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Russische Lebensmittelsanktionen : Zitronen aus Weißrussland

  • -Aktualisiert am

Kommen immer mehr Früchte aus Weißrussland? Bild: dpa

In Russland werden die Lebensmittel teurer, doch Moskau will das Lebensmittel-Importverbot mit aller Kraft durchziehen. Nun könnten gerade Weißrussland und Kasachstan dem Kreml in den Rücken fallen.

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          Nach dem Importstopp für viele Agrargüter und Lebensmittel aus der EU, den Vereinigten Staaten, Australien, Kanada und Norwegen wächst in Russland die Sorge vor Preissteigerungen aufgrund des verringerten Angebots. Hiesige Medien berichten über erstere höhere Preisforderungen von Produzenten und Großhändlern. Die Teuerung bei Lebensmitteln (ohne Obst und Gemüse) lag im Juli und damit vor den Sanktionen bereits bei rund 11,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresniveau. Anfang des Jahres waren es 6,4 Prozent. Die Regierung sichert fast täglich zu, notfalls mit administrativen Preisen gegen „Spekulationsgewinne“ vorzugehen. Die Preise von rund 40 Lebensmittelgruppen sollen laufend gemeldet und überwacht werden.

          Berichte über höhere Lieferungen von Rindfleisch aus Brasilien oder Obst und Gemüse aus der Türkei sorgen für etwas Beruhigung. Doch ein wesentliches Ziel der in der vergangenen Woche verhängten Maßnahmen ist die Stärkung russischer Produzenten durch künstlich verschobene Nachfrage: Ministerpräsident Dimitrij Medwedjew kündigte eine weitreichende Aufstockung der staatlichen Förderung an, damit die Bauern der Herausforderung gerecht werden können. Ein neues Kapitel in der russischen Landwirtschaft werde aufgeschlagen, sagte er. Landwirtschaftsminister Nikolai Fjodorow hatte zuvor angegeben, für eine vollständige Importsubstitution brauche die Branche drei bis vier Jahre Zeit und 137 Milliarden Rubel (3,8 Milliarden Dollar) zusätzlicher Unterstützung.

          Das Ausmaß des Einfuhrstopps ist gigantisch: Nach Angaben verschiedener Analysten importierte Russland 2013 Agrargüter im Wert von rund 17 Milliarden Dollar aus den von Sanktionen betroffenen Ländern. Davon sollen nun Waren im Gegenwert von 8 bis 12 Milliarden Dollar blockiert sein. Die Alfa Bank schätzt, dass etwa 5 Prozent des Nahrungsmittelmarktes ausgesperrt sind. Gemessen an den Verkäufen, sind die Ausfälle nach Berechnungen der UBS am größten bei frischem Rindfleisch (16 Prozent), Schweinefleisch (15 Prozent), Fisch und Meeresfrüchten (30 Prozent), Käse und Quark (29 Prozent) sowie Äpfeln und Birnen (18 Prozent).

          Die Gefahren der Zollunion

          Die Durchsetzung des Importstopps stellt Russland derweil vor eine Hürde: Das Land befindet sich in einer Zollunion mit Weißrussland und Kasachstan, zwischen den drei Staaten gibt es keine Grenzkontrollen. Da beide Länder den russischen Importstopp nicht übernommen haben, besteht aus Moskauer Sicht die Gefahr von Reexporten. Weißrussland und Kasachstan haben auch frühere Einfuhrverbote des Kremls nicht mitgetragen, beispielsweise gegen Produkte aus der Ukraine. Am Mittwoch besprach sich Präsident Wladimir Putin zum wiederholten Male mit seinen Amtskollegen Aleksandr Lukaschenka und Nursultan Nasarbajew. Minsk hat angekündigt, durch genaue Überwachung einen Weitertransport der entsprechenden Güter verhindern zu wollen. Beim Eigenbedarf werde man sich aber nicht einschränken, so Lukaschenka: Wenn man polnische Äpfel brauche, werde man sie kaufen.

          Kasachstans Präsident Nasarbajew, dessen Land weniger abhängig von Russland ist und der Moskaus wachsenden Hegemonialanspruch durchaus kritisch sieht, hält sich hingegen zurück. Der Einfuhrstopp sei eine unilaterale Aktion Russlands, erklärte er. Astana möchte möglichst bald der Welthandelsorganisation (WTO) beitreten. Allerdings ist die Gefahr von Reexporten nicht so dringend: Das zentralasiatische Land könnte die Güter nur auf dem Luftweg ins Land holen, wohingegen Weißrussland über eine gemeinsame Grenze mit der EU verfügt, die am stärksten unter dem russischen Einfuhrstopp zu leiden hat.

          Die Zitronen kommen jetzt aus Weißrussland

          Die russische Zeitung „Wedomosti“ merkte bereits süffisant an, in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres seien „weißrussische“ Zitronen im Wert von 1,7 Millionen Dollar nach Russland exportiert worden, ferner in gewissem Ausmaß Bananen, Muscheln und Kokosnüsse. Es steht allerdings nicht zu erwarten, dass Lukaschenka durch umfangreiche Reexporte das Verhältnis zu Putin belasten möchte. Weißrussland macht sich nämlich Hoffnungen, selbst auf dem russischen Markt eine größere Rolle zu spielen: Im ersten Quartal exportierte es Agrarwaren und Lebensmittel im Wert von rund 1 Milliarde Dollar an das Nachbarland, hauptsächlich Milch, Milchprodukte und Fleisch. Der überwiegende Teil aller Minsker Agrarexporte geht nach Russland.

          Nach den Worten des russischen Vizeregierungschefs Arkadi Dworkowitsch werden sich beide Länder in nächster Zukunft auf eine Erhöhung der weißrussischen Ausfuhren verständigen. Wie doppelbödig die Moskauer Handelspolitik selbst in einer gemeinsamen Zollunion sein kann, weiß aber auch Minsk aus eigener Erfahrung: 2013 verhängte Moskau wegen eines Streits um einen Düngemittelhersteller kurzzeitig ein Importverbot für weißrussisches Schweinefleisch.

          Andere Firmen profitieren

          Der größte russische Fleischproduzent Cherkizovo, ein bedeutender Hersteller von Schweinefleisch und Geflügel, würde das wohl begrüßen: Die Firma erwartet bereits wenig überraschend von dem Importstopp gegen westliche Konkurrenten positive Folgen für die eigene Geschäftsentwicklung, womit steigende Preise gemeint sein dürften. Man werde die Produktion dieses Jahr aber nicht zusätzlich erhöhen, so Cherkizovo, da die Züchtung weiterer Tiere mehr Zeit als nur einige Monate erfordere.

          Während der russische Geflügelmarkt im Umfang von jährlich 4 Millionen Tonnen fast komplett von inländischen Produzenten abgedeckt werden könne, ist die Lage beim Schweinefleisch laut Cherkizovo schwieriger. Dort könnten einheimische Landwirte derzeit nur rund 70 Prozent des Bedarfs von rund 3,5 Millionen Tonnen pro Jahr versorgen. Cherkizovo prognostiziert, bei „umfassender Unterstützung des Staates“ würden russische Produzenten diese Lücke in zwei bis drei Jahren schließen. Schon der im März verhängte Importstopp für Schweinefleisch aus der EU hat laut dem Unternehmen einen Preisanstieg von bis zu 40 Prozent zur Folge gehabt.

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