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Rente : Nur eine Minderheit arbeitet bis 65 Jahre

Bild: F.A.Z.

Immer länger leben und immer früher in den Ruhestand - diese Entwicklung belastet die Rentenfinanzen seit Jahren. Ein Überblick über Renteneintrittsalter, Lebenserwartung, Beitragssätze und Reformideen.

          Die Deutschen sollen länger arbeiten. Immer länger leben und immer früher in den Ruhestand - diese Entwicklung belastet die Rentenfinanzen seit Jahren. Schon die Reform von 1992 sollte dem entgegenwirken. Doch immer noch gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, vor Vollendung des 65. Lebensjahres in Rente zu gehen, ohne Abschläge in Kauf nehmen zu müssen.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Bislang konnten langjährig Versicherte mit 63 Jahren aufhören zu arbeiten, Schwerbehinderte mit 60 Jahren. Auch wenn diese Altersgrenzen auf 63 Jahre für Schwerbehinderte und auf 65 Jahre für alle anderen Männer und Frauen steigen, geht die Mehrzahl weit vor 65 Jahren in Rente. Allerdings kommen wegen der Erhöhung immer weniger Frührentner hinzu: Das durchschnittliche Renteneintrittsalter ist seit 1997 schon von 62 Jahren auf 62,4 Jahre gestiegen. Rechnet man die Erwerbsminderungsrenten dazu, liegt das Rentenzugangsalter indes nur bei gut 60 Jahren.

          Nur gut ein Viertel der männlichen Beschäftigten arbeitet bis zur gesetzlichen Altersgrenze von 65 Jahren. Bei Frauen liegt der Anteil höher, bei fast der Hälfte. Ursache dafür ist, daß viele Frauen - die wegen der Familienphasen weniger Jahre arbeiten als Männer - oft weder mit 60 noch mit 63 Jahren Altersruhegeld wegen langjähriger Versicherung in Anspruch nehmen können. Auch sind die Rentenansprüche wegen der kürzeren Beitragszeit oft so gering, daß sie sich einen vorzeitigen Ruhestand nicht leisten können. Bei vielen „jungen Rentnern" subventioniert die Bundesanstalt für Arbeit das vorzeitige Ausscheiden. Die Rentenversicherer haben 2001 fast jede fünfte Frührente „aus arbeitsmarktpolitischen Gründen" bewilligt: Die gesundheitliche Beeinträchtigung war nicht ausschlaggebend, sondern die Tatsache, daß keine geeignete Stelle vermittelt werden konnte.

          Konjunktur und Rentenzugangsalter laufen parallel

          Die Neigung, beschäftigungspolitische Probleme mit dem staatlich geförderten Ruhestand zu lösen, belegen Parallelen zwischen Konjunkturverlauf und Rentenzugangsalter seit den fünfziger Jahren. Eines der jüngsten Beispiele sind die üppigen Zahlungen von Vorruhestands- und Altersübergangsgeld in den neuen Ländern nach der Einheit, aber auch aktuelle Altersteilzeit-Modelle. In Ostdeutschland, wo Arbeitsplätze besonders rar sind, gehen rund 85 Prozent der Frauen und 46 Prozent der Männer mit 60 Jahren in den Ruhestand.

          Die Belastung der Rentenfinanzen verschärft sich in den kommenden Jahrzehnten durch die höhere Lebenserwartung und die sinkende Geburtenrate. Nach den Daten, welche die Rürup-Kommission zugrunde legt, wird 2030 ein 65 Jahre alter Mann durchschnittlich noch 18,4 Jahre leben, eine Frau sogar 22,6 Jahre. In anderen europäischen Ländern ist die Entwicklung ähnlich; als Gegenmaßnahmen werden dort ein höheres Mindestrentenalter, engere Zugangsvoraussetzungen bei Erwerbsminderungsrenten, Teilaltersrenten und flexible Altersrenten erwogen. Andererseits wird eine (Wieder-)Eingliederung in den Arbeitsmarkt für ältere Arbeitnehmer angestrebt.

          Die Rürup-Kommission schlägt vor, das gesetzliche Renteneintrittsalter von 2011 an schrittweise von 65 auf 67 Jahre zu erhöhen. Damit ginge der Geburtsjahrgang mit 65 Jahren und einem Monat in Rente, der Jahrgang 1969 und noch Jüngere mit 67. Auch so ließe sich das tatsächliche Rentenalter dem gesetzlichen annähern. Bei einem höheren Rentenzugangsalter verschöben sich auch die Zeiträume für Abschläge von der Rente: Frührentner bekämen länger weniger Geld.

          Rente mit 67 kann Beitragssätze nur begrenzt entlasten

          Dazu paßt eine andere Einlassung der Kommission: Sie lehnt eine Differenzierung des abschlagsfreien Rentenzugangsalters nach Anzahl der Beitragsjahre ab. Zu dem Rat, die Rentenabschläge von derzeit 0,3 Prozent monatlich auf 0,5 zu erhöhen, wie die Arbeitgeber dies fordern, konnte die Kommission sich jedoch nicht durchringen.

          Den Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung könnte die Heraufsetzung des Alters nur begrenzt entlasten. Zusammen mit einer Verschiebung der Rentenanpassung 2004 vom Sommer auf das Jahresende, die eine Ersparnis von 0,2 Prozentpunkten brächte, errechnet Rürup für 2010 einen Satz von 19,1 statt 19,4 Prozent und für 2030 23,3 statt 24,1 Prozent. Um den Satz 2030 unter 22 Prozent halten zu können, empfiehlt die Kommission eine Senkung des Rentenniveaus.

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