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Rohstoffsicherheit : Putin dreht uns den Gashahn nicht zu

  • -Aktualisiert am

Deutschland muss Lieferunterbrechungen aus Russland nicht fürchten. Bild: AP

Auch wenn der Konflikt in der Ukraine weiter eskaliert, wird Russland Gas an Deutschland liefern. Das hat Tradition bis in den Kalten Krieg. Umgekehrt gibt es für Deutschland keine echte Alternative.

          Der russische Energiekonzern Gasprom holt Erdgas aus der Tiefe Sibiriens, er betreibt das 165.000 Kilometer lange Leitungssystem und gilt als der wichtigste Devisenbringer des russischen Finanzministers. Gasprom gehört mehrheitlich dem russischen Staat. Gasprom war und ist deshalb immer auch ein Instrument zur Durchsetzung macht- und außenpolitischer Interessen der Moskauer Regierung gewesen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Dass Russland jetzt im Falle eines sich verschärfenden Konfliktes um die Ukraine den Gashahn abdreht, ist dennoch unwahrscheinlich. Die Bundesregierung sieht keine Anzeichen dafür, dass das Land weniger Gas und Öl liefern könnte. Das ist wichtig zu wissen, denn: Russland ist mit beiden Energieträgern und einem Anteil von je 35 Prozent der wichtigste deutsche Lieferant.

          Leitungsbau während des Kalten Krieges

          Dafür lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit des zwanzigsten Jahrhunderts. Schon zu Hochzeiten des Kalten Kriegs im Streit um die Nachrüstung mit Mittelstrecken-Atomraketen war Russland ein wichtiger Lieferant. Trotz aller politischer Spannungen hat es seine im Jahr 1973 begonnenen Gaslieferungen nach (West-)Deutschland nie unterbrochen. Das Geschäft „Gas gegen Röhren“, in den sechziger Jahren finanziert von der Deutschen Bank und vermittelt von berühmten deutschen Wirtschaftsführern wie Bertold Beitz und Hermann Josef Abs, war ein Pfeiler, auf den die Entspannungspolitik der siebziger Jahre gebaut wurde.

          Er hat bis heute gehalten. Jedes mal, wenn in Westeuropa in den vergangene Jahren Zweifel an der Vertrags-und Liefertreue der Russen aufkamen, verwiesen sie auf die gemeinsame Geschichte: „Vertraut uns.“ Enttäuscht haben sie ihre Kunden bisher nicht. Zumindest die im Westen.

          In Osteuropa liegen die Dinge da schon anders. Die baltischen Staaten können ein Lied über den Moskauer Energie-Imperialimus singen. Und auch Polen will sich unbedingt unabhängig machen von von den Pipeline-Gaslieferungen - aus Furcht vor Erpressung durch Russland.

          Südosteuropa fürchtet sich zu Recht

          Die aktuellen Meldungen aus der Ukraine sind insofern beruhigend und beunruhigend zugleich: Nein, eine Unterbrechung der Gasflusses nach Westeuropa gebe es nicht, meldete die Pipeline-Gesellschaft Ukrtransgas in Kiew. Aber Gasprom hat schon in Moskau angekündigt, die Preise für Lieferungen in die Ukraine ab April, wie es der Vertrag ermöglicht, saftig zu erhöhen. Das trifft die wirtschaftlich destabilisierte Ukraine, in er das russische Gas viele Betriebe am laufen und die Wohnungen warm hält.

          Aber es geht eben nicht nur um das Gas, das in der Ukraine verbraucht wird. Es geht auch mit die vielen Milliarden Kubikmeter, die durch die Ukraine Richtung Westen transportiert werden: Über die Slowakei und Tschechien nach Österreich und Deutschland und von dort nach Italien oder Frankreich.

          In den letzten Versorgungskrisen vor einigen Jahren war die Ukraine Anlass und Ausgangspunkt. Denn in der Ukraine würde - so die in Kiew nicht wirklich entkräfteten russischen Vorwürfe - Gas in großen Mengen „abgezweigt“ oder schlicht nicht bezahlt. Am Ende stehen hohe Geldforderungen, Streit, ein Präsident Putin, der am Gashahn dreht und Lieferengpässe wie vor 5 Jahren. Im Januar 2009 blieben viele Wohnungen, Schulen und Betriebe gerade in Südosteuropa kalt, weil Gasprom Lieferungen in die Ukraine drosselte.

          Russland manövriert Ukraine aus

          Seither hat die EU viel Geld in die Hand genommen und die Gasleitungssysteme so aufgerüstet, dass das Gas in zwei Richtungen fließen kann - Slowaken, Bulgaren und Rumänen können seither besser aus westlicher Richtung versorgt werden. Aber nicht nur die EU hat darauf reagiert, auch Russland: Der Bau der großen Gas-Leitung „Nord Stream“ über den Grund der Ostsee von Russland nach Deutschland war der erste Streich. Vorteil Nummer eins: Kein Transitland, auch die Ukraine nicht, kann diese Leitung abschalten. Vorteil Nummer zwei: Es fallen keine Transitgebühren an.

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