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Reformen : Gesundheit oder Gesundheitspolitik?

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Die Verunsicherung der Patienten über die Gesundheitsreform ist groß. Aus diesem Grund melden Ärzte vor dem Jahreswechsel überfüllte Praxen.

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          Ist es das Erkältungswetter, sind es die bevorstehenden Weihnachtsfeiertage, oder ist es doch schlicht die Angst vor den Folgen der Gesundheitsreform? "Arztpraxen voll wie nie", melden Zeitungen. Vor allem wegen der Zuzahlungen, die von Januar an in der Arztpraxis drohen, seien diese jetzt vielerorts überlaufen: In ländlichen Regionen gebe es gar bis zu 70 Prozent mehr Patienten. Genaue Zahlen habe er nicht, wiegelt Roland Stahl, der Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), ab. Doch "an die 30 Prozent" mehr Patienten als im Vormonat dürften in den Praxen sitzen, schätzt Stahl. Vor allem die Ärzte aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern meldeten übervolle Wartezimmer.

          Von einem übergroßen Andrang auf die Arztpraxen will der Sprecher des Hartmannbundes nicht reden. "Den können wir flächendeckend nicht feststellen", sagt Peter Orhten-Rahner. Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) registriert einen Anstieg, der den üblichen Zuwachs am Jahresende übersteige, sagte Sprecher Reiner Kern. Normalerweise holten sich "Leute noch den Stempel für ihr Bonusheft". Denn wer die Stempeleinträge sammelt, zahlt weniger für Zahnersatz.

          Die Verunsicherung ist groß

          Ein "unterschiedliches Bild" in den Praxen konstatiert die Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Berlin. Viele Frauen gingen offenkundig zur Vorsorge "noch mal zum Gynäkologen" mit der Absicht, die Praxisgebühr zu sparen. Doch für Vorsorge und Früherkennung muß die Patientin auch künftig keine 10 Euro Praxisgebühr zahlen. Die Verunsicherung sei eben groß.

          Die Allgemeinen Ortskrankenkassen hatten schon vor Wochen Patienten davor gewarnt, noch eben eine Gebißreparatur machen zu lassen, um die Praxisgebühr zu sparen. Das könne am Ende teurer kommen, weil von Januar an neue, teils niedrigere Erstattungssätze für Zahnersatz gälten. Andererseits gelten von Januar an für Zahntechniker neue Kostensätze. Seit Monaten steige jedenfalls die Nachfrage nach Zahnersatz, sagt KZBV-Mann Kern. Zwar komme die Umstellung auf den privat abgesicherten Zahnersatz erst 2005. Die Patienten hätten längst den Überblick verloren, glaubt Kern und spricht von einem "psychologischen Vorzieheffekt".

          Auslieferung der Brille ist entscheidend

          Als Folge eines ganz realen Vorzieheffektes sind vor allem die Augenarztpraxen seit Wochen überfüllt. Beim Bundesverband der Augenärzte Deutschlands heißt es nur: "Haben Sie mal versucht, einen Termin zu bekommen?" Augenärzte berichten, daß Patienten, die jahrelang nicht in der Praxis waren, nun "noch eben schnell" neue Gläser oder Kontaktlinsen verschrieben haben wollten. Denn mit Inkrafttreten der Gesundheitsreform fallen die Zuschüsse für Sehhilfen (in den meisten Fällen) weg. Für das Gestell zahlen die Kassen schon lange keinen Zuschuß mehr. Doch für ein Paar Gläser gebe es im Schnitt immer noch 50 Euro, sagt Stefan Diepenbrock vom Zentralverband der Augenoptiker. So wollen viele Brillenträger im alten Jahr noch ein Rezept für neue Gläser bekommen.

          Doch das allein dürfte nicht ausreichen. Denn nicht das Datum des Rezeptes, sondern das der Auslieferung der Brille sei entscheidend, sagt Joachim Odenbach vom Bundesverband der Innungskrankenkassen. Das entspreche auch der Systematik des Gesetzes und werde bei Medikamentenverordnungen genauso gehalten. "Brillen, die nach dem 1. Januar 2004 ausgeliefert werden, werden nicht mehr bezuschußt", heißt es dazu eindeutig aus dem Gesundheitsministerium.

          Das sei bei vorhergehenden Reformen anders gewesen, wundert sich Diepenbrock vom Optikerverband und spricht von Rechtsbruch. Den Kunden empfiehlt er, "bei Unstimmigkeiten mit den Kassen Widerspruch einzulegen". Optikerketten-König Fielmann will das Risiko der Erstattung von später ausgelieferten Gläsern im Zweifel auf die eigene Kappe nehmen und zweistellige Millionenbeträge von den Kassen einklagen. Kassen und Ministerium läßt die Drohung kalt. Schließlich seien die Optiker selber schuld, wenn sie die Nachfrage mit Werbekampagnen schürten und dann die Nachfrage nicht rechtzeitig bedienen könnten.

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