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Private Krankenversicherer : Geschäftsmodell in Gefahr

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„Da wird wieder nur an der Einnahmeseite herumgedoktert” Bild: AP

Die privaten Krankenversicherer beäugen die Pläne der Regierung zur Reform des Gesundheitswesens mit wachsendem Mißtrauen. Das jüngste in den Medien gestreute Grundkonzept sei vermutlich nur ein Testballon.

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          Die privaten Krankenversicherer beäugen die Pläne der Regierung zur Reform des Gesundheitswesens mit wachsendem Mißtrauen. Das jüngste in den Medien gestreute Grundkonzept sei vermutlich nur ein Testballon, sagte ein Sprecher der DKV, des zweitgrößten deutschen privaten Anbieters. Es sei zu bürokratisch und kaum durchführbar. Erwogen wird ein Mischsystem mit einer kleinen Kopfpauschale, einer Teilfinanzierung durch Kapitalerträge und einer wie bisher vom Arbeitseinkommen abhängigen Komponente. Die Politik teste, an welchen Punkten der Widerstand am größten sei. Dennoch wird jede Neuigkeit aus Berlin von den privaten Krankenversicherern ernst genommen.

          Aus gutem Grund, denn es geht um die Zukunft des Geschäftsmodells. Würde sich die CDU mit ihrer ursprünglichen Kopfpauschale von weniger als 200 Euro durchsetzen, geriete das Neugeschäft der Versicherer mit Vollversicherungen unter Druck, weil die Beiträge zur privaten Versicherung meist höher sind. Setzt sich die SPD mit der für alle verpflichtenden Bürgerversicherung in Reinform durch, käme das Neugeschäft der Privaten sogar zum Erliegen. Welche genaue Wirkung die jüngste veröffentlichte Mischform zwischen den Modellen haben wird, lasse sich kaum ausmalen, sagt Uwe Laue, Vorstandsvorsitzender des größten privaten Krankenversicherers Debeka. Zu viele Punkte seien bisher unklar.

          Drohendes Ende des Neugeschäfts

          So sei für die Perspektive der Branche entscheidend, ob es sich um eine Pflichtversicherung handle. Eine deutliche Anhebung der Versicherungspflichtgrenze könnte eine ähnliche Wirkung haben. Derzeit liegt sie bei 3937 Euro pro Monat. Im Fall einer Anhebung würden weniger Versicherte die Möglichkeit haben, in das private System zu wechseln. Auch die Höhe einer möglicherweise von allen Bürgern zu zahlenden Kopfsteuer für die Finanzierung des gesetzlichen Systems ist für die Attraktivität der Privaten von entscheidender Bedeutung. Je größer der auf diese Weise finanzierte Teil des gesetzlichen Systems ist, um so mehr müßten die Kunden der privaten Versicherer bezahlen.

          Das drohende Ende des Neugeschäfts ist für die Versicherer ein sensibles Thema. "Das wäre ein Desaster. Wir brauchen den Neuzugang", sagt Laue. "Allerdings nicht für den Bestand, der ist sauber kalkuliert." Das Neugeschäft werde benötigt, um die Unternehmen in gewohnter Größe fortzuführen, die Verwaltungskosten im Griff zu behalten und Arbeitsplätze zu erhalten.

          Hinter vorgehaltener Hand geben einige Versicherer außerdem zu, daß der laufende Neuzugang nicht nur für stabile Verwaltungskosten benötigt werde. Er sei auch notwendig, um die bestehenden Versicherungsverträge bei wachsenden Kosten im Gesundheitswesen zu erträglichen Preisen fortführen zu können. Das System ist zwar kapitalgedeckt und hat Rücklagen von mehr als 90 Milliarden Euro bei etwa 8Millionen Vollversicherten. Aber es ist absehbar, daß diese Rücklagen nicht ausreichen werden, um die alternden Bestände ohne Zugänge von jungen Versicherten zu finanzieren. Ein Wegfall des Neuzugangs führte für die Altkunden zu deutlich steigenden Prämien. Reichen die Rücklagen nicht aus, werden die Kosten in voller Höhe an die im Versichertenkollektiv verbliebenen Kunden weitergereicht. Die von ihnen zu zahlenden Prämien dürfen nur nicht schneller angehoben werden, als die Kosten im Gesundheitswesen steigen.

          „Dann machen wir das Geschäft eben mit Zusatzversicherungen“

          Die Branche stellt sich schon auf die neuen Bedingungen ein. So sagt Walter Thießen, Chef der AMB Generali, die private Krankenversicherung sei auf jeden Fall ein Wachstumsmarkt. "Dann machen wir das Geschäft eben mit Zusatzversicherungen und nicht mehr mit Vollversicherungen." Zusatzversicherungen schließen Kunden zusätzlich zur Vollversicherung im gesetzlichen System ab. Die Grundversorgung leisten die Krankenkassen. Nur höherwertige Leistungen oder solche, die im gesetzlichen Katalog nicht enthalten sind, decken die Zusatzversicherungen ab. Im Ausland, zum Beispiel in Großbritannien, ist dies das gängige System.

          Unterdessen greift der Branchenverband der Krankenversicherer die kolportierten Pläne der Politik an. "Da wird wieder nur an der Einnahmeseite herumgedoktert", kritisiert Volker Leienbach, Präsident des Verbandes der privaten Krankenversicherer. Sinnvoll sei es dagegen, die ausufernden Ausgaben zu begrenzen. Es fehle ein Element der Kapitaldeckung, die als Reaktion auf die alternde Gesellschaft nötig sei. Zudem gebe es keine rechtliche Grundlage für einen Solidarausgleich zwischen den beiden Systemen.

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