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Rentenreform : Große Koalition der Alten

Die Große Koalition hat ein offenes Ohr für die Wünsche der Älteren. Bild: dpa

Warum macht die Große Koalition eine Politik für die Alten und zulasten der Jungen? Diese Frage stellt sich nach den jüngsten Rentenbeschlüssen auf’s Neue. Ökonomen haben eine klare Antwort.

          Es ist ein hässliches, polemisches Wort, doch steckt ein Körnchen Wahrheit darin: Gerontokratie. Befindet sich Deutschland auf dem Weg zu einer Herrschaft der Alten, der Greise? Nach den Rentenbeschlüssen der großen Koalition stellen sich Ökonomen diese Frage. Von den neuen Rentenregelungen profitieren die heutigen Rentner, vor allem Frauen, und die rentennahen Jahrgänge. Die Zeche für die Ausweitung der Leistungen werden die Jungen und künftige Generationen zahlen müssen. Bis zu 230 Milliarden Euro werden die erhöhte Mütterrente, die Rente mit 63 und andere Mehrleistungen bis zum Jahr 2030 nach Schätzungen kosten.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Warum macht die „GroKo“ Politik für die Alten und zu Lasten der Jungen? Aus Sicht der politischen Ökonomie ist die Antwort klar: weil das Gewicht der Alten bei Wahlen steigt. Der Anteil der Betagten an der Bevölkerung und vor allem an der Wählerschaft wächst schnell. Nach Zahlen des Bundeswahlleiters, welche die Deutsche Bank Research ausgewertet hat, ist der Anteil der über 60-Jährigen in einem Jahrzehnt von 32 auf 34,4 Prozent gestiegen. Die Alten gehen zudem häufiger zur Urne als der Rest der Bevölkerung. Berücksichtigt man ihre höhere Wahlbeteiligung von fast 80 Prozent bei der Bundestagswahl 2013, so ist der Anteil der Wähler im Alter von mehr als 60 Jahren von 33 auf fast 36 Prozent gestiegen.

          Wenn die Entwicklung weitergeht, woran die demographischen Trends kaum Zweifel lassen, dann ist der Zeitpunkt berechenbar, von dem an Rentner die Mehrheit der Wahlberechtigten stellen. Der Ökonom Hans-Werner Sinn warnte schon vor Jahren, Deutschland verwandele sich wegen der niedrigen Geburtenrate und der steigenden Lebenserwartung in eine Gerontokratie. Reformen der Sozialsysteme, welche die Jüngeren entlasten und die Leistungen für Ältere kürzen, seien dann zunehmend unmöglich. Auch Altbundespräsident Roman Herzog mahnte: „Ich fürchte, wir sehen gerade die Vorboten einer Rentner-Demokratie: Die Älteren werden immer mehr, und alle Parteien nehmen überproportional Rücksicht auf sie.“

          Gerade die „GroKo“ hat ein offenes Ohr für die Wünsche der Älteren. Vielleicht, weil die Rentner überwiegend Anhänger von Schwarz oder Rot sind. Fast 77 Prozent gaben Union oder SPD ihre Stimme – 9,6 Prozentpunkte mehr als in der Gesamtbevölkerung. Jeweils mehr als 40 Prozent der Wähler von CDU/CSU und SPD kamen aus der Gruppe der über 60-Jährigen. Die Oppositionsparteien hatten eine deutlich jüngere Wählerschaft. Vor allem die Grünen, aber auch die AfD konnte bei den Jüngeren punkten.

          Ein eindeutiges Bild ergibt auch die Altersstruktur der Mitgliederschaft der Parteien. Union und SPD haben ältere Mitglieder als fast alle anderen Parteien. Das Durchschnittsalter der CDU-Mitglieder liegt bei 57 Jahren, das der SPD-Genossen bei 59 Jahren. Besonders stark ist die Veränderung bei den Sozialdemokratien. Noch vor einem Jahrzehnt war erst ein Viertel von ihnen älter als 60 Jahre, inzwischen sind es mehr als 50 Prozent. In allen drei Regierungsparteien stellen über 60-Jährige inzwischen die Mehrheit der Mitglieder, wie Dieter Bräuninger von DB Research betont. Ähnlich überaltert ist die Linkspartei. Im Osten ist die Linke sogar die Rentnerpartei par excellence mit einem geschätzten Durchschnittsalter von rund 70 Jahren. Dagegen sind die anderen Oppositionsparteien deutlich jünger. Die Mitglieder der FDP sind im Durchschnitt 53 Jahre alt. In der AfD, von den Etablierten „Partei alter Professoren“ genannt, sind die Mitglieder sogar knapp weniger als 51 Jahren alt. Noch darunter liegen die Grünen mit 48 Jahren. Von allen Ländern Europas hat Deutschland die älteste Wählerschaft.

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