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Recycling : Der Lampenschrott liegt im Keller

Verrotten statt entsorgen: Wenige Energiesparlampen werden recycelt Bild: dpa

Es gibt immer mehr Rücknahmestellen für ausgediente Leuchtkörper. Dennoch geben die wenigsten Verbraucher ihre Altlampen zurück. Bald dürften die Auflagen zur Entsorgung verschärft werden.

          Die gute Nachricht zuerst: Aufklärung wirkt. 70 Prozent der Deutschen wissen, wie Lampen entsorgt werden müssen, vor drei Jahren waren es nur 35 Prozent. Das ergab eine repräsentative Umfrage. Und im Hausmüll, das wiederum ist das Ergebnis einer Restmüll-Analyse, findet sich so gut wie keine ausgediente Lampe oder gar eine quecksilberverseuchte Energiesparlampe. Die schlechte Botschaft: In Deutschlands Kellern und Abstellkammern verrotten Tausende Tonnen, Millionen von Altlampen, die vergessen sind oder gesammelt werden, bis sie dann endlich zum Wertstoffhof gebracht werden.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Und die Menge wird immer größer. Schätzungsweise 49 Millionen Altlampen wurden im vergangenen Jahr über die Sammelsysteme in Deutschland zurückgenommen, seien es auf Wertstoffhöfen der Kommunen, freiwillige Rücknahmen im Handel oder im Elektrohandwerk, sei es die professionell organisierte Entsorgung gewerblich genutzter Leuchten. Aber das Dreifache der Menge - nämlich 150 Millionen Stück - sind neu in die Fassung geschraubt oder installiert worden. An dieser Konstellation ändert sich wenig.

          Denn so stabil sich der Absatz auch entwickelt, so gering fallen die jährlichen Zuwächse in der Rücknahme von Leuchtkörpern aus. Diese gelten als Elektrokleingeräte und unterliegen dem „Gesetz über das Inverkehrbringen und die Rücknahme und umweltverträgliche Entsorgung von Elektrogeräten“ (ElektroG). Schätzungsweise eine Milliarde solcher Elektrokleingeräte sind in Deutschland in Betrieb.

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          „Da sammelt sich etwas an“, sagt Stefan Riemann, Geschäftsführer der Lightcycle Retourlogistik und Service GmbH, eines nichtgewinnorientierten Gemeinschaftsunternehmens der Lampen- und Leuchtenindustrie. „Daher ist es wichtig, nicht nur die Aufklärung zu forcieren, sondern auch das Netz der Sammelstellen auszubauen.“ Eine Arbeit, die Lightcycle seit ihrer Gründung seit dem Start im Jahr 2006 betreibt. Die Fortschritte für die Rücknahme von ausgedienten Lampen jedoch sind mit Blick auf die gewaltigen im Umlauf befindlichen Mengen bescheiden (siehe Grafik).

          Riemann rechnet in diesem Jahr mit einem kräftigeren Anstieg auf mehr als 10.000 Tonnen eingesammelte Müll-Lampen. Das wäre ein Plus von 8 Prozent, deutlich mehr als die bescheidenen Zuwächse der vergangenen Jahre. Ein Grund dafür ist, dass sich zunehmend der meist aus kleinen Betrieben bestehende Elektrofachhandel und das Handwerk an dem freiwilligen Sammelsystem beteiligen. Der starke Anstieg der Sammelstellen dürfte sich in höheren Recycling-Mengen niederschlagen, hofft Riemann.

          Insgesamt 110 Partner vor allem aus dem Einzelhandel beteiligen sich an dem System; Supermarkt- oder Drogerieketten, Elektro- oder Baumärkte. Hinter Lightcycle steht die Lampen-Industrie. Das Gemeinschaftsunternehmen gehört neun Herstellern, zu denen neben Osram und Philips auch General Electric, Narva oder Havells Sylvania zählen. Sie repräsentieren etwa 70 Prozent des deutschen Absatzmarktes.

          Im privaten Verbrauch basiert das System auf Freiwilligkeit

          Für die gewerbliche Nutzung gibt es eine Rückholpflicht, wofür 425 Großsammelstellen hierzulande zur Verfügung stehen. Im privaten Verbrauch basiert das Sammelsystem auf Freiwilligkeit. Die von Konsumenten in Wertstoffhöfen der Kommunen oder im Handel zurückgegebenen kaputten Lampen gehen in ein Recyclingsystem; rund 95 Prozent der Materialien können wiederverwertet werden.

          Die Hersteller, die an das System angeschlossen sind, zahlen eine Entsorgungsgebühr von 0,13 Euro je verkaufte Lampe, sei es die Energiesparlampe, die Leuchtdioden-Lampe (LED), Leuchtstoffröhren oder Gasentladungslampen. Mit den Einnahmen wird die Arbeit von Lightcycle finanziert. Deren Kosten betragen mehr als 11 Millionen Euro im Jahr. Obwohl nur 70 Prozent Marktanteil, finanziert die Organisation tatsächlich 95 Prozent der zurückgenommenen Mengen; also auch die importierten Lampen von Herstellern, die sich an dem System nicht beteiligen.

          Das wird zähneknirschend in Kauf genommen. Denn nichts fürchten die Hersteller mehr als eine staatliche Regulierung des Lampen-Recyclings. Die EU-Kommission will eine gesetzliche Verpflichtung zur Sammlung im Handel, von der Geschäfte mit mindestens 400 Quadratmeter Grundfläche und Produkte mit einer Kantenlänge von bis zu 25 Zentimetern betroffen sein sollen; Leuchtstoffröhren, die nichts anderes als gerade, lange Energiesparlampen sind, würden damit nicht berücksichtigt werden.

          „Das ist ökologischer und ökonomischer Irrsinn“, sagt Riemann. Ein solches System mit 100. 000 Sammelstellen sei nicht kontrollierbar und von der Logistik nicht zu bewältigen. Ein Sammelsystem würde nur dort sinnvoll sein, wo Mengen ausreichend generiert werden könnten; in Deutschland sind es derzeit etwas mehr als 6.000 der insgesamt knapp 9.000 Stellen. Frankreich ist für Riemann ein abschreckendes Beispiel. Das verpflichtende System dort, von einem privaten Monopol durchgeführt, habe zur Folge, dass 67 Prozent aller Sammelstellen nur 15 Prozent der Altlampen einsammelten.

          Etwas einfallen lassen müssen sich die Lightcycle-Mitglieder. Denn es steht eine Novellierung des ElektroG an, wenn auch erst nach der Bundestagswahl. Dann dürften die Auflagen zur Entsorgung verschärft werden. Schließlich haben die EU und ihre 27 Mitgliedsländer schon festgelegt, dass bis zum Jahr 2016 45 Prozent der in den Markt gebrachten Lampen-Mengen zurückgenommen werden müssen, 2019 sogar 65 Prozent. „Wir sind da auf einem guten Weg, auch mit dem freiwilligen System“, sagt Riemann. Aktuell sind es schon 40 Prozent.

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