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Rente mit 63 : Arbeitende Rentner sollen Fachkräftemangel lindern 

Großes Potential: Laut DIW wollen viele Menschen im Rentenalter weiter arbeiten. Bild: AP

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sieht ein Potential von 400.000 Fachkräften im Rentenalter. Damit soll dem drohenden Fachkräftemangel durch die Rente mit 63 begegnet werden.

          Der Fachkräftemangel, der sich durch die Rente mit 63 verschärft, könnte durch eine höhere Erwerbsbeteiligung von Rentnern gelindert werden. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht nach Informationen dieser Zeitung ein Potential von zusätzlich bis zu 250.000 Rentnern, die arbeiten wollten – wenn die Politik dafür Anreize setzt. Derzeit sind gut 150.000 Menschen im Rentenalter sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Der Vorsitzende der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung Carsten Linnemann sieht sich dadurch in seinem Vorschlag bestärkt, die Arbeit von Rentnern zu erleichtern. Nach seiner Überzeugung sollten die Arbeitgeber von der Zahlung von Sozialbeiträgen für Rentner befreit werden. Außerdem sollte der Abschluss befristeter Arbeitsverträge möglich werden. CDU-Fraktionschef Volker Kauder hat zugesagt, den Vorschlag in Verhandlung mit der SPD über eine Abfederung der Rente mit 63 einzubringen.

          Nach der Untersuchung von DIW-Forscher Karl Brenke hat sich in der Altersgruppe der 65 bis 69 Jahre alten Personen die Erwerbstätigenquote seit dem Jahr 2003 von 5 auf 11 Prozent erhöht. „Eine weiter zunehmende Erwerbsbeteiligung der Älteren ist auch erforderlich, um die Schrumpfung der Alterskohorten der nachwachsenden Generation auszugleichen“, schreibt er. Daher seien politische Initiativen richtig, mit denen Anreize zum längeren Verbleib im Beruf gesetzt werden sollten. Im Rentenalter sei derzeit nur ein Viertel der Arbeitnehmer sozialversicherungspflichtig beschäftigt; die meisten seien Selbständige oder Minijobber.

          „Gesellschaft und Staat werden profitieren“

          „Schon allein diese Relationen lassen annehmen, dass es ein nicht unerhebliches Potential für eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit im höheren Alter geben könnte, sagt Brenke. Dafür spreche auch ein Ergebnis des Mikrozensus, nach dem es schon seit Jahren etwa 100.000 Personen im Alter von 65 bis 74 Jahren gibt, die nicht arbeiten, dies aber gern täten. Nehme man eine Quote von 10 Prozent zum Ziel – und damit heutige Rentner-Erwerbsquoten in der Schweiz oder Dänemark – ergebe sich ein Zuwachs von 250.000 Beschäftigten.

          Durch einen Verzicht auf die Sozialbeiträge der Arbeitgeber für die Rentner würden der Rentenkasse 317 Millionen Euro fehlen, 50 Millionen der Arbeitslosenversicherung. Dieser Effekt würde allerdings durch die Steuermehreinnahmen mehr als kompensiert, rechnet Linnemann vor. Jeder Rentner verdiene im Durchschnitt 21.500 Euro im Jahr; er müsse rund 2.000 Euro Steuern zahlen. Bei insgesamt 400.000 Rentnern kämen so 800 Millionen Euro Steuern zusammen. „Die Flexi-Rente eröffnet diesen Menschen neue Möglichkeiten. Am Ende des Tages wird die Flexi-Rente sogar Geld in die Kassen spülen. Gesellschaft und Staat werden profitieren.“

          Als Kronzeuge für den Nutzen springt Linnemann der Chef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Ulrich Walwei, zur Seite. „Es ist eine falsche Annahme, dass die Beschäftigung Älterer automatisch die Beschäftigungschancen Jüngerer schmälert. Den Arbeitsmarkt als Nullsummenspiel zu betrachten führt in die Irre.“ Er räumt ein: „Wenn bestimmte Beschäftigungsverhältnisse mit Kostenvorteilen verbunden werden, wächst die Gefahr von Verdrängungseffekten.“

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