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Rentenansprüche : Altersvorsorge im Blindflug

  • -Aktualisiert am

Nicht einfach zinlos Geld horten: Welche Alternativen haben Sparer? Bild: dpa

Viele Deutsche wissen kaum, welche Leistungen sie aus der gesetzlichen Rente zu erwarten haben. Und überhaupt, wie es um ihre Altersvorsorge steht. Das hier könnte die Lösung sein.

          Für die private Altersvorsorge der meisten Deutschen ist kümmerlich ein zu hoch gegriffenes Wort. Sie ist schlicht nicht existent. Das heißt nicht, dass wir vor großer Altersarmut stehen. Die Deutschen sparen fleißig und werden immer reicher. Doch die monatliche Ersparnis von rund 16 Milliarden Euro landet nach Angaben der Deutschen Bundesbank unter dem Strich komplett auf Giro- und Tagesgeldkonten. 2,2 Billionen Euro haben sich dort angesammelt. Das ist mehr als alle börsennotierten deutschen Unternehmen zusammen wert sind. Die sind freilich mehrheitlich in ausländischem Besitz, weil die Deutschen Aktien meiden.

          Diese Art des Sparens hat mit planvoller Altersvorsorge nichts zu tun. Das ist Altersvorsorge im Blindflug. Kaum jemand weiß, welche Leistungen er aus der staatlichen Rente zu erwarten hat. Wie hoch die Ansprüche aus der betrieblichen Altersvorsorge sind? Keine Ahnung, habe ich so was? Entsprechend ist den meisten völlig unklar, wie viel Geld sie mit ihrem Renteneintritt zur Verfügung haben und ob das für ihren Lebensstandard reicht.

          Der Staat hat einen großen Anteil an diesem Desinteresse. Die Rente ist bekanntlich sicher. Weitere Details könnten da nur stören. Die rot-grüne Bundesregierung hat es im Jahr 2000 nach 16 Jahren Regierung Kohl/Blüm dennoch als nötig angesehen, die demographische Bedrohung für die Rente ernster zu nehmen und eine Absenkung des Rentenniveaus sowie die Einführung der staatlich geförderten Riester-Rente als private Ergänzung beschlossen.

          Eine grundlegende Reform ist überfällig

          Die Kalkulation ging auf. Auf die Schlagworte „staatliche Förderung“ und „Steuervorteil“ ist Verlass. Doch genauere Blicke auf die Details wären hilfreich gewesen. Riester ist so für die Versicherungswirtschaft zu einem vollen Erfolg geworden. Die Sparer jedoch stecken in kaum verständlichen, mäßig rentierlichen Verträgen mit hohen Gebühren. Der Neuabsatz ist zum Erliegen gekommen. Immer mehr Riester-Verträge werden beitragsfrei gestellt. Nicht alle diese Verträge sind schlecht, oft lohnt sich eine Fortführung. Eine grundlegende Reform ist dennoch überfällig.

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          Es ist daher zu begrüßen, dass die hessischen Minister für Finanzen, Thomas Schäfer (CDU), Soziales, Stefan Grüttner (CDU), und Wirtschaft, Tarek Al-Wazir (Grüne), 2015 die Debatte über eine Deutschland-Rente angestoßen haben. Ende vergangener Woche legten sie ein im Lichte der Kritik konkretisiertes Konzept vor. Sie haben die richtigen Ansätze im Kopf. Erstens: Ohne staatlichen Anschub funktioniert es nicht. Die meisten Deutschen beschäftigen sich nicht gerne mit Finanzthemen. Aus eigenem Antrieb werden sie nicht aktiv. Der Vorschlag sieht daher vor, dass die Arbeitgeber alternativ zu einer betrieblichen Altersvorsorge einen Teil des Gehalts in eine private Altersvorsorge für den Mitarbeiter investieren, es sei denn, dieser widerspricht. In Schweden und Großbritannien hat sich gezeigt, dass so eine viel größere Verbreitung privater Vorsorge erreicht werden kann.

          Teure Beitragsgarantien sind in Frage gestellt

          Zweitens werden die immens teuren Beitragsgarantien in Frage gestellt. Ein Verzicht auf solche Garantien schaffte Spielraum für mehr Anlage in Aktien. Die Minister verweisen auf die Renditen von Aktiensparplänen: Wer 30 Jahre einzahlte, bekam in der Vergangenheit im schlechtesten Fall eine jährliche Rendite von 6 Prozent, im besten Fall von 13,6 Prozent. Der neue Vorschlag sieht ein deutlich größeres Gewicht der Geldanlage in Aktien vor, als dies heute der Fall ist.

          Und drittens soll das Gelddrucken der Versicherer auf Kosten der Sparer künftig verhindert werden. Für die Riester-Förderung soll es eine Liste einfacher und günstiger Produkte geben, in die investiert werden kann. Eines der auswählbaren Produkte soll staatlich initiiert sein, nicht mehr als 0,5 Prozent kosten und in passive Produkte investieren, also Indexfonds ohne aktive Aktienauswahl. Damit soll ausdrücklich kein Staatsfonds geschaffen werden, sondern der Anleger immer auf eigene Rechnung sparen. Den Auftrag für die Verwaltung könnte eine Bank oder eine Fondsgesellschaft bekommen. Förderbeträge und Steuervorteil, wie sie jetzt für Riester gelten, sollen beibehalten werden.

          Verluste bei langen Laufzeiten sind unwahrscheinlich

          Der Vorschlag ist gut, wird es aber nicht einfach haben. Teure Versicherer und Fondsgesellschaften werden ihre Pfründe ebenso verteidigen wie die Finanzvertriebe. Das neue Produkt muss als automatische Option für alle Beschäftigten nicht in Banken, Sparkassen und anderen Vertriebsorganisationen verkauft werden und kommt daher ohne Abschlussprovision aus. Das spart dem Anleger mehrere tausend Euro, die sich die Finanzbranche natürlich nicht entgehen lassen will.

          Und was ist bei Verlusten? Wer haftet dann? Die Antwort muss heißen: Der Anleger, wobei Verluste bei langen Laufzeiten unwahrscheinlich sind. Ist das staatlich initiierte Konkurrenzprodukt wirklich frei von staatlichem Einfluss auf Anlageentscheidungen? Die Antwort muss ein garantiertes Ja sein. Gleichwohl werden dies noch kritische Punkte in der Diskussion sein. Der Ansatz einer weiter verbreiteten privaten Altersvorsorge mit mehr Aktien und weniger Gebühren sollte aber nicht verwässert werden. Es ist die bessere Riester-Rente, und es ist auch besser, als das Geld einfach zinslos auf dem Girokonto zu horten.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

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