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Reise in die Volksrepublik : Merkel besichtigt den „Aufbau West“ in China

In einem Klassenzimmer in Chengdu

Am meisten verspricht man sich von der Westprovinzen Xinjiang und Sichuan. Doch in der einen Provinz mangelt es an Wasser für das so genannte Fracking-Verfahren, die andere gilt als erdbebengefährdet. Dennoch stehen die großen ausländischen Konzerne Schlange, um in Westchina zum Zuge zu kommen, neben Shell und Chevron auch BP, Hess, Conoco Phillips, Statoil und Total. Ihnen gewährt China Abschläge auf die Landpacht und auf die Ressourcensteuern.

Für das verarbeitende Gewerbe hält Westchina ebenfalls Vorteile bereit, etwa bei der Körperschaftsteuer CIT. Noch bis 2020 müssen Unternehmen in Westchina auf ihr Einkommen nur 15 statt 25 Prozent zahlen.

Die Lohnkosten sind bei vergleichbarer Produktivität um 15 bis 20 Prozent geringer als an der Küste, ähnliches gilt für die Aufwendungen für Energie oder Land. Während in Ostchina die Arbeitskräfte rar werden, sind sie im Binnenland in Hülle und Fülle vorhanden. Denn von genau dort stammen die Beschäftigten, die früher als Wanderarbeiter im Perlfluss- oder Jangtse-Delta tätig waren. Um in der Heimat zu bleiben, wo ihre Familien wohnen und die Kosten niedriger sind, nehmen sie geringere Löhne in Kauf.

Angela Merkel auf dem Flughafen Chengdu-Shuangliu vor dem Weiterflug nach Peking

Am Sonntagmorgen besuchte Merkel in Chengdu denn auch ein Ausbildungszentrum für Sozialarbeit, das sich um die Integration von Wanderarbeiterfamilien kümmert. Das Thema ist von enormer Bedeutung, da es in China noch immer mehr als 260 Millionen migrierende Beschäftige gibt.

In Westchina, der Heimat der meisten Wanderarbeiter, entpuppen sich ehemalige Standortnachteile als Vorteile, auch im Transport. Für den Export schwerer Güter bleiben die Küstenregionen unersetzbar. Die so genannte Leichtindustrie entdeckt aber zunehmend den Westen. Hochpreisige Produkte mit geringem Gewicht lassen sich per Luftfracht befördern, drei Güterzuglinien verbinden das chinesische Hinterland mit der EU. Deren Grenzen liegen 1000 Kilometer näher an Westchina als am Küstenstreifen.

Diese Trümpfe hat die Informationstechnik für sich entdeckt, etwa Dell, HP, Texas Instruments, Lenovo. Der Speicherchiphersteller Intel fertigt mittlerweile die Hälfte aller Prozessoren für mobile Endgeräte in Chengdu. Mit rund 250.000 Mitarbeitern montiert die taiwanische Foxconn-Gruppe 70 Prozent aller iPads von Apple hier. In Chongqing beschäftigt sie weitere 60.000 Mitarbeiter. Im zentralchinesischen Zhengzhou setzen 300.000 Foxconn-Mitarbeiter 500.000 iPhones zusammen – am Tag.

Unterdessen hat der Apple-Konkurrent Samsung im westchinesischen Xi’an 5,2 Milliarden Euro in sein wichtigstes Speicherchip-Werk außerhalb Koreas gesteckt. Das ist die derzeit größte ausländische Einzelinvestition in China. Geplant sind weitere 24 Milliarden Euro.

Wie dynamisch die alte Kaiserstadt ist, davon konnte sich Merkel vor vier Jahren ein Bild machen. Damals besuchte sie in Xi’an die Terrakotta-Soldaten und ein Werk von Siemens. Mit seiner neuen Bedeutung knüpft Westchina gewissermaßen an eine alte Erfolgsgeschichte ein. In Xi’an – früher Chang’an -, wo die Seidenstraße ihren Ausgang nahm, lebten schon in der Tang-Dynastie vom 7. Jahrhundert an rund eine Million Menschen. Heute sind es acht Millionen.

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