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Kommunalwahl in Rom : Doppelt so viele Ratten wie Einwohner

Alltag in Rom: Die Hauptstadt Italiens verlottert. Bild: dapd

Rom gibt vor den Kommunalwahlen ein Bild der Zerrüttung ab. Auch die Mafia fehlt da natürlich nicht. Ob ein neuer Bürgermeister Besserung bringen kann, ist ungewiss.

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          Verwahrlost und führungslos erleben die Italiener in diesen Monaten ihre Hauptstadt Rom. Ausgerechnet das Lebensgefühl in der Hauptstadt steht damit in offenem Widerspruch zu dem Bild der Erneuerung und der leuchtenden Zukunftsperspektive, das Ministerpräsident Matteo Renzi den Italienern und darüber hinaus auch ganz Europa vermitteln will.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Der Verdruss wird noch dadurch vergrößert, dass der letzte Bürgermeister der Stadt, Ignazio Marino, noch 2013 Kandidat von Renzis Demokratischer Partei, nach nur zweieinhalb Jahren Amtszeit von den eigenen Stadträten in die Wüste geschickt wurde. Der 61 Jahre alte Chirurg, der als linker Außenseiter die Vorwahlen um die Kandidatur der Demokraten gewonnen hatte, kann eigentlich nur zwei Errungenschaften vorweisen: Eine neue Fußgängerzone von 500 Metern bis zum Kolosseum und ansonsten das Postulat, frühzeitig die Staatsanwaltschaft gegen die Korruption eingeschaltet zu haben. „Aber es genügt doch nicht, zu sagen, ich bin nicht korrupt. Das ist Voraussetzung, aber keine Politik“, kommentiert dazu Franco Carraro, der vor 25 Jahren Bürgermeister war.

          Seit November 2015 ist der oberste Verwalter der Stadt ein Beamter des Innenministeriums, Francesco Paolo Tronca, der mit den Vollmachten eines Staatskommissars ausgestattet ist und in wenigen Monaten mehr Einzelheiten der verlotterten Stadtverwaltung geordnet hat als die Bürgermeister in vielen Jahren. Was der Staatskommissar zutage förderte, hat aber andererseits den Verdruss der Bürger noch weiter wachsen lassen.

          Bestechung der Qualitätskontrolle

          Tagelang konnten die Römer lesen, dass die Stadt selbst um die 43.000 Wohnungen besitzt, aber den Überblick über ihre Bestände und ihre Mieter verloren hat. Während auf dem freien Markt eine winzige Einzimmerwohnung im Zentrum leicht 1000 Euro im Monat kosten kann, vermietete Rom mehr als 7000 größere Appartements an Privilegierte für weniger als 10 Euro im Monat. Selbst neben dem Trevi Brunnen gibt es solche billigen Sozialwohnungen und Mieter mit Jahreseinkommen von 250.000 Euro oder aber neben dem Kolosseum einen Fall mit 700.000 Euro Jahreseinkommen und 200 Euro Monatsmiete. 25.000 Mieter zahlen aber selbst die mickrigen Mieten nicht.

          Rom verlottert: Herrenlose Immobilien, Schlaglöcher und Ratten prägen das Stadtbild.
          Rom verlottert: Herrenlose Immobilien, Schlaglöcher und Ratten prägen das Stadtbild. : Bild: ddp Images

          Ein anderes der ganz profanen Wahlkampfthemen Roms sind die Schlaglöcher. Die sind längst ein Sicherheitsrisiko für die 1,8 Millionen in der Stadt zugelassenen Autos und vor allem für die Fahrer der 400.000 Mopeds und Motorräder. Die letzte offizielle Statistik für die Verkehrsopfer ist von 2012 und berichtet von jährlich 16.000 Unfällen mit Verletzten und 154 Toten. Der geschasste Bürgermeister Marino schreibt in einem larmoyanten Buch, dass er bei seiner Ankunft im Rathaus für den Unterhalt von 4800 Kilometern städtischer Straßen ein Jahresbudget von 25 Millionen Euro vorfand, ausreichend für 3 Prozent der zu betreuenden Fahrbahnen.

          Der Regierungskommissar Tronca fand indessen heraus, dass bei der Reparatur kaputter Straßen Unteraufträge mit Schwarzarbeit und gefälschten Dokumenten ausgeführt wurden. Außerdem wird ermittelt wegen Bestechung der städtischen Mitarbeiter, die eigentlich die Qualitätskontrolle übernehmen sollten. Staatskommissar Tronca lässt nun Straßen reparieren, die in nur drei Jahren unbefahrbar geworden waren, doch damit sind nun zentrale Plätze der Stadt mitten im Heiligen Jahr blockiert.

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