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Rente : Arbeiten bis 67, aber wo?

Bild: F.A.Z.

Die Bundesregierung will das Renteneintrittsalter der Deutschen erhöhen. Gleichzeitig tut sie alles, um die Älteren aus den Jobs zu drängen. Die Frühverrentung ist mit der falschen Politik jahrelang gefördert worden.

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          So könnte die Situation im Jahr 2029 aussehen: Millionen älterer Arbeitsloser suchen händeringend einen Job. Rente bekommen sie erst mit 67. Den Weg dazu hat die große Koalition jetzt beschlossen: Vom Jahr 2012 an wird die Regelaltersgrenze in Schritten angehoben. Die 1959 Geborenen müssen schon bis 66 arbeiten. Wer nach 1963 geboren ist, bekommt die volle gesetzliche Rente erst, wenn er 67 ist.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Bekommt er dann aber auch die Chance, so lange zu arbeiten? Heute arbeiten in der Bundesrepublik nur noch 39,2 Prozent aller Menschen zwischen 55 und 64 Jahren. Unter den Industrieländern sind es nur in Italien noch weniger. In Schweden liegt die Erwerbstätigenquote in dieser Altersgruppe dagegen noch bei 69 Prozent.

          Falsche Politik hat Frühverrentung gefördert

          Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) gibt sich zuversichtlich, daß längere Beschäftigung auch in Deutschland bald wieder möglich wird. Sein Ministerium rechnet ab Mitte des kommenden Jahrzehnts mit einer deutlichen Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt für ältere Arbeitnehmer. Der Grund: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen dann in den Ruhestand, und weil in Deutschland viel zu wenig Kinder geboren werden, wachsen zu wenig jüngere Arbeitskräfte nach.

          Führt die demographische Entwicklung in 20 Jahren zur Vollbeschäftigung? „Es ist reichlich optimistisch, auf eine Trendwende am Arbeitsmarkt allein durch die demographische Entwicklung zu hoffen“, warnt der Vorsitzende des Sachverständigenrates, der Darmstädter Ökonom Bert Rürup. „Die niedrige Beschäftigungsquote älterer Arbeitnehmer in Deutschland ist kein Naturgesetz. Sie ist nicht zuletzt Folge einer falschen Politik, die massiv die Frühverrentung gefördert hat und immer noch begünstigt.“

          Kein spürbarer Rückgang der Unterbeschäftigung

          Die Analysen aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) bestätigen das. Zwar sinkt die Zahl der Jungen, die auf den Arbeitsmarkt drängen, in den kommenden Jahren kontinuierlich. Doch noch für das Jahr 2020 sehen die Nürnberger Forscher keinen spürbaren Rückgang der Unterbeschäftigung.

          Nur wer gut qualifiziert ist, hat dann am Arbeitsmarkt eine Chance. „Es ist absehbar, daß die gut qualifizierten Arbeitnehmer, die in den Ruhestand gehen, schon in zehn Jahren nicht mehr zu ersetzen sein werden“, sagt Thomas Zwick vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. „Das ist aber kein Phänomen, das sich wegen der demographischen Entwicklung allgemein auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen wird: Für gering qualifizierte Arbeitnehmer wird es auch in 10, 20 Jahren nicht genügend Beschäftigung geben.“ Für Ungelernte oder Fließbandarbeiter würde die Rente mit 67 bedeuten, daß sie weniger Geld bekommen, weil sie nicht länger arbeiten können.

          Die Lebenserwartung wird weiter steigen

          Deswegen ist es aber nicht falsch, die Rente mit 67 einzuführen. In den nächsten 30 Jahren wird die Lebenserwartung der 65jährigen in Deutschland voraussichtlich um fast vier Jahre steigen. Wenn aber immer mehr Menschen in den Ruhestand gehen und immer länger Rente bekommen, hat die Politik nur drei Möglichkeiten zu handeln: Die Jüngeren werden noch stärker belastet. Das scheidet aus, weil die Belastung jetzt schon zu hoch ist. Oder die Renten werden gekürzt, oder die Lebensarbeitszeit wird verlängert.

          „Gesetzliche Rente und die Entwicklung am Arbeitsmarkt sind zwei getrennte Probleme, die auch zwei getrennte Lösungen verlangen“, sagt der Mannheimer Ökonom und Rentenexperte Axel Börsch-Supan. „Wenn wir länger leben, müssen wir länger arbeiten und später in Rente gehen.“ Arbeitsminister Müntefering muß also nicht nur die Lebensarbeitszeit verlängern, er müßte auch den Arbeitsmarkt so reformieren, daß es dort mehr Dynamik gibt und daß Ältere Beschäftigung finden. Das Beispiel Schweden zeigt, daß das möglich ist.

          Ältere haben kaum eine Chance

          Doch dazu darf die Frühverrentung für Unternehmen und Arbeitnehmer nicht mehr so lukrativ sein. „Die Angebote zur Frühverrentung sind aber zur Zeit immer noch so attraktiv, daß sie massenhaft wahrgenommen werden“, sagt Thomas Zwick. Ältere haben deswegen in den Betrieben kaum eine Chance. Arbeitsminister Müntefering hat diesen Trend zur Frühverrentung gerade noch einmal verstärkt. Die sogenannte „58er-Regelung“, nach der ältere Arbeitslose ab 58 Jahren möglichst früh in Altersrente gehen, ist gerade noch einmal verlängert worden.

          „Die gleitende Anhebung des Renteneintrittsalters ist notwendig. Aber es ist ein Fehler, gleichzeitig die 58er Regelung zu verlängern“, kritisiert Rürup. „Beides paßt nicht zusammen.“ Dann würde auch in Deutschland das Interesse Älterer wachsen, sich weiterzubilden. In Schweden besucht jeder dritte der 55- bis 64jährigen Weiterbildungsveranstaltungen, in Deutschland sind es nur 2,4 Prozent.

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