https://www.faz.net/-gqe-x5u3

Rasant steigende Lebensmittelpreise : Seehofer macht sich für Agrarwende stark

  • Aktualisiert am

Der Landwirtschaftsminister fordert, auf die drohende Ernährungskrise zu reagieren Bild: dpa

Die Nahrungsmittelpreise steigen rapide, der IWF hat deswegen sogar vor drohenden Kriegen gewarnt. Der Bundeslandwirtschaftminister reagiert nun und fordert eine Agrarwende in Deutschland: Stillgelegte Flächen sollten möglichst rasch wieder genutzt werden.

          Angesichts der weltweit stark gestiegenen Lebensmittelpreise wird in Deutschland der Ruf nach grundlegenden Änderungen der Agrarpolitik laut. Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) forderte am Samstag unter anderem einen Ausbau der Agrarproduktion in Deutschland. Das Bundesfinanzministerium brachte eine Kürzung der Agrarexportsubventionen ins Gespräch. Die Hilfsorganisation „Brot für die Welt“ verlangt gar deren Abschaffung.

          Die Diskussion über die rasant gestiegenen Nahrungsmittelpreise war am Freitag abermals hochgekocht, als der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte, wegen einer Ernährungskrise gebe es neue Kriegsgefahren. „Es besteht die Gefahr von Kriegen, das Schlimmste liegt vielleicht noch vor uns“, hatte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn gesagt. Die Menschen richteten sich in Hungerrevolten gegen ihre Staatsführungen, sie brächten demokratisch gewählte Regierungen zu Fall wie jüngst auf Haiti (siehe dazu auch: IWF sieht Kriegsgefahr wegen Hungerkrise).

          „Diese Flächen müssen möglichst rasch wieder genutzt werden“

          Seehofer sagte der Zeitung „Bild am Sonntag“: „Wir brauchen eine Renaissance der Landwirtschaft, einen Ausbau der Agrarproduktion in Deutschland, der gesamten EU und vor allem in den Entwicklungsländern.“ Der Minister verwies darauf, dass in der EU 3,8 Millionen Hektar Agrarflächen stillgelegt worden seien, um Überschüsse bei Milch, Butter, Wein und Fleisch zu bekämpfen. „Diese Flächen müssen möglichst rasch wieder genutzt werden“, forderte Seehofer.

          Die Welternährungsorganisation erwarte, dass der Bedarf an Lebensmitteln bis 2030 um 60 Prozent steigen werde, betonte der Minister. „Daraus folgt: Wir müssen weltweit mehr Nahrungsmittel produzieren, um weitere Preissprünge zu verhindern. Lebensmittel kommen nicht aus dem Kochtopf, sie müssen im Stall und auf dem Acker produziert werden.“

          FDP-Agrarexperte: Seehofer hat den Überblick verloren

          Der FDP-Agrarexperte Hans-Michael Goldmann warf Seehofer vor, den Überblick verloren zu haben. Seehofers Forderung sei von der EU 2007 für die Ernte 2008 bereits beschlossen worden. Experten rechneten damit, dass in Deutschland 200.000 Hektar und in der EU 1,6 bis 2,9 Millionen Hektar wieder in die Produktion zurückkommen.

          Das Bundesfinanzministerium stellt nach einem „Spiegel“-Bericht in einem internen Vermerk die Frage, „ob die Agrarsubventionen in ihrem derzeitigen Ausmaß noch gerechtfertigt sind“. 2006 hätten Landwirte aus dem EU-Haushalt 50 Milliarden Euro bekommen, 32 Milliarden Euro in Form von Direktzahlungen.

          „Brot für die Welt“ kritisiert IWF und Weltbank

          Die Direktorin von „Brot für die Welt“, Cornelia Füllkrug-Weitzel, forderte von der EU die Abschaffung der Agrarexportsubventionen. Mit den Subventionen würden die Preise für Exportlebensmittel künstlich gesenkt und die Märkte in den Entwicklungsländern zerstört. Füllkrug-Weitzel kritisierte ferner den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank. Durch deren Auflage an Entwicklungsländer, auch in der Landwirtschaft Devisen zu erwirtschaften, konzentrierten die Regierungen ihre Förderung auf die Großflächenproduktion von Exportgütern wie Baumwolle und heute Energiepflanzen. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft werde so vernachlässigt.

          Auch die EU-Beimischungsquote für Biosprit hält Füllkrug-Weitzel für einen „massiven Fehler“. Dadurch würden Anreize geschaffen, Agrarflächen verstärkt für den Anbau von Energiepflanzen zu nutzen. „Unser Energiehunger erzeugt echten Hunger bei den Menschen in Entwicklungsländern, weil das Getreide nicht in den Mägen, sondern im Tank landet“, monierte Füllkrug-Weitzel.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wölfe treibt vor allem eines an: Hunger. Und hier beginnt der Ärger. Denn was dürfen Wölfe fressen?

          Artgerechtigkeit : Was dürfen Wölfe fressen?

          Schafe und Wölfe sollen jetzt gleichermaßen durch Zäune geschützt werden. Doch das wird den Streit über die fleischfressenden Einwanderer wohl auch nicht beenden. Über die Lebenserwartung von Wölfen kann ein Kuchen entscheiden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.