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Referendum : Drei Mythen der Brexit-Entscheidung

Flaggen-Postkarten in London Bild: AFP

In der Brexit-Abstimmung hatten die Jungen keine Chance gegen uninformierte Alte, die ihre Wahl jetzt bereuen – so heißt es oft. Daran stimmt nicht alles.

          Hier sind drei Mythen der Brexit-Referendumsanalyse.

          1. Die Jungen hatten keine Chance gegen die Alten

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In den Tagen nach dem Brexit-Referendum lief durch die sozialen Netzwerke eine eingängige Tabelle. Für jede Altersgruppe standen links die Zustimmungsquoten zum EU-Ausstieg, rechts die Zahl der Jahre, die diese Altersgruppe mit der Entscheidung noch lebt. Je älter die Wähler waren, desto eher lehnten sie die Europäische Union ab. Waren in der jüngsten Gruppe von 18 bis 24 Jahren fast zwei Drittel der Befragten für den Verbleib in der EU, hatten oberhalb der 50 Lebensjahre die EU-Gegner eine deutliche Mehrheit.

          Die naheliegende Folgerung: Die geburtenstarken Babyboomer und ihre Eltern haben den Jungen die EU-Mitgliedschaft verwehrt. Mancher forderte schon ein Höchstalter fürs Wahlrecht. Tatsächlich aber zeigt sich, dass die jungen Wähler die alten tatsächlich hätten überstimmen können, wenn sie nur am Referendum teilgenommen hätten. Das britische Meinungsforschungsinstitut YouGov führt den Sieg der EU-Gegner gerade auf die hohe Wahlbeteiligung in den Wahlbezirken zurück, in denen die EU-Gegner eine Mehrheit hatten. Und eine Analyse der „Financial Times“ hat deutlich gezeigt: Die Wahlbeteiligung war eher in den Bezirken hoch, wo die Wähler alt waren.

          2. EU-Gegner haben sich erst hinterher informiert

          Die Runde macht auch eine andere Grafik. Sie zeigt, dass nach Bekanntwerden des Referendum-Ergebnisses auf Google die Suchanfragen wie „Was ist die EU“ oder „Was passiert, wenn wir die EU verlassen“ in die Höhe schossen. Mancher zog die naheliegende Schlussfolgerung: Viele Briten hatten sich vor dem Referendum nicht informiert und fingen erst nach dem Ergebnis an, sich für die Sachfragen zu interessieren.

          Auch diese Folgerung ist allerdings nicht zwingend, wie der Politikwissenschafts-Student Remy Smith auf Basis der Google-Daten ausgerechnet hat. Die Zahl der Suchanfragen hat sich zwar vervielfacht, aber immer noch googelten nur 1000 Menschen den Begriff „Was ist die EU“. Smiths Fazit: „Das ist kaum ein Zeichen dafür, dass die Wähler uninformiert wären.“

          3. Die EU-Gegner bereuen ihre Entscheidung

          Durch die britische Medienlandschaft laufen Zitate von Engländern, die sich im Referendum gegen die EU ausgesprochen haben und jetzt ihre Entscheidung bereuen. „Ich dachte, meine Stimme zählt sowieso nicht“, sagt einer. Ein anderer: „Ich wünschte, wir könnten noch einmal abstimmen. Ich bin sehr enttäuscht.“ Die naheliegende Folgerung: Viele EU-Gegner bereuen ihre Stimme und würden das Referendum gerne wiederholen.

          Tatsächlich zeigt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Comres unter mehr als 1000 Briten: Nur ein Prozent derjenigen, die gegen die EU gestimmt haben, sind mit dem Ergebnis des Referendums unzufrieden. Die Mehrheit aller Briten ist dafür, das Ergebnis des Referendums anzuerkennen.

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