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Putenmast : Zehnmal Antibiotika in dreimonatigem Leben

  • -Aktualisiert am

Putenindustrie: Ein Stall in Niedersachsen mit 4500 Tieren Bild: Bischof, Franz

In der Geflügelwirtschaft bekommen die Tiere regelmäßig Medikamente. Nun liegt die erste große Erhebung vor. Das soll Folgen haben.

          3 Min.

          Eine durchschnittliche deutsche Mastpute wird zwar nur gut drei Monate alt, erfährt in ihrem Leben aber 9,8 Behandlungen mit Antibiotika. Das geht aus einer Studie des Niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums unter Beteiligung der Tierärztlichen Hochschule Hannover hervor. Die Pute bekommt im Durchschnitt sogar 33,1 „Gaben“ von Einzel-Wirkstoffen, da je Behandlung eines „Mastjahrgangs“ gleich mehrere Substanzen eingesetzt werden, heißt es in der Studie, die erstmals ein so umfassendes Datenmaterial zum Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung für den Verbraucher erfahrbar macht.

          Jahrelang hatte die deutsche Geflügelindustrie den Eindruck erweckt, der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung sei eher die Ausnahme. Auch für andere Nutztierarten liegen nun Zahlen vor: Ein niedersächsisches Huhn etwa erfährt im Mittel 1,9 Behandlungen je „Mastdurchgang“ und dabei 6,8 Einzelgaben von Wirkstoffen, ein Schwein 3,4 Behandlungen (4,6 Wirkstoffe). Das Ergebnis könne „zum Anlass genommen werden, nicht nur die Gründe für einen besonders hohen Antibiotikaeinsatz zu identifizieren, sondern auch Konzepte für eine nachhaltige Senkung der durchschnittlichen Therapiehäufigkeit zu entwickeln“, heißt es in der Studie vorsichtig. In Niedersachsen ist die Tierhaltung ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In dem Bundesland gibt es rund 1500 Hähnchen- und Putenhaltungsbetriebe mit rund 40 Millionen Tieren und mehr als 10.000 Schweinehalter von insgesamt 5,4 Millionen Tieren. Das ist je etwa die Hälfte der deutschen Bestände.

          Alternative höhere Preise

          Auf ein „generelles Problem“ für den Verbraucher durch Antibiotikarückstände im Fleisch könne aus den Ergebnissen aber nicht geschlossen werden, sagte ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Hannover am Mittwoch. Trotz häufiger Anwendungen würden die gesetzlich vorgeschriebenen Wartezeiten zwischen letzter Antibiotikagabe und Schlachtung eingehalten. Die Veterinärbehörden nehmen regelmäßig Stichproben, die Grenzwerte von Rückständen im Fleisch sind für die ganze EU festgelegt, eine Überschreitung gilt als Straftat. Gleichwohl verschärft die Politik die Maßnahmen für den Verbraucherschutz.

          Das Thema steht schon länger auf der politischen Agenda. Erst vor rund zwei Wochen hatte Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) einen Aktionsplan zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes vorgelegt. Auch Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) sagte, es sei sein Ziel, die Medikamentengabe in der Nutztierhaltung zu senken. Erst seit Jahresbeginn müssen Tierhalter erfassen, welche Mengen an Arzneien sie jährlich abgeben. Auch der Deutsche Bauernverband und der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft haben mit einen „Monitoring-Programmen“ zur Antibiotikagabe auf wachsende Kritik von Verbraucherschützern und der Medien reagiert. Die sogenannte Massentierhaltung ist gesellschaftspolitisch umstritten, in dem Markt für Geflügel- und Schweinefleisch herrscht jedoch starker Preisdruck, der die Erzeuger zu kostengünstigen Produktionsmethoden motiviert. Je größer ein Tierbestand ist, desto häufiger müssen tendenziell Antibiotika verabreicht werden. „Die werden oft früh gegeben, damit das Tier nicht durch Erkrankungen im Wachstum gehemmt wird“, sagt Martin Schneidereit vom Bundesverband für Tiergesundheit. Jeder Fachmann wisse seit Jahren über die Praxis der Antibiotikavergabe Bescheid. Die Alternative sei, den Tieren mehr Zeit zum Wachstum zu geben - was höhere Preise zur Folge hätte und eine geringere Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Erzeuger auf dem Weltmarkt.

          Kein Missbrauch

          Auf einen missbräuchlichen Einsatz von Antibiotika kann der Studie zufolge nicht geschlossen werden - obwohl zum Beispiel ein großer Prozentsatz der untersuchten Puten Behandlungen von nur zweiTage erfuhren, jedoch der Einsatz von Präparaten, die eine solch kurze Anwendung erfordern, gar nicht zugelassen sei. Hier sei eine „nähere Prüfung“ erforderlich, ist in der Studie vage zu lesen. Die Erhebung wurde im Kontext eines Landesprogrammes zur Verbesserung des Tierschutzes erstellt. Die Therapiehäufigkeit sei ein geeigneter Indikator dafür, „Tierschutz“ messbar zu machen.

          In der Hühnermast wurden in rund der Hälfte der untersuchten Kohorten je Behandlung ein bis drei Wirkstoffe eingesetzt, in rund einem Viertel der Fälle sogar 4 bis 8 Wirkstoffe. Die meisten Anwendungen von Hühnern dauerten 3 Tage an, von Puten 4 bis 5 Tage, von Schweinen 3 bis 7 Tage. In 83 Prozent der untersuchten Hühnermastställe, 92 Prozent der Putenställe und 59 Prozent der Schweineställe kam es zum Antibiotikaeinsatz. Insgesamt nahmen die Veterinärbehörden 894 Tierbestände ins Visier. Ein Huhn wurde im Mittel 39 Tage alt, eine Pute 142 Tage, ein Schwein 124 Tage. Der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung ist notwendig, wenn sich bakterielle Erkrankungen ausbreiten. Dann wird der gesamte Geflügelbestand behandelt. Der deutsche Verbraucher isst im Jahr durchschnittlich rund 11 Kilogramm Geflügelfleisch.

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