https://www.faz.net/-gqe-7sgm9

Russischer Importstopp : Vergeltung mit dem Bumerang

  • -Aktualisiert am

In diesem Supermarkt in Moskau, hier auf einer Archiv-Aufnahme, dürften die Lebensmittel bald teurer sein - wegen des russischen Importstopps für Agrarprodukte aus der EU und Amerika Bild: AFP

Mit dem Einfuhrverbot für Agrarprodukte aus der EU und Amerika droht den Menschen in Russland eine Preisexplosion. Denn das Land importiert mehr als die Hälfte aller Lebensmittel aus dem Ausland.

          2 Min.

          Russland hat die Liste der Waren vorgelegt, die als Reaktion auf die Wirtschaftssanktionen des Westens nicht mehr von dort eingeführt werden dürfen. Zudem erwägt Moskau nach den Worten von Ministerpräsident Dmitri Medwedew ein Überflugverbot für Fluggesellschaften aus den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union auf dem Weg nach Asien.

          Medwedew erklärte, ab sofort dürften Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch sowie Milch und Molkereiprodukte nicht mehr importiert
          werden. Die Einfuhrverbote gelten für Produkte aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Norwegen, Australien und der EU. Und sie gelten für ein Jahr.

          Der Schritt ist gerade für die russische Regierung heikel, denn er trifft die eigene Bevölkerung. Nicht ohne Hintergedanken hat Staatspräsident Wladimir Putin in seinem entsprechenden Dekret geschrieben, der Anstieg von Preisen müssen verhindert und Maßnahmen ergriffen werden, um die Versorgung mit im eigenen Land hergestellten Gütern zu verbessern.

          Die russische Agrarwirtschaft hat auch mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion noch nicht das Potential, den heimischen Markt mit genügend Produkten zu versorgen, die qualitativ oder preislich mit der ausländischen Konkurrenz mithalten können. Nach Angaben der Moskauer Universität importiert Russland etwa 53 Prozent aller Lebensmittel. Laut Zollangaben sind das vor allem Fleisch, Früchte und Milchprodukte. Der Wert aller Agrarimporte belief sich im vergangenen Jahr auf 43,1 Milliarden Dollar. 

          Die EU hat einen weitaus größeren Anteil an diesen Zulieferungen als Amerika. Laut Eurostat exportierte sie 2013 Agrargüter im Wert von 11,8 Milliarden Euro nach Russland. Das waren zwar weniger als ein Prozent aller EU-Ausfuhren insgesamt, aber innerhalb des Agrarsegments ist Russland von großer Bedeutung: Nach Daten von 2012 waren nur die Vereinigten Staaten mit Einfuhren von 15,1 Milliarden Euro aus der EU wichtiger als Russland.

          Schon länger Importverbote für bestimmte Lebensmittel

          Gegen Schweinefleisch aus der EU hat Moskau bereits vor einiger Zeit einen Importstopp erlassen, der Streitfall liegt bei der Welthandelsorganisation (WTO). Jüngst kam auch polnisches Obst und Gemüse auf die russische Verbotsliste, was in Warschau sehr ungnädig aufgenommen wurde. Auch Produkte aus der Ukraine oder der Moldau werden immer öfter gesperrt.

          Die Regale sind voll in diesem Moskauer Supermarkt. Zumindest die Preise dürften künftig kräftig steigen.
          Die Regale sind voll in diesem Moskauer Supermarkt. Zumindest die Preise dürften künftig kräftig steigen. : Bild: dpa

          So ergibt es auch gewissen Sinn, dass von den russischen Behörden schon am gestrigen Mittwoch ebenfalls verlautete, mehr Lebensmittelimporte aus der Türkei, Brasilien und anderen südamerikanischen Ländern anzustreben. Doch je mehr Lebensmittel und Agrarprodukte der Kreml kurzfristig aus den Regalen der russischen Supermärkte verbannt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Schaden für die ausländischen Hersteller sich gegenüber den negativen Folgen für die heimische Bevölkerung wie ein reiner Kollateralschaden ausnimmt.

          Es droht ein Preisschub für heimische Produkte. Die Inflationsrate liegt bereits jetzt bei 7,5 Prozent, und die Lebensmittel-Komponente hat großen Anteil daran. So besteht nicht zuletzt die Gefahr, dass ausgerechnet die freiwillige Restriktion von Lebensmittelimporten, die beim besten Willen nicht als westliche Aggression hingestellt werden kann, in der Bevölkerung Unmut gegen Putin schürt.

          Weitere Themen

          Weltraumtouristen sicher gelandet Video-Seite öffnen

          SpaceX : Weltraumtouristen sicher gelandet

          Aus dem SpaceX-Flugkontrollzentrum in einem Vorort von Los Angeles war Applaus zu hören, als sich die ersten Fallschirme öffneten.

          Fünf Dinge, die beim nachhaltigen Einkauf nerven

          Kolumne : Fünf Dinge, die beim nachhaltigen Einkauf nerven

          Bio-Gurken in Plastikverpackungen? Unverpackte Tomaten aus Spanien? Veganes Sojaschnitzel, oder doch lieber die teuren Eier vom Hof nebenan? Unsere Autorin versucht, bewusst und ökologisch einzukaufen – und fühlt sich dabei überfordert.

          Topmeldungen

          Wer hat am ende gut Lachen? Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Armin Laschet vor dem zweiten TV-Triell am vergangenen Wochenende

          Scholz, Laschet und Baerbock : Wie schlagen sich die Kandidaten im letzten Triell?

          Eine Woche vor der Bundestagswahl stehen sich Armin Laschet, Olaf Scholz und Annalena Baerbock im dritten und letzten TV-Triell gegenüber. Wer überzeugt auf den letzten Metern des Wahlkampfs? Der Schlagabtausch im Liveticker.
          Christian Lindner beim FDP-Parteitag am Sonntag in Berlin.

          FDP vor der Wahl : Lindner will Stimmen aus Überzeugung, nicht aus Kalkül

          Die Freidemokraten sinnieren darüber, wer sie wählt und warum. Aus Taktik sollten die Leute nicht für die FDP stimmen, sagt Parteichef Lindner. Doch die Vorzeichen haben sich während des Wahlkampfs dramatisch verändert.
          Blick vom Parlamentsberg auf Kanadas Hauptstadt Ottawa

          Riskante Wette : Trudeau gegen Kanadas Trump

          Der Regierungschef will die Wahl zum Referendum über seine Pandemie-Politik machen. Hat er sich damit verzockt? Es scheint auf jeden Fall eng zu werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.