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Private Krankenversicherer : Sparen in Maßen

„Im Einsatz nuklearmedizinischer Untersuchungen, kombiniert mit Computertomographien, schießen viele niedergelassene Ärzte über das Ziel hinaus”, klagt die Barmenia Bild: dpa/dpaweb

Die privaten Krankenversicherer wollen nicht mehr nur Kostenerstatter sein. Denn auch sie stöhnen unter den wachsenden Gesundheitsausgaben. Leistungsmanagement: so werden Bemühungen genannt, Verschwendung einzudämmen. Doch die Kommunikation mit den Kunden ist heikel.

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          Die schwarz-gelbe Koalition hat gerade erst ihre 100-Tage-Schonfrist hinter sich gebracht, und schon ist die Gesundheitspolitik wieder eines der beherrschenden Themen für die Regierung geworden. Dabei ist die einschneidendste Reform der Vorgängerregierung, der umstrittene Gesundheitsfonds, erst Anfang vergangenen Jahres Realität geworden. Bundesminister Philipp Rösler (FDP) arbeitet nun daran, die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) langfristig über eine einheitliche Prämie zu finanzieren und die Kosten im Gesundheitswesen einzudämmen. Am Mittwoch hat er mit GKV-Vertretern Maßnahmen vereinbart, um weitere Zusatzbeiträge für die Versicherten zukünftig zu vermeiden.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Etwas aus dem Blickfeld geraten sind dagegen die Kostensteigerungen der privaten Krankenversicherer (PKV), die sie dazu gezwungen haben, in diesem Jahr ihre Beiträge um bis zu 30 Prozent anzuheben. Um 6,7 Prozent sind ihre Ausgaben für medizinische Leistungen im Jahr 2008 gestiegen, besonders stark haben sich Arztbehandlungen (7,7 Prozent), Arzneimittel (8,1 Prozent) und Zahnersatz (8,6 Prozent) verteuert. "Wir können uns eine hohe Dichte an Ärzten leisten, weil es einen Teil der Versicherten gibt, für die Ärzte ohne Kostendämpfungen Leistungen abrechnen können", sagt der Konstanzer Gesundheitsökonom Friedrich Breyer dazu. Viele Ärzte gleichen Einnahmeausfälle aus der GKV durch Mehreinnahmen aus der PKV aus. Doch die Privaten wollen sich nicht mehr nur als reine Kostenerstatter verstehen. Auch sie sehen sich unter Spardruck.

          Teure Diagnoseinstrumente öfter hinterfragt

          Die Barmenia etwa hat vor zehn Jahren begonnen, besonders teure Kranke enger zu betreuen. Indem Sachbearbeiter mit Rehakliniken verhandelten, konnten dort die Liegezeiten verkürzt werden. "Inzwischen geht aber die Entwicklung stark dahin, auch alternative Therapievorschläge zu machen", sagt Susanne Klöppel, die Abteilungsleiterin für Leistungskorrespondenz der Barmenia. Innerhalb von drei Jahren wurde ihr Team aus 26 Mitarbeitern um sechs Ärzte und eine Apothekerin erweitert. Zudem werden teure Diagnoseinstrumente zunehmend hinterfragt. "Im Einsatz nuklearmedizinischer Untersuchungen, kombiniert mit Computertomographien, schießen viele niedergelassene Ärzte über das Ziel hinaus", kritisiert Klöppel. Von "Erlösmaximierungsstrategien" spricht Uwe Schnödewind, Direktor im Leistungsmanagement der Ergo. "Wenn wir erkennen, dass ein Arzt ein bestimmtes Verfahren schematisch einsetzt, fordern wir Befundberichte an, um die medizinische Notwendigkeit im konkreten Einzelfall nachzuprüfen."

          „Insgesamt tut die PKV noch zu wenig“

          Damit wagen sich die Krankenversicherer auf einen schmalen Grat. Denn einerseits haben die Kunden oft gerade deshalb eine private Police abgeschlossen, weil sie nicht auf Leistungen verzichten wollen. Andererseits entstehen dadurch Ineffizienzen, die sich in wachsenden Prämien niederschlagen. "Insgesamt tut die PKV noch zu wenig und befördert damit solche Ineffizienzen", kritisiert Gesundheitsökonom Breyer.

          Die Unternehmen sind ihrerseits darauf bedacht, dass die Kunden möglichst wenig von ihrem intensivierten Schadenmanagement mitbekommen. "Oft führt schon das Hingucken dazu, dass die Ärzte ihr Verhalten ändern", berichtet Ergo-Manager Schnödewind. Hielten sie dagegen an ihren Methoden fest, müssten die Therapeuten ihre Patienten darauf aufmerksam machen, dass ihr Versicherer die Behandlung vielleicht nicht bezahle. Dadurch bringe sich die Versicherung selbst aus der Schusslinie. "Denn damit gestehen die Ärzte zu, dass die Behandlung nicht unbedingt auf das medizinisch Notwendige begrenzt ist", sagt Schnödewind. Die Zahl der Praxen, mit denen er sich beschäftigen müsse, sei zwar mit rund 500 verschwindend gering. Immerhin aber sei geschätzt ein Fünftel der Rechnungen zu beanstanden. Doch selbst mit mehr Schadenmanagern lasse sich ein Grundproblem nicht beheben, räumt er ein. "Für kleine Rechnungen lohnt sich in der Regel einfach der Prüfaufwand nicht."

          Vormarsch der Telemedizin

          Weniger heikel ist die Kommunikation mit den Kunden, wenn man Einsparungen mit einem besseren Service verknüpfen kann. "Mit speziellen Chronikerprogrammen können wir zwischen 500 und 700 Euro bei Behandlungskosten von rund 5000 Euro jährlich einsparen", sagt Jacqueline Böhme, die Bereichsleiterin Leistung der Halleschen. Mit regelmäßigen Telefonaten werde das krankengerechte Verhalten gefördert; schriftliches Informationsmaterial trage dazu bei, den veränderten Lebensstil beizubehalten. Was seit Jahren für Herzkranke und Diabetiker existiert, wurde 2008 auf Rückenleidende ausgeweitet und soll nun auch für Patienten eingeführt werden, die an mehreren Krankheiten zugleich leiden.

          Auch der Branchenführer Debeka setzt auf Telemedizin, stellt Gesundheitsexperten im Leistungsmanagement ein und handelt Rabattverträge mit Pharmaherstellern aus - aber zurückhaltender als die Konkurrenz. Denn die Wirkungen hält Vorstand Roland Weber für begrenzt. "Das alles kann die Kosten nicht nachhaltig senken; echte Einsparungen sind nur mit einer neuen vernünftigen Gebührenordnung für Ärzte möglich", sagt er. Wie in Kliniken sollten auch für Praxisärzte Pauschalen für Krankheitsbilder eingeführt werden, wichtige Einzelmaßnahmen sollten sie aufwandsgerecht abrechnen können. Das sei mit der 28 Jahre alten Gebührenordnung nicht möglich. Auch Preisdeckelungen für Arzneimittel, wie sie in anderen Ländern üblich sind, hält Weber für sinnvoll. "Ich finde es aber falsch zu sagen, Gesundheit darf nicht mehr als x Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Entscheidend ist: Schaffen wir mit dem höheren Aufwand auch mehr Lebensqualität?"

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