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Volkskrankheit : Koalition will Diabetes-Welle stoppen

  • -Aktualisiert am

Eine Nationale Diabetes-Strategie soll die Krankheit eindämmen. Bild: dpa

Die Zuckerkrankheit breitet sich rasend schnell aus. 6,7 Millionen Deutschen sind schon Diabetiker. Die Bundesregierung will den Kampf aufnehmen. Eine nationale Strategie soll verabschiedet werden, um die "Wohlstandskrankheit" einzudämmen

          Es ist eine Volkskrankheit und sie breitet sich rasend schnell aus: 6,7 Millionen Deutsche sind zuckerkrank. Jedes Jahr kommen 270000 Patienten hinzu, jeden Tag wird 750 Mal ein Diabetes mellitus meist vom Typ 2 (Altersdiabetes) diagnostiziert – und das, obwohl es seit Jahren spezielle Aufklärungsprogramme gibt: für mehr Sport, weniger Tabak, gesünderes Essen. Diabetiker haben oft schwere Folgeerkrankungen: Herzinfarkte, Schlaganfälle, Amputationen, Erblindungen, Nierenversagen. Die Behandlungskosten der „Wohlstandskrankheit“ erreichen, je nach Berechnungsmethode, jedes Jahr zweistellige Milliardenbeträge. Das ist ein interessanter Markt für die Pharmaindustrie, ein wichtiger Tummelplatz für Selbsthilfegruppen – und Grund genug für die große Koalition, sich stärker zu engagieren.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          CDU/CSU und SPD wollen deshalb im neuen Jahr eine nationale Diabetes-Strategie beschließen. Die Union hat dafür schon ein Konzept vorgelegt. Es stammt wesentlich aus der Feder des Gesundheitspolitikers Dietrich Monstadt (CDU). Er ist selbst Diabetiker. Dieser Zeitung sagte er: „Wir brauchen ein Konzept, das dezidierte Präventionsstrategien sowie Früherkennungs- und Versorgungskonzepte beschreibt, insbesondere zur Stärkung der Selbsthilfe betroffener Patienten.“ Die nationale Diabetes-Strategie sei dafür „ein erster und richtiger Schritt“. Der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Jens Spahn (CDU), sekundiert: „Auf uns rollt eine Diabetes-Welle zu.“ Da könne man mit der Aufklärung „gar nicht früh genug anfangen“.

          Bundesrat fordert Diabetes-Strategie von Regierung

          Beim Koalitionspartner SPD stößt das auf offene Ohren: „Das wird eine gemeinsame Aktion werden“, sagte deren stellvertretender Fraktionsvorsitzender Karl Lauterbach. Zwar müsse man noch über Details reden, doch klar sei: „Wir wollen die nationale Diabetes-Strategie 2015 gemeinsam in den Bundestag einbringen.“

          Schon im Sommer hatte der Bundesrat in einem Entschließungsantrag die Bundesregierung aufgefordert, „einen nationalen Diabetes-Plan vorzulegen, der ein Konzept enthält, das sowohl Präventionsstrategien, Früherkennungsmaßnahmen und Vorschläge für neue Versorgungsmodelle als auch für die Stärkung der Selbsthilfe beschreibt“. Die Regierung solle endlich tun, was die Weltgesundheitsorganisation empfehle und was 17 der 28 EU-Staaten getan hätten: eine eigene Diabetes-Strategie ins Werk setzen.

          Immerhin wird in dem im Dezember vom Kabinett beschlossenen Entwurf für ein Präventionsgesetz die Bekämpfung der „Zuckerkrankheit“ als eines der von den Kassen zu verfolgenden Gesundheitsziele hervorgehoben: „Diabetes mellitus Typ2: Erkrankungsrisiko senken, Erkrankte früh erkennen und behandeln“.

          Mangelnde Akzeptanz bei Behandlungsprogrammen

          Der von den Gesundheitspolitikern der Union vorgelegte Beschlussentwurf für den Bundestag weist darüber hinaus. Vorbeugung, mehr Früherkennung auch für Kinder und Jugendliche, intensivierte Aufklärungs- und Informationskampagnen sind hier nur ein erster Schritt.

          Auch den nächsten Schritt – den Ausbau spezieller Behandlungsprogramme – kann die SPD gut mitgehen. Lauterbach hatte schon vor mehr als zehn Jahren die Einführung solcher strukturierter Behandlungsprogramme für „Volkskrankheiten“ wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma oder Brustkrebs mit durchgesetzt. Patienten können sich darin einschreiben, sollen besonders intensiv begutachtet und behandelt werden. Die Ärzte werden dafür zusätzlich bezahlt. Dennoch hat sich nur etwa jeder zweite Diabetes-Patient in ein solches Disease-Management-Programm (DMP) eingeschrieben. Größere Akzeptanz ist ein wichtiger Punkt im Diabetes-Plan.

          Fachleute kritisieren lange schon die Datengrundlage als unzuverlässig. Deshalb soll sie verbessert werden: Die am bundeseigenen Robert-Koch-Institut eingeführte Gesundheitsbeobachtung soll in ein „nationales Diabetes-Überwachungssystem mit regelmäßiger Berichterstattung“ ausgebaut werden. So könnten zum Beispiel Folgeerkrankungen und Schäden besser registriert werden.

          Projekt stößt auf Skepsis und Zustimmung zugleich

          Weil die Volkskrankheit Diabetes viele Ursachen hat, wird die Bundesregierung aufgefordert, „neben der Gesundheit weitere relevante Bereiche, zum Beispiel Ernährung, Sport, Bildung, Forschung, Verbraucherschutz, Arbeit, Soziales, Familie, Senioren, Frauen, Jugend, Umwelt, Verkehr und Stadtentwicklung in die nationale Diabetes-Strategie einzubinden“.

          In der Selbsthilfeszene stößt das Projekt auf Skepsis und Zustimmung zugleich. „Wir produzieren mit unserer Lebensweise Millionen von chronisch Kranken, das wird das Gesundheitssystem nicht lange mehr finanzieren können“, sagt Dietrich Garlichs, der Geschäftsführer der Deutschen Diabetes-Gesellschaft. Deshalb heißt er solche Initiativen gut, „weil sie eine notwendige Diskussion in Gang bringen“.

          Doch diskutieren allein reicht eben nicht, Strukturen müssten verändert werden – und zwar nicht nur im Gesundheitswesen. Wenn die Lebensmittelindustrie ihre Kunden übergewichtig und krank mache, dann müssten die Rahmenbedingungen geändert werden. Als besonders wirksam schwebt der Diabetes-Gesellschaft vor: täglich eine Stunde Schulsport, eine Steuer auf Zucker und Fett, verbindliche Qualitätsstandards für Kita- und Schulverpflegung sowie ein Verbot von Lebensmittelwerbung, die sich an Kinder richtet.

          Auch der CDU-Politiker Monstadt hält Steuern als Steuerungsinstrument für eine gesündere Lebensmittelerzeugung zwar nicht für das erste, so doch für ein probates Mittel. Auch will er Werbung untersagen, „die zielgruppenorientiert bei unseren Kindern und Jugendlichen ungesundes Konsumverhalten fördert und anerzieht“. Diese Forderungen haben es allerdings noch nicht bis in den Beschlussantrag über eine nationale Diabetes-Strategie des Deutschen Bundestags geschafft.

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