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Robert Habeck : Der Verführer

Knappe Niederlagen schmerzen besonders

Was nicht heißt, dass ihm das Scheitern seiner Berliner Kandidatur keinen Knacks versetzt hätte. Knappe Niederlagen schmerzen besonders. „Wenn der Ball beim Elfmeterschießen gegen den Innenpfosten geht und wieder rausspringt“, sagt er, „dann fragst du dich schon: Warum habe nicht in der 87. Minute den einen Schritt mehr gemacht?“ Mit Genugtuung konnte er immerhin verfolgen, wie immer mehr Parteifreunde den Ausgang der Urwahl bedauerten: Hatte die SPD mit dem Hype um Martin Schulz nicht den Erfolg des Modells Habeck bewiesen? Mit einem Neuling auf Berliner Parkett, der unverbraucht wirkte und Politik mit Leidenschaft betrieb? Es waren in beiden Fällen die Erlösungsfantasien kriselnder Parteien, die sich auf einen großen Verführer projizierten. Inzwischen sind die Stimmen aus naheliegenden Gründen leiser geworden.

Für Habeck folgte die Rettung am Kieler Wahlabend. Eine Woche bevor die Grünen im großen Nordrhein-Westfalen in der Bedeutungslosigkeit versanken, feierten sie mit Habeck im kleinen Schleswig-Holstein einen Triumph. Fast 13 Prozent erreichte die Partei bei der Landtagswahl, während sie in bundesweiten Umfragen nur auf halb so hohe Werte kommt. Habeck setzt sogar noch einen drauf. „Die 13 Prozent waren in Wahrheit ja 20 Prozent“, sagt er, schließlich habe die Landespartei unter dem schlechten Bundestrend gelitten. „Das baut auf der Arbeit der letzten 12 Jahre auf.“ Mit anderen Worten: auf der Arbeit Habecks, der im November 2004 den Landesvorsitz übernahm.

Pflege der eigenen Basis kommt nicht zu kurz

Und was ist das Rezept? „Wir haben immer Wert darauf gelegt, nicht zu uns zu sprechen, sondern zu den Menschen im Land“, sagt Habeck. Tatsächlich ist er als Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume unentwegt durchs Land gefahren. Er hat mit Bauern über die Agrarwende diskutiert und mit Fischern über Fangquoten, er hat aufgebrachten Anwohnern neue Windparks schmackhaft gemacht. Nicht immer hat sich dadurch die Meinung der Leute in Bezug auf die Sache geändert, aber doch in Bezug auf die Grünen und vor allem die Person Robert Habeck. Das Milieuübergreifende hat dieser Ansatz mit Winfried Kretschmann und dessen Südwest-Grünen gemein, auch wenn Habeck sagt: „Die Südwest-Grünen sind mir manchmal vielleicht ein bisschen bieder. Ich halte es lieber mit dem Prinzip Verantwortung und Lässigkeit.“

Die Pflege der eigenen Basis kommt dabei nicht zu kurz. Vor der Landtagswahl holte der Minister Junggrüne aus dem ganzen Bundesgebiet zu einem „Küstencamp“ an die Schlei. Drei Tage lang zeltete er mit ihnen am Wasser, duschte im Gemeinschaftsbad, wie er stolz berichtet. Mit Aktionen wie dieser hat es Habeck geschafft, nicht als einer von denen zu gelten, die sowieso schon immer mit den Erben von Helmut Kohl und Guido Westerwelle an die Regierung wollten. Obwohl er Realpolitik betreibt, ließ er sich nie auf den Realo-Flügel festlegen. So kann er sich vor zögerlichen Parteifreunden jetzt als der Mann inszenieren, der sich mit Jamaika ins Unvermeidliche fügt.

Für ihn ist es, unter den gegebenen Umständen, die beste Rolle, die er finden kann. Habeck wäre nicht Habeck, wenn er sich nicht schon das nächste Großprojekt ausgedacht hätte. In einer Regierung ohne die SPD, findet er, müssten die Grünen den sozialpolitischen Part übernehmen. Aber bitte nicht auf die altmodische Art, mit Debatten über ein Arbeitslosengeld Q oder über Zehntelprozente bei der Steuer. Sondern mit dem großen Ganzen: Globalisierung und Digitalisierung, neue Arbeitswelten und Grundeinkommen. Es ist wieder eine Idee, die vielen gefallen kann, zur Linken und zur Rechten. Und eine, die nicht danach klingt, als wollte sich Habeck dauerhaft auf die Rolle des Kieler Umweltministers beschränken.

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