und der Deutsche Telekom AG. Die Emission wäre damit auch etwas größer als der Börsengang der Bank of China vor vier Wochen mit 11,2 Milliarden Dollar.

          Ausreichend viele Investmentfonds

          Abgesehen von großen Mineralölkonzernen aus China, Indien, Malaysia, der Investmentgesellschaft Temasek und den westlichen Konzernen Shell und BP, die alle mehr oder weniger deutliches Interesse an der Emission gezeigt haben, hatten bereits Mitte dieser Woche ausreichend viele Investmentfonds gezeichnet, "so daß schon jetzt absehbar ist, daß die Struktur der Aktionäre ausgeglichen sein wird", hieß es in London in Kreisen des Konsortiums. Die Aktien kommen als "depository receipts" an den London Markt. Ein Teil der Emission ist der Börseneinführung in Moskau vorbehalten. Der Emissionskurs soll zwischen 5,85 und 7,85 Dollar liegen, was Rosneft eine Bewertung von umgerechnet 60 bis 80 Milliarden Dollar geben würde, fast 25 Prozent mehr als der größte russische Mineralölkonzern Lukoil.

          Der Emissionsprospekt warnt vor staatlichem Einfluß

          Obwohl die Emission die größte Börseneinführung für die Londoner Aktienbörse in diesem Jahr sein wird und den größten Börsengang eines russischen Unternehmens in London darstellt, ist die Emission auch in der Londoner City nicht unumstritten. Institutionelle Investoren stießen sich zunächst an den rechtlichen Risiken, die Rosneft möglicherweise aus rechtlichen Schritten drohen, die amerikanische Aktionäre von Yukos gegen Rosneft ergriffen haben. Rosneft hatte in einer umstrittenen Auktion im Jahr 2004 gut 70 Prozent seiner Produktionskapazitäten erstanden, als Rosneft die Gesellschaft Yuganskneftegas von dem politisch unter Druck stehenden Konzern Yukos zu einer extrem niedrigen Bewertung übernehmen konnte. Karina Litvak, Chefin für Corporate Governance bei F&C Asset Management, hatte sich daher bereits vor Wochen gegen die Börseneinführung von Rosneft ausgesprochen und betont, die Fondsgesellschaft werde die Finger von Rosneft halten, da die Rechtsrisiken des Konzerns nicht überschaubar seien.

          Emissionsprospekt gespickt mit Warnungen

          In der Tat ist der Emissionsprospekt von Rosneft gespickt mit Hinweisen und Warnungen an potentielle Aktionäre, die den staatlichen, politischen Einfluß auf die Gesellschaft herausstellen, die rechtlichen Risiken betonen, gar auf Kriminalität und Korruption in der russischen Geschäftswelt hinweisen. Aber je näher der Börsengang kommt, desto mehr scheinen diese Bedenken in den Hintergrund zu treten.

          Ein zweiter Kritikpunkt, nämlich der hohe Preis und die damit hohe Bewertungsprämie gegenüber dem Konkurrenten Lukoil, hat in den vergangenen Tagen ebenfalls an Gewicht verloren. Die Aktienmärkte der Schwellenländer haben sich wieder etwas erholt, damit auch die Bewertung von Lukoil. Entsprechend ist die Bewertungsprämie von Rosneft gegenüber Lukoil etwas zusammengeschmolzen. Dennoch stellt die hohe Bewertung trotz ihrer Rechtfertigung durch die großen Expansionsvorhaben des Konzerns eine Hürde für viele kleinere Investoren und Fondsgesellschaften dar, die in den Zeiten des derzeit volatilen Marktes keinen böse Überraschung erleben wollen.

          Allen voran die Chinesen

          Die Emission wird allerdings weitgehend von großen Investoren getragen, die unabhängig von Bewertungen und rechtlichen Risiken strategisches Interesse an einer Beteiligung an Rosneft haben und Aktien bereits unverbindlich gezeichnet haben. Allen voran sind dies die Chinesen, die mit ihrem extrem hohen Energiebedarf großes Interesse an strategischem Zugriff auf russische Ölreserven haben. Die Chinesen haben bereits die russische Ölgesellschaften Udmurtneft gemeinsam mit Rosneft gekauft, und China National Petroleum Corp sowie Sinopec Group könnten daher strategische Investoren bei Rosneft werden, sollte ihnen weiterer Zugriff zu russischen Ölvorkommen eingeräumt werden. Von Indien aus könnte die Oil and Natural Gas Corporation (ONGC) Interesse an einer Beteiligung an Rosneft haben. Ebenso zeigten Petroliam Nasional Bhd (Petronas), die staatliche Mineralölgesellschaft von Malaysia, und die Investmentgesellschaft von Singapur, Temasek, Interesse. Beteiligungen ausländischer Investoren sind bei dieser Emission auf maximal 2 Prozent begrenzt.

          Der britische Mineralölkonzern British Petroleum plc könnte sich womöglich ebenfalls an Rosneft beteiligen. Der Konzern hat offenbar ebenfalls unverbindlich Aktien gezeichnet. Der Chef von BP, Lord John Brown, wird jedoch feinfühlig abwägen: Einerseits durfte BP mit den Russen ein Gemeinschaftsunternehmen, die TNK-BP, eingehen, das größte seiner Art in Rußland. Brown könnte daher politisch möglicherweise unter Druck stehen, sich erkenntlich zu zeigen und über eine Beteiligung an Rosneft der Emission auch Anerkennung von seiten westlicher Großinvestoren zu geben. Andererseits nimmt kaum ein Unternehmenschef gute Unternehmensführung so ernst wie Brown, der BP gerade eine Reputation als seriöser, umweltbewußter und im Corporate Governance vorbildlicher Konzern aufgebaut hat.

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