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Robert Habeck : Der Verführer

Kokettieren mit der inneren Unabhängigkeit

Das Kokettieren mit der inneren Unabhängigkeit eint Habeck mit dem FDP-Kollegen Kubicki, der in Interviews schon mal sagte, die Annahme eines Ministeramts könne er sich als gut verdienender Anwalt finanziell gar nicht leisten. Erst spät, mit 35 Jahren, kam Habeck zur Berufspolitik. Vorher arbeitete er als Vater und als Schriftsteller. Nach Stationen in Freiburg, Dänemark („eines der geilsten Jahre“) und Lüneburg zog er schließlich mit seiner Familie auf ein Dorf in der Nähe Flensburgs, inzwischen wohnt die Familie in der Stadt selbst.

Der promovierte Literaturwissenschaftler entschied sich gegen eine klassische Laufbahn im Verlag oder an der Universität. Auf dem Dorf schrieb er gemeinsam mit seiner Frau Bücher für Kinder und Erwachsene, nebenher übersetzten die beiden auch fremdsprachige Bücher oder schrieben Texte fürs Radio. „Für ein bürgerliches Durchschnittseinkommen hat das gereicht“, sagt Habeck im Rückblick. Vor allem aber zog das Paar, das sich die Hausarbeit genauso teilte wie das Schreiben, auf dem Land gemeinsam vier Kinder groß. Wenn die beiden Interviews gaben, klang das alles nach dem Paradies aus Bullerbü.

Als ihn die Grünen 2008 als Nachfolger Reinhard Bütikofers zum Bundesvorsitzenden machen wollten, lehnte Habeck unter Verweis auf sein Lebensmodell ab. Indem er sich zierte, machte er sich nur noch attraktiver. „Je mehr man sagt: Was soll ich in Berlin?, desto mehr kommt zurück: So einen brauchen wir in Berlin“, kokettierte er noch vor fünf Jahren.

„Die Urwahl hat mir eine ganz große innere Freiheit gegeben“

Im vorigen Herbst hatte er es sich dann anders überlegt. Die Kinder waren groß, die Schriftstellerei hatte er als Minister sowieso aufs Politische beschränkt, und auf die Dauer waren die politischen Gewässer im Norden dann doch zu seicht. Vor allem aber schien das alte Berliner Personal aus rot-grünen Zeiten nach einem Jahrzehnt zäher Opposition so ermattet zu sein, dass die Parteibasis einen wie Habeck doch als Erlöser herbeisehnen musste. Er bewarb sich um die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl und musste dafür auf eine Landtagskandidatur verzichten. Aus Termingründen ging das nicht anders, aber er warb damit, dass er als Solitär ohne Netz und doppelten Boden antrat. „Die Urwahl hat mir eine ganz große innere Freiheit gegeben“, behauptet er immer noch. „Weil ich da schon mit mir geklärt hatte: Deine politische Karriere kann auch scheitern, und das ist nicht schlimm.“

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Am Ende hat es tatsächlich nicht gereicht. Gerade 75 Stimmen fehlten ihm für die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl. Am Ende gewann Cem Özdemir, der Parteichef aus Schwaben. Gegensätzlicher können zwei Politikertypen kaum sein. Özdemir, der Sohn eines anatolischen Fabrikarbeiters aus Urach, der sich jeden Schritt seiner Karriere erkämpfen musste, der deshalb stets überkorrekt auftritt und auf die grünen Bildungsbürger manchmal ein bisschen angestrengt wirkt. Habeck, der lässige Gymnasiast vom Ostseestrand, dem es an Selbstbewusstsein nie fehlte, der sich als Hausmann den Auftritt als sympathischer Macho stets leisten konnte, dem die Herzen zuflogen und der deshalb wie nebenbei Karriere machte, ohne dass er sein Karrierestreben jemals zur Schau stellen musste.

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