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Russische Oligarchen in London : Geschäftsmodell Londongrad

Die Londoner City erwartet noch mehr russisches Kapital Bild: AFP

Die Oligarchen-Hochburg an der Themse könnte zum Profiteur der russischen Kapitalflucht werden. Die britische Regierung sperrt sich nicht dagegen.

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          Roman Abramowitsch und Alischer Usmanow pumpen dreistellige Millionenbeträge in Fußballvereine wie den FC Chelsea und Arsenal London. Alexander Lebedew hat mit seinem Geld die marode Hauptstadtzeitung „Evening Standard“ vor dem Untergang bewahrt und Len Blawatnik kaufte sich die legendäre Londoner Plattenfirma Parlophone, die unter anderem die Britpop-Band Coldplay unter Vertrag hat. In keiner europäischen Großstadt spielt das Geld russischer Oligarchen eine so große Rolle wie in London.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Angesichts der Krim-Krise ist zwar auch in Großbritannien die Debatte über die schwerreichen Russen an der Themse – und die oft fragwürdigen Quellen ihres märchenhaften Wohlstands – wieder einmal hochgekocht. Aber zumindest die Immobilienmakler in den teuren Wohngegenden der Stadt sehen die Wirren in der Ukraine durchaus als Geschäftschance: London, das in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem Magneten für die Neureichen aus dem Osten geworden ist, könnte zu einem Hauptprofiteur der wachsenden Kapitalflucht aus Russland werden.

          Die Kapitalflucht ist die Reaktion auf das wirtschaftliche Chaos

          „Londongrad“ nennen britische Medien die Exklave der russischen Superreichen in den Luxusvierteln der Hauptstadt. Wenn Putin wie auf der Krim russische Minderheiten schütze, stelle sich doch ernsthaft die Frage, wann er seine Truppen auch in Chelsea und Kensington einmarschieren lasse, spottete kürzlich ein Kolumnist der „Financial Times“. Unter den fünf reichsten Einwohnern Großbritanniens sind mit den Fußballfans Usmanow und Abramowitsch sowie dem Musikfreund Blawatnik gleich drei russische Oligarchen. Das Vermögen dieses Trios wird auf zusammen rund 40 Milliarden Euro geschätzt. Die Oligarchen-Kaste kauft die teuersten Immobilien, sie investiert ihr Geld in der City, und sie ist längst die wichtigste Kundschaft der Londoner Wirtschaftsanwälte.

          Was bedeutet die Krim-Krise für das Geschäftsmodell Londongrad? Ziehen die Gäste aus dem Osten ihr Geld ab, aus Furcht, ihre Vermögen könnten dort eingefroren werden? Der Westen müsse den Milliardären ihre „Herrenhäuser und Börsenunternehmen in London“ streitig machen, wenn sie Putin schaden wollten, forderte diesen Monat der frühere russische Schachweltmeister und Regimekritiker Garri Kasparow. Die Oligarchen würden „Putin morgen rausschmeißen, wenn er ihr Auslandsvermögen nicht schützen kann“, glaubt Kasparow.

          Dabei ist allerdings keineswegs sicher, ob die Krim-Krise der Oligarchen-Wirtschaft in London wirklich schadet – oder im Gegenteil sogar nutzt. Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs schätzte vergangene Woche, dass seit Jahresanfang netto rund 50 Milliarden Dollar an privatem Kapital aus Russland ins Ausland transferiert wurden und damit doppelt so viel wie im ersten Quartal 2013. Die Welle der Kapitalflucht ist die Reaktion auf das wachsende wirtschaftliche Chaos in Russland. „Die ökonomische Lage zeigt Anzeichen einer Krise“, räumte der russische Vizewirtschaftsminister Sergej Beljakow am Montag ein.

          70 russische Unternehmen an der London Stock Exchange

          Aber das Geld muss auch irgendwo hin. Schon gibt es Spekulationen, dass die Wirren um die Ukraine die Preise für Londoner Luxusimmobilien noch weiter nach oben treiben könnten. Die britische Metropole gelte nun mal traditionell als „sicherer Hafen“, sagt Liam Bailey, Chefanalyst beim Maklerunternehmen Knight Frank. Schon zu Zeiten des Kalten Krieges deponierte die damalige Sowjetunion ihre Dollar-Bestände im sogenannten Eurodollar-Markt in London, um die Reserven nicht in den Vereinigten Staaten selbst anlegen zu müssen.

          Die britische Regierung ist sich offensichtlich bewusst, wie wichtig die Russen für den Finanzplatz London sind. Vor zwei Wochen wurde ein Papier des Außenministeriums publik, in dem es heißt, es sei nicht im britischen Interesse, „Russen den Zugang zum Finanzzentrum London zu versperren“. Die City ist für Russlands Wirtschaftselite die Brücke zu den westlichen Kapitalmärkten – und die Finanzbranche in der britischen Hauptstadt verdient gut daran. An der London Stock Exchange sind die Aktien von rund 70 russischen Unternehmen notiert, an der New York Stock Exchange dagegen nur drei.

          In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Unternehmen aus Russland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion in London mehr als 80 Milliarden Dollar Kapital aufgenommen. Bisher jedenfalls hat die Politik reichen Russen den roten Teppich ausgerollt: Allein in den zwölf Monaten bis Ende Juni 2013 erhielten 125 russische Geschäftsleute Sondervisa, um sich dauerhaft niederlassen zu können. Wichtigste Bedingung: Die anglophilen Russen müssen mindestens eine Million Pfund auf der Insel investieren.

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