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Reichsfinanzministerium : Das abrupte Ende einer Karriere

Der aufwendige Lebensstil erweckt Neid

Es gab auch ein Radio, womit man zuhause Opern hören konnte. Die Sommer verbrachte die Familie abwechselnd in Heiligendamm oder in den Grand Hotels des Engadins. 1932 zog man um in eine moderne Zwölfzimmer-Wohnung in der Alsenstraße. Dort gab es Zentralheizung, einen privaten Aufzug, der direkt in die Eingangshalle führte, mehrere Badezimmer und einen großen Balkon. Kleider wurden von Hausschneiderinnen angefertigt. Als Zarden Staatssekretär geworden war, stand ihm als Dienstwagen ein Maybach zur Verfügung.

Ein solch aufwendiger Lebensstil war unter Spitzenbeamten der Weimarer Zeit nicht üblich und erregte Neid. „Zarden führte ein gesellschaftlich bewegteres Dasein als wir anderen Beamten“, meinte sein Vorgänger Hans Schäffer. Er habe Umgang gepflegt mit den größten Steuerzahlern des Reiches: „Der Reichsfinanzminister sah diesen Umgang nicht gern.“

Edithe Orenstein war Jüdin, Arhtur Zarden hatte jüdische Vorfahren. Finanzminister Lutz Graf Schwerin von Krosigk legte ihm schon kurz nach Hitlers Machtübernahme nahe, die Pensionierung zu beantragen. Graf Schwerin berichtet später, Zarden habe zu seinem Abschied eine kurze Audienz bei Hitler erwirkt, bei der Hitler ihm eine seinem Rang entsprechende andere Beschäftigung versprochen habe. Natürlich wurde das „Versprechen“ nie eingelöst. Am 31. März 1933, von einem Tag auf den anderen, mit 47 Jahren, war die Karriere Zardens zu Ende: „Es war tragisch für ihn, wegen seiner jüdischen Frau zurücktreten zu müssen“, notiert seine Tochter.

Äußerlich änderte sich am Leben der Familie - zunächst - gar nichts. Das Gesellschaftsleben ging weiter wie immer. Doch langsam wurde es einsamer. Irmgards Konfirmation im März 1937 war das letzte Großereignis im bürgerlichen Haus: Noch einmal gab es ein großzügiges Dinner für 44 Personen. Nach Ausbruch des Krieges zog man nach Lichterfelde, führte ein zurückgezogenes Leben. Die Diener wurden entlassen. Nur eine Köchin blieb. Seit sie den Judenstern tragen musste, ging Edithe Orenstein kaum mehr aus. Arthur Zarden kam in Kontakt mit Leuten des Widerstands; einer Widerstandsgruppe gehörte er nie an. Anfang Februar 1943 erkrankt seine Frau an Grippe. Wenig später stirbt sie. Ein Jahr später stürzt sich der Mann in den Tod. „Hätte die Mutter dann noch gelebt, wäre sie zweifelsohne deportiert worden“, schreibt die Tochter.

Ein „legitimer Prozess“ vor dem Volksgerichtshof

Es gibt noch eine Nachgeschichte. Paul Reckzeh, genannt „Gestapospitzel Robby“ und von Beruf Arzt, der bis zu hundert Menschen angezeigt und in vielen Fällen deren Ermordung auf dem Gewissen hat, wurde bei Kriegsende von den Russen zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Vor Gericht suchte der Mann sich aus der Affäre zu stehlen: „Es war zur Durchführung meiner Aufgabe erforderlich, dass ich mich antinazistisch gebärdete, was im Prinzip auch meiner inneren Einstellung entsprach.“

1952 wurde Reckzeh amnestiert, setzte sich in den Westen ab, wo er abermals unter Anklage gestellt werden sollte, was ihn veranlasste, in die DDR zurückzugehen und dort um Asyl zu bitten. Fortan arbeitet er als leitender Arzt in Zeuthen bei Berlin.

„Beihilfe zum Mord“ an Elisabeth von Thadden und drei weiteren Personen lautet die Anklage, unter der Irmgard Ruppel nach der Wiedervereinigung versucht, den Fall Reckzeh beim Oberlandesgericht Berlin wieder aufleben zu lassen. Drei Jahre lang kämpft sie. Dann teilt ihr das Gericht mit, die Anklage sei seit 1985 verjährt, alle Angeklagten seien vor dem Volksgerichtshof von Anwälten vertreten worden, somit sei das Ganze ein „legitimer Prozess“ gewesen. Der Gestapo-Spitzel Paul Reckzeh stirbt 1996 im Alter von 84 Jahren in Hamburg.

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