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Rückstellungen im Stresstest : Die zu knappen Reserven der Atomkonzerne

  • -Aktualisiert am

Eon-Kernkraftwerk Grohnde in Niedersachsen Bild: dpa

Die Rückstellungen der Energiekonzerne für den Atomausstieg könnten möglicherweise nicht ausreichen. Die Aktienkurse der Versorger brechen ein.

          Eine vorab bekannt gewordene Berechnung eines Stresstests für die Energiekonzerne sorgt für Aufregung. Demnach könnten nach einem vorläufigen Gutachten, das das Wirtschaftsministerium in Auftrag gegeben hat, den Unternehmen bis zu 30 Milliarden Euro für die Bewältigung des Atomausstiegs fehlen. Als Reaktion auf entsprechende Medienberichte waren die Aktienkurse von RWE und Eon am Dienstag zeitweise um mehr als 12 Prozent eingebrochen.

          Helmut  Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Auch die Angst mancher Politiker, dass die Energiekonzerne finanziell nicht gut genug ausgestattet sind, bekommt durch die neuen Zahlen weiter Nahrung. Im September soll ein Gesetzentwurf verabschiedet werden, damit die Konzerne nicht durch die Abtrennung ihrer Tochtergesellschaften der Haftung entgehen können. „Die ohnehin unsicheren Rückstellungen reichen hinten und vorne nicht“, sagt Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen. „Jahrzehntelang kassierten diese Konzerne öffentliche Subventionen und fette Gewinne, ihrer Verantwortung werden sie jedoch nicht gerecht.“ Joachim Pfeiffer, energiepolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion sagte: „Neben der Verantwortung der Betreiber braucht es zu einer Lösung des Problems auch vernünftige Rahmenbedingungen, damit die Vermögenswerte der Energieversorger nicht entwertet werden.“

          Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) nannte die kursierenden Zahlen am Dienstag „unverantwortliche Spekulationen“. Es gebe noch keine Ergebnisse des Stresstests, und dem Wirtschaftsministerium läge auch kein Entwurf dessen vor, sagte Gabriel. Außerdem werde „das Gutachten nur eine von mehreren Analysen sein. Im Juni hatte das Wirtschaftsministerium die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Klein & Warth Grant Thornton mit der Prüfung beauftragt, ob die Rückstellungen der Kernkraftwerksbetreiber ordnungsgemäß aufgebaut wurden. Einem Bericht der „Rheinischen Post“ zufolge reichten die Rückstellungen der Unternehmen in Höhe von etwa 39 Milliarden Euro zwar aus, um die Atomkraftwerke in Deutschland zurückzubauen. Doch für die Endlagerung des Atommülls und den Aufbau eines Endlagers fehle das Geld, vor allem wegen der niedrigen Zinsen. Die Unternehmen Eon, RWE, Vattenfall und EnBW hätten bei ihren Rückstellungen mit zu positiven Zinserträgen gerechnet. Dem Eon-Konzern, der bisher gut 16 Milliarden Euro zurückgelegt hat, fehlten 9 bis 12 Milliarden Euro. RWE, die bisher Rückstellungen von gut 10 Milliarden Euro gebildet haben, fehlen 7,5 bis 10 Milliarden Euro. Bei EnBW und Vattenfall gebe es ebenfalls Milliarden-Lücken.

          Die Atomkraftbetreiber versicherten abermals, ausreichend Vorsorge getroffen zu haben. „Unsere Rückstellungen sind sachgerecht, richtig und angemessen bilanziert“, erklärte der Energiekonzern Eon. Fast wortgleich äußerte sich der Stromversorger RWE. Beide betonten, dass die gebildeten Rückstellungen im internationalen Vergleich „eher konservativ gerechnet“ würden.

          In dem Stresstest geht es unter anderem um die zugrunde gelegten kalkulatorischen Zinsen, mit denen berechnet wird, welche Beträge heute nötig sind, um Zahlungsverpflichtungen in der Zukunft zu erfüllen. Trotz der aktuellen Niedrigzinsphase legen die deutschen Versorger dabei nominal Zinsen von bis zu 4,7 Prozent zugrunde. Unterstellt man niedrigere Werte, schießt der heutige Rückstellungsbedarf rasch nach oben. Die Gutachter haben in ihrem Stresstest, der nach Insiderangaben die Zeit bis zum Jahr 2100 umfasst, verschiedene Varianten berechnet. Der Entwurf enthalte offenbar auch ein Szenario, bei dem ein nach Abzug der Inflationsrate negativer Realzins unterstellt werde, sagte ein Eon-Sprecher. „Eine solche Annahme hat keinerlei Grundlage und ist nicht einmal vor dem Hintergrund des aktuellen Niedrigzinsniveaus plausibel“. Die deutschen Versorger greifen für ihre langfristigen Berechnungen auf einen Durchschnittszins der vergangenen 25 Jahre zurück. Bereinigt um die Durchschnittsinflation dieses Zeitraums kommt man bei RWE und Eon auf einen Realzins von 1 Prozent.

          „Die deutsche Energiepolitik ist mittlerweile so unberechenbar, dass der Markt stets das Schlimmste annimmt“, hieß es aus einem der Stromkonzerne. Später am Tag erholten sich die Aktienkurse zwar wieder, dennoch blieb für RWE vor Handelsschluss ein Minus von 3,1 Prozent, bei Eon ein Minus 5,5 Prozent. Analysten und Branchenvertreter argwöhnen, dass die Bundesregierung mit dem Gutachten versuchen könnte, ihre Verhandlungsposition mit den Atomkraftbetreibern zu verbessern. Noch in diesem Monat will die Regierung die Mitglieder einer Expertenkommission ernennen, die bis Jahresende Modelle für den endgültigen Ausstieg aus der Kernenergie erarbeiten soll.

          Im Gespräch sind ein Atomfonds oder eine Stiftung, mit denen Staat und Atomkraftbetreiber gemeinsam die Verantwortung für die nuklearen Altlasten übernehmen. Schon im Frühjahr hatte der Vorsitzende der Endlager-Suchkommission, Michael Müller (SPD) die Gesamtkosten für den Atomausstieg auf bis zu 70 Milliarden Euro veranschlagt. Bereits diese Schätzung lief also auf die jetzt kolportierte Deckungslücke von im schlimmsten Fall 30 Milliarden Euro hinaus.

          Die Überlegungen laufen darauf hinaus, dass der Staat für die Schlussabrechnung eintritt und die Atomkonzerne im Gegenzug ihre Rückstellungen ganz oder teilweise abtreten. Obendrein müssten sie dann wohl ihre Klagen gegen den Atomausstiegsbeschluss von 2011 zurückziehen. Allein Eon fordert mehr als 8 Milliarden Euro, insgesamt summieren sich die Schadenersatzklagen auf fast 20 Milliarden Euro.

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