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Rekord bei Klinikbehandlungen : AOK: Operationen fürs Geldverdienen

  • Aktualisiert am

Falsche ökonomische Anreize führen zu unnötigen Operationen. Das ist das Ergebnis des aktuellen AOK-Krankenhausreports. Bild: dapd

Die Deutschen kommen so oft ins Krankenhaus wie nie zuvor, sagen die Ortskrankenkassen. Vor allem lukrative Eingriffe wie Herz- und Wirbelsäulen-Operationen nehmen zu. Die Krankenhäuser entgegnen, es gehe ihnen nicht um das Geld.

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          Deutschlands Kliniken haben im vergangenen Jahr so viele Patienten behandelt wie noch nie. 18,3 Millionen Behandlungen verzeichnet der AOK-Krankenhausreport. Viele Operationen seien unnötig und würden nur erbracht, damit die Kliniken ihre Einnahmen verbesserten, kritisierten am Freitag in Berlin die Herausgeber des von AOK-Bundesverband und Wissenschaftlichem Institut der AOK (WIdO) erstellten Berichts. Die Zahl lag fünf Jahre zuvor bei 16,8 Millionen und stieg seitdem kontinuierlich. Allein 2011 kamen 300.000 Behandlungen dazu. Der Studie zufolge stieg die Zahl der stationären Behandlungen seit 2005 insgesamt um 11,8 Prozent je Einwohner. Binnen 20 Jahren sei die Zahl der Krankenhausaufenthalte zwischen 1991 und 2011 um fast ein Viertel gestiegen.

          Die Hälfte des Zuwachses entfällt laut Report auf Leiden des Muskel-Skelett-Systems, des Kreislaufsystems und der Harnorgane. Die Zahl der Wirbelsäulenoperationen hat sich bei AOK-Versicherten zwischen 2005 und 2010 mehr als verdoppelt. Auch bei Herzschrittmachern sei die Zahl der Eingriffe zwischen 2008 und 2010 um ein Viertel gestiegen. Laut dem vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) herausgegebenen Report sind in diesen Fällen aber nur etwa 10 Prozent des Anstiegs auf  die demografische Entwicklung, also die zunehmende Zahl älterer Menschen, zurückzuführen. Patienten kämen öfter unters Skalpell als nötig, sagte AOK-Vorstand Uwe Deh.

          Krankenhäuser wehren sich

          Eine andere Untersuchung im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft kommt zwar auch zu dem Ergebnis, dass es deutlich mehr Operationen gebe. Der Anstieg rühre aber von der Zunahme der Zahl der Älteren und vom medizinischen Fortschritt her. „Eine generelle Diffamierung der Krankenhausmitarbeiter und eine haltlose Verunsicherung vieler Patienten sind folglich zurückzuweisen“, heißt es in der Erhebung des Deutschen Krankenhausinstituts.

          Zuletzt wurde zum Beispiel bemängelt, dass Chefärzte Boni bekommen, die Anreize zu einer hohen Zahl an Operationen schaffen. WIdO-Geschäftsführe Jürgen Klauber sagte nun, es gebe besonders dort starke Zuwächse, wo die Eingriffe Gewinn versprächen. Durch das Älterwerden der Gesellschaft sei nur ein Drittel des Anstiegs erklärbar. „Den ökonomischen Fehlanreizen kommt eine ganz gewichtige Rolle zu“, sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, Fritz Uwe Niethard. So bringe eine typische Wirbelsäulen-OP einer Klinik 12.000 Euro ein. Dafür könnten 100 Jahre Behandlung ohne OP bezahlt werden.

          Auch die Qualität der Kliniken unterscheidet sich dem Report zufolge deutlich. Verglichen wurden Komplikationen und unerwünschte Ereignisse in den 614 untersuchten Krankenhäusern. Während es in 74 Kliniken bei weniger als 5 Prozent der Katheterpatienten zu einem Problem kam, lag die Rate in 37 Häusern bei mehr als 15 Prozent. In Zukunft sollten die Kassen die Möglichkeit bekommen, „nachweislich schlechte Qualität nicht zu bezahlen“, forderte Deh. Dies sei nötig, um „die Spreu vom Weizen“ zu trennen.

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