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Rentenreform : Frau Merkel und die kleine Clara

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Drei-Generationen-Familie: Belastet die Rentenreform die Berufstätigen von morgen zu stark? Bild: F.A.S.

Die Rentenpläne der großen Koalition werden die Jugend von heute belasten. Noch ist sie zu jung, um sich zu wehren. F.A.S.-Redakteurin Lisa Nienhaus erklärt ihrer Tochter, warum die Rentenreform teuer für sie wird.

          Liebe Clara,

          heute kann ich erst später zur Geburtstagsfeier deines Kindergartenfreunds kommen. Denn ich will dir einen Brief schreiben. Es ist ein bisschen kompliziert, aber leider wird es für dich noch sehr wichtig werden. Es geht um etwas, das die Erwachsenen Rente nenne.

          Aber fangen wir vorne an. Du weißt: Wenn ich dich morgens in den Kindergarten bringe, hören wir immer so ein Radio, in dem keine Musik kommt, nur Leute reden über Tote, Krieg, fremde Länder. Immer wieder geht es auch um Frau Merkel – die kennst du, wir nennen sie: „die Chefin von Deutschland“. Wenn ich das Radio in den letzten Tagen gehört habe, bin ich oft wütend geworden im Auto. Dein kleiner Bruder hat es gleich gemerkt. „Is’ das Trottel, Mama?“, hat er gestern von der Rückbank gefragt, als ich vor mich hin geflucht habe. Und ich war geneigt zu sagen: „Genau, das sind Trottel.“ Aber nein, nein, er versteht das schließlich noch nicht.

          Du aber, Clara, kannst vielleicht schon verstehen, wieso ich wütend bin. Es geht nämlich um euch, dich und deinen Bruder, um mich, Oma – und um die Chefin von Deutschland. Die hat jetzt zusammen mit anderen Leuten etwas beschlossen, das sie im Radio „Rentenpläne“ nennen. Von Rente hast du sicher noch nie etwas gehört. Rente ist das, was Leute bekommen, die nicht mehr arbeiten gehen, weil sie alt sind. Rente ist also Geld – du sagst dazu „Euros“. Aber die Euros, das weißt du längst, müssen irgendwo herkommen. Da gibt es zwei Wege, hast du mir letztens selbst erklärt, als du Euros haben wolltest: man kann sie aus Mamas Portemonnaie nehmen oder man muss arbeiten gehen. Du wolltest gerne abends nach dem Kindergarten noch ins Büro gehen, hast du gesagt. Aber da gebe ich dir lieber Euros aus meinem Portemonnaie.

          Kinder versorgen ist auch Arbeit

          Die meisten Rentner gehen nicht mehr ins Büro. Deshalb kommen viele der Euros, die sie ausgeben, aus den Portemonnaies anderer: eben von denen, die noch arbeiten. Die müssen etwas abgeben, das kommt in einen großen Topf und wird dann an die Omas und Opas verteilt. Dafür sorgen Leute wie Frau Merkel. Das ist eigentlich eine gute Sache, denn viele alte Leute können gar nicht mehr arbeiten. Da ist es gut, wenn die Jüngeren ihnen helfen. Wenn deine Omas und Opas bald in Rente gehen, bekommen sie auch Geld aus dem Topf. Das finden sie ganz richtig so, denn sie haben, als sie jung waren, schließlich auch dafür bezahlt, dass die damals alten Leute etwas aus dem Topf bekamen.

          Frau Merkel und ihre Freunde haben nun beschlossen, dass die Rentner bald mehr Geld bekommen sollen. Manche von ihnen dürfen zwei Jahre früher mit dem Arbeiten aufhören, bekommen also zwei Jahre länger Euros aus dem großen Topf. Das sind vor allem Opas. Andere bekommen mehr Euros, weil sie Kinder haben, für die sie ihre Arbeit einige Jahre lang aufgegeben haben. Das sind vor allem Omas.

          Deine Omas zum Beispiel bekommen beide vier Rentenpunkte mehr, das sind im Schnitt 112 Euro mehr im Monat – schließlich haben sie je vier Kinder groß gezogen. Und Kinder versorgen ist auch Arbeit. Frag mal Papa, der euch gerade bändigt – während ich diesen Brief hier schreibe. 112 Euro bekommen die Omas also: Dafür könnten sie einmal im Monat mit dem ICE zu uns und wieder zurück fahren und euch sogar noch jedem ein Buch als Geschenk mitbringen.

          Der große Topf reicht nicht mehr

          Für die Omas und Opas ist es also schön, was die Chefin von Deutschland gerade macht. Es gibt aber ein Problem, das kennst du davon, wenn du Gummibärchen aus einer dieser kleinen Tüten an uns verteilst. Wenn Papa, ich und Oma je ein Gummibärchen bekommen, und du und dein Bruder je drei, dann passt es genau. Wenn jetzt aber Oma auf einmal auch drei Gummibärchen haben soll, dann reicht es nicht mehr. Dann brauchen wir mehr Gummibärchen.

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