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Reformkorrektur am Arbeitsmarkt : Das nächste Ziel heißt Zeitarbeit

Jobsuche auf der Zeitarbeitsmesse in Erfurt im September Bild: ZB

Die Arbeitnehmerüberlassung läuft so gut wie nie zuvor. Trotz der Erfolge wollen SPD-Linke und Gewerkschaft die Zeitarbeit eindämmen - zum Schaden der Unternehmen und Beschäftigten, meint Sven Astheimer.

          3 Min.

          Wenn der SPD-Parteitag in Hamburg eines deutlich gemacht hat, dann dass die Debatte über die deutsche Arbeitsmarktpolitik nicht mehr von Sachargumenten dominiert wird. In der Großen Koalition gilt der längere Bezug von Arbeitslosengeld I für Ältere schon als sicher - obwohl alle Fachleute deutlich warnen, dass dies die gerade sichtbaren neuen Chancen am Arbeitsmarkt wieder zunichte machen dürfte. Doch die vermeintliche „soziale Gerechtigkeit“ entwickelt eine Anziehungskraft, der sich die Politiker angesichts nahender Landtagswahlen nicht entziehen wollen oder können. Der linke Flügel der SPD und der Deutsche Gewerkschaftsbund wollen den Stimmungsumschwung nutzen, um weitere Teile der Arbeitsmarktreformen zurückzudrehen. Das nächste Ziel heißt Zeitarbeit.

          Denn das Geschäft mit der Überlassung von Arbeitnehmern läuft so gut wie nie zuvor. Seitdem die rot-grüne Bundesregierung mit der Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes im Jahr 2004 den Markt geöffnet hat, wächst die Branche jedes Jahr zweistellig. Derzeit gibt es in Deutschland mehr als 620.000 Zeitarbeitnehmer. Gemessen an 40 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland, liegt der Anteil aber immer noch bei nur 1,5 Prozent. Das ist im europäischen Vergleich unteres Mittelmaß.

          Anteil an Beschäftigungsaufbau sinkt

          Von einem „Heer von Leiharbeitern“ kann keine Rede sein. Zumal der Anteil der Zeitarbeit am Beschäftigungsaufbau sinkt. Zeichnete die Branche zu Beginn des Aufschwungs noch für drei von vier neuen Arbeitsplätzen verantwortlich, ist es derzeit nur noch einer. Die Erklärung: Verbessert sich die Auftragslage, setzen Arbeitgeber zunächst auf Überstunden, anschließend auf Zeitarbeit und befristete Neueinstellungen, und mit steigenden Vertrauen in die Dauer des Aufschwungs wächst auch die Neigung, feste Stellen zu besetzen.

          Trotz dieser erfreulichen Erfolge der Leiharbeit fordert die stellvertretende SPD-Vorsitzende Andrea Nahles die Eindämmung der Zeitarbeit, mit der Begründung, diese habe ihre ursprüngliche Bedeutung als mobile Einsatztruppe zur Abfederung von Produktionsspitzen verloren. Eine Meinung, die auch mancher Unionspolitiker teilt. Deshalb müsse per Gesetz geregelt werden, dass Zeitarbeiter nach einigen Wochen Einsatzdauer der Stammbelegschaft - vor allem in der Bezahlung - gleichgestellt werden. Ähnliche Pläne hegt der EU-Beschäftigungskommissar Vladimir Spidla.

          Falsche Schlüsse

          So richtig die Beobachtung ist, so falsch sind die Schlüsse, die die Vizechefin der Sozialdemokraten daraus zieht. Die Zeitarbeit hat in der Tat als Instrument in der Personalpolitik vieler Unternehmen an Bedeutung gewonnen. Warum? Weil sie den Firmen viel mehr Flexibilität und damit Wettbewerbsfähigkeit verschafft, die diese in einer globalisierten Weltwirtschaft benötigen. Der Flugzeugbauer Airbus ist ein gutes Beispiel dafür, wie rasch sich der Personalbedarf eines Unternehmens ändern kann. Festeinstellungen bergen dabei das Risiko hoher Fixkosten - der rigide deutsche Kündigungsschutz ist hier hauptverantwortlich. Davon profitiert die Zeitarbeit.

          Die IG Metall hat sogar eine Petition im Bundestag eingereicht, mit dem Ziel, eine Höchstdauer für den Einsatz von Zeitarbeitern einzuführen. Dabei beruft sie sich auf eine repräsentative Befragung zum Thema „Was ist gute Arbeit?“, die bei genauerem Hinsehen ihre Argumentation ad absurdum führt. Denn für neun von zehn Befragten ist das wichtigste Kriterium von guter Arbeit „ein festes, verlässliches Einkommen und ein unbefristetes Arbeitsverhältnis“.

          Genau das bietet Zeitarbeit: Der Arbeitnehmer ist in der Regel fest und unbefristet vom Zeitarbeitgeber angestellt. In der Zeit zwischen zwei Einsätzen wird ihm sein Gehalt weitergezahlt, er muss eben nicht den Gang zur Arbeitsagentur antreten. Das Risiko trägt der Arbeitgeber.

          Schwache Position der Gewerkschaft

          Die eigentlichen Motive der Metall-Gewerkschaft liegen woanders. Zeitarbeitnehmer sind nur zu einem geringen Grad organisiert, die DGB-Gewerkschaften deshalb in Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern in einer vergleichsweise schwachen Position. Außerdem tritt mit den Christlichen Gewerkschaften eine zunehmend ernst zu nehmende Konkurrenz auf den Plan. Anstatt zu versuchen, die Tarifautonomie auf dem Weg der Gesetzgebung zu unterhöhlen, sollten sich die DGB-Organisationen lieber darauf besinnen, auch in dieser Branche aktiv um Mitglieder zu werben. Jenseits der aggressiven Rhetorik einiger Spitzenfunktionäre geschieht dies an der Basis durchaus. Ein Haustarifvertrag zwischen der IG Metall Bayern und Adecco im Audi-Werk in Ingolstadt zeigt, was möglich ist.

          Die Zeitarbeit ist nicht der Schlüssel zur Lösung aller Probleme am Arbeitsmarkt. Aber sie verschafft den Unternehmen notwendige Flexibilität, und sie dient vielen als Sprungbrett in die Beschäftigung. Dies zeigt die Tatsache, dass ein Großteil der Zeitarbeiter zuvor arbeitslos war. Wer diese Form der Beschäftigung nicht will, der muss Alternativen nennen, wie er Unternehmen und Arbeitnehmern mehr Wettbewerbsfähigkeit und Chancen geben will.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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