https://www.faz.net/-gqe-yrae

Retortenbabys : Das große Geschäft mit den Kinderlosen

  • -Aktualisiert am

Die Nachwuchshoffnungen kinderloser Paare sind zu einem milliardenschweren Geschäft geworden Bild: Falko Siewert

Immer häufiger wünschen sich Paare Kinder, aber bekommen keine - meist weil vor dem Kinderwunsch die Karriere kam und die Frau zu alt geworden ist. Wer dennoch ein Baby will, ist oft bereit, viel Geld dafür zu zahlen. Davon lebt die neue Befruchtungs-Industrie. Ein Baby kostet 15.000 Euro.

          4 Min.

          Es waren fragwürdige Experimente, mit denen Robert Edwards den Grundstein für ein Geschäft legte, das bis dahin der Natur vorbehalten war. Im Reagenzglas versuchte er Eizellen zu befruchten, die ein befreundeter Gynäkologe unbemerkt seinen Patientinnen entnommen hatte. Die ersten Versuche missglückten. Erst 1978 gelang ihm die medizinische Sensation: Das erste Kind, das nicht im Bett, sondern in der Petrischale gezeugt worden war, kam zur Welt. Robert Edwards sorgte mit seiner Forschung weltweit für Aufsehen. Dennoch meinten Mediziner, die In-vitro-Fertilisation, also die Befruchtung im Reagenzglas, werde ein Nischenphänomen bleiben, das nur in Einzelfällen zum Einsatz kommen werde. Sie hatten sich gründlich geirrt.

          Die Nachwuchshoffnungen kinderloser Paare sind heute - dreißig Jahre später - zu einem milliardenschweren Geschäft geworden. Weltweit werden jeden Tag rund 2000 Eizellen künstlich befruchtet. 200 000 Retortenbabys erblicken pro Jahr das Licht der Welt. Schon über dreieinhalb Millionen von ihnen wurden geboren. Aus Robert Edwards anrüchigen Experimenten ist eine Fruchtbarkeitsindustrie geworden, die weltweit rund sieben Milliarden Euro im Jahr umsetzt - mit Fruchtbarkeitshormonen aus der Apotheke und künstlicher Befruchtung in der Klinik. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr rund 60 000 künstliche Befruchtungen. Für die Fortpflanzungsindustrie bedeutet das 200 Millionen Euro Umsatz. „Keiner von uns hatte sich damals eine derart rasante Entwicklung vorstellen können“, sagt der Gynäkologe Stefan Palm, der in den achtziger Jahren als einer der ersten deutschen Ärzte künstliche Befruchtungen anbot.

          „Sobald eine Frau über 30 ist, nimmt die Fruchtbarkeit ab“

          Die Lebensplanung junger Paare lässt die Babymacher auf weiter wachsende Geschäfte hoffen. Für viele gilt heute: erst die Karriere, dann das Kind. Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung entscheiden sich die Paare fünf Jahre später als noch in den sechziger Jahren für Nachwuchs. Für viele Frauen ist es dann aber zu spät - biologisch gesehen. Wenn sie noch ein eigenes Kind wollen, müssen sie nachhelfen. „Sobald eine Frau über 30 ist, nimmt die Fruchtbarkeit Jahr für Jahr stetig ab“, sagt der Essener Reproduktionsmediziner Thomas Katzorke. 1,4 Millionen Deutsche sind nach einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung ungewollt kinderlos. An ihnen verdient die Befruchtungsbranche gut.

          Ein großer Teil der Einnahmen geht an Pharmaunternehmen. Sie produzieren Hormone, die die Eierstöcke zu Höchstleistungen stimulieren sollen. Der amerikanische Marktforscher Kalorama schätzt, dass weltweit jährlich Hormone im Wert von einer Milliarde Euro verkauft werden. In Deutschland lag der Gesamtumsatz mit Fruchtbarkeitshormonen im vergangenen Jahr bei 64 Millionen Euro. Das Schweizer Biotechnologieunternehmen Serono, das zum deutschen Merck-Konzern gehört, ist Marktführer der Branche. Seit 1995 hat es den Kassenschlager Gonal-F im Angebot, ein Hormonpräparat, das in über 100 Ländern zugelassen ist. Es beschert dem Unternehmen allein mehr als 400 Millionen Euro Umsatz pro Jahr.

          „In jedem Jahr kamen mehr Patienten“

          Den ärztlichen Teil der Fortpflanzungshilfe erledigen in Deutschland 120 Kliniken, die sich meist freundlich „Kinderwunschzentren“ nennen. Thomas Katzorke betreibt in Essen eines der ältesten und größten dieser Zentren. Von den rund 150.000 Kindern, die in Deutschland durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden, entstand jedes zehnte in seiner Praxis. „Wir machen das seit Anfang der achtziger Jahre“, sagt er. „In jedem Jahr kamen mehr Patienten.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.