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Putins Boykott westlicher Lebensmittel : Schwellenländer wollen Russland beliefern

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Wie eine römische Phalanx: Im brasilianischen Bundesstaat „Mato Grosso“ werden Sojabohnen im großen Stil geerntet Bild: REUTERS

Die Landwirtschaft in Südamerika jubelt über Russlands Boykott westlicher Lebensmittel. Vor allem die Fleischerzeuger in Argentinien und Brasilien profitieren. Deutsche wollen nach Asien ausweichen.

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          Nachdem Russland Lebensmittel aus westlichen Ländern boykottiert, reiben sich Drittstaaten die Hände. Argentinien und Brasilien dürften als Fleischerzeuger Hauptprofiteure sein. Deren Lieferungen sollen nach russischem Kalkül deutsche Schweine- oder amerikanische Geflügelexporte ersetzen.

          Das brasilianische Agrarministerium sprach am Donnerstagabend von einer „Revolution“ für den brasilianischen Export. Für das Land könne sich ein „großes Fenster“ öffnen, sagte Staatssekretär Seneri Paludo. Ein Geflügelerzeugerverband signalisierte, dass 150.000 Tonnen Geflügel mehr im Jahr für Russland zu produzieren seien. Seit Jahren bemühen sich die südamerikanischen Staaten darum, selbst mehr Tiere zu mästen, anstatt nur Soja als Futter zu verkaufen.

          Auch die Türkei, einer der größten Erzeuger von Obst und Nüssen, will profitieren und Lieferungen aus Polen, Ungarn oder Italien ersetzen. Der Vorsitzende des Exporteurverbands TIM, Mehmet Büyükeksi, wurde in türkischen Medien mit dem Satz zitiert, Moskaus Entscheidung „eröffne neue Wege“ für türkische Produzenten von Obst, Eiern und Geflügel. Auch Georgien und Armenien stellen sich nun auf wachsende Ausfuhr nach Russland ein.

          Eine russische Zeitung zitierte einen dortigen Marktanalysten mit der Einschätzung, die Sanktionen seien „wohlüberlegt und betreffen Güter, die leicht zu ersetzen sind“. Seine Erwartung allerdings, holländischer, deutscher, französischer und italienischer Käse könne in Menge und Qualität durch weißrussischen ersetzt werden, rief bei Branchenkennern Staunen hervor. Auch wenn sich nun serbische Schweinemäster zu den Profiteuren des Handelskriegs zählen, dürften sie die ausbleibenden Schweinelieferungen aus Dänemark, Polen und Deutschland nicht ersetzen können. Laut Agrarwissenschaftlern von der niederländischen Universität Wageningen mangelt es in Serbien an modernen Ställen, Schlachthäusern, Lagerinfrastruktur und hygienischen Standards.

          Auf der anderen Seite stehen die Verlierer. Der italienische Außenhandelsverband ICE rechnet mit einem Exportausfall von 250 Millionen Euro im kommenden Jahr. Derzeit müssten Auslieferungen reifer Birnen nach Russland gestoppt werden. Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy nannte das russische Einfuhrverbot „nicht hilfreich“. Das Madrider Agrarministerium wies darauf hin, dass es spanischen Schweinefleisch-Exporteuren angesichts des russischen Importstopps vom Frühjahr schon gelungen sei, alternative Absatzmärkte zu finden.

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          Polen kündigte am Freitag wegen des Agrar-Einfuhrstopps eine Klage gegen Russland bei der Welthandelsorganisation WTO an. In Lettland rief Regierungschefin Laimdota Straujuma die Bevölkerung auf, heimische Milch- und Fischprodukte zu kaufen. Russland sei ein „völlig unzuverlässiger und unberechenbarer Wirtschaftspartner“, sagte Staatschefin Dalia Grybauskaite. Die Sanktionen könnten nach Angaben des Wirtschaftsministeriums das Wachstum um 0,2 Prozentpunkte drücken. Polen dürfte mitten in der Erntezeit auf 700.000 Äpfeln sitzenbleiben. Eine polnische Zeitung schrieb: „Steht auf gegen Putin! Esst Äpfel, trinkt Apfelwein!“ Im Kurznachrichtendienst Twitter verschickten Polen Hunderte Fotos, auf denen sie in Äpfel beißen.

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