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Rückversicherung : „Klimawandel kostet bis zu 800 Milliarden Dollar“

  • Aktualisiert am
Thorsten Jeworrek ist Vorstandsmitglied bei der Münchener Rück
          4 Min.

          Für die Münchener Rück sind Gefahren durch Klimawandel und Atomkraft Basis ihres Geschäfts. Der zweitgrößte Rückversicherer der Welt verdient sein Geld, indem er gegen Entgelt Teile der Risiken von Erstversicherern wie Allianz oder Axa trägt. Die Kosten, um den Klimwandel beherrschbar zu machen, könnten sich nach Einschätzung von Vorstandsmitglied Torsten Jeworrek auf bis zu 800 Milliarden Dollar belaufen, es sei denn die Politik steuere jetzt gegen. Für erneuerbare Energien sieht Jeworrek große Wachstumschancen.

          Herr Jeworrek, die Münchener Rück verkauft Versicherungsschutz gegen Hurrikans. Zugleich warnen Sie vor den Risiken des Klimawandels. Wer aber glaubt dem Wetterbericht, wenn er vom Regenschirm-Verkäufer stammt?

          Es sind nicht nur unsere eigenen Experten, die vor dem Klimawandel warnen, sondern es herrscht große Einigkeit in der Wissenschaft. Die Klimaforschung hat für die vergangenen 100 Jahre nachgewiesen, dass die Durchschnittstemperatur auf der Welt um gut 0,7 Grad Celsius gestiegen ist und dies vor allem auf die vom Menschen verursachte Zunahme des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre zurückzuführen ist.

          Hat es solche Temperaturschwankungen nicht auch schon in früheren Jahrhunderten gegeben?

          Das ist richtig. Aber durch Bohrungen ins Eis wissen wir, dass die Kohlendioxid-Konzentration heute höher ist als jemals zuvor in den letzten 600 000 Jahren. Es ist eine gesicherte Erkenntnis, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent menschengemachter Klimawandel bereits stattfindet. Würden Sie in ein Flugzeug steigen, von dem Sie wissen, dass es mit so hoher Wahrscheinlichkeit abstürzt? Es wäre nicht rational, zu warten, bis auch die knapp 10 Prozent Restwahrscheinlichkeit ausgeräumt sind, denn dann würde der Klimaschutz sehr viel teurer.

          Wie viel teurer?

          Der Stern-Report, der ja von der britischen Blair-Regierung und nicht von einer grünen Partei in Auftrag gegeben wurde, sagt: Wenn wir abwarten, müssen wir mit Kosten von 5 bis 20 Prozent des weltweiten Brutto-Inlandsprodukts rechnen, das sind zwischen 250 und 800 Milliarden Dollar im Jahr. Wenn wir jetzt gegensteuern, liegen die Kosten, um den Klimawandel beherrschbar zu machen, bei nur einem Prozent.

          Und wie teuer kommen die beiden jüngsten Hurrikans „Dean“ und „Felix“ für die Münchener Rück?

          Für „Dean“ rechnen wir mit einem mittleren bis hohen zweistelligen Millionenbetrag. Das können wir gut verkraften. „Felix“ ist ja noch unterwegs. Es ist also zu früh, Prognosen abzugeben

          Ist die Münchener Rück ein Profiteur des Klimawandels?

          Es gibt Chancen und Risiken. Wenn nichts geschieht, wird es Regionen geben, in der Naturkatastrophen auf lange Sicht unversicherbar werden. Das wäre natürlich auch schlecht für uns. Wenn der Klimawandel beherrschbar gemacht wird, überwiegen für unser Unternehmen die Chancen. Einerseits steigt dann die Nachfrage nach Versicherungsschutz gegen Naturkatastrophen. Andererseits eröffnen sich für uns zusätzliche Geschäftschancen durch den Versicherungsbedarf für neue Technologien zur Energieerzeugung.

          Zum Beispiel?

          Nehmen Sie Windparks, die etwa in Asien aufgebaut werden. Beim Bau entsteht Versicherungsbedarf, das ist traditionelles Geschäft. Aber wir können auch die Leistung der Windkraftanlage versichern - das Risiko also, dass, wenn der Wind zu schwach ist, die Räder stillstehen. Das können wir durch unser meteorologisches Wissen abschätzen.

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