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Studie : Preisvergleich lohnt auch im Pflegeheim

Bild: F.A.Z.

Mehr als 10.000 Heime bieten in Deutschland ihre Pflegedienste an. Doch was kostet die Pflege im Heim eigentlich? Eine Studie findet erhebliche, teils „unerklärliche“ Preisunterschiede. Nordrhein-Westfalen und das Rhein-Main-Gebiet gelten als besonders teuer.

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          Im wachsenden Markt der Gesundheitsdienstleistungen wächst die Pflege am stärksten. Im Jahr 2005 betrug der Anteil der Pflege an den 240 Milliarden Euro Gesundheitskosten 11,7 Prozent – mehr als 25 Milliarden Euro . Zehn Jahr zuvor waren es 16 Milliarden Euro und 3 Prozentpunkte weniger. Grund dafür ist die steigende Zahl der Pflegebedürftigen. Zuletzt erhielten 2,1 Millionen Menschen Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung – 110.000 mehr als 1999.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Ende 2007 waren von den 2,1 Millionen Pflegebedürftigen laut Bundesregierung 700.000 in Heimen untergebracht. Dauer- und Kurzzeitpflege bieten 10.400 Heime privater, kirchlicher, freigemeinnütziger oder öffentlicher Träger an, darunter 330 nur für psychisch Kranke. Der Anteil der stationären Pflege hat stark zugenommen. Von 1999 bis 2005 ist die Zahl der Heimplätze um fast 18 Prozent auf 757.000 gestiegen, die der Beschäftigten wuchs fast um ein Viertel auf 760.000.

          Der Pflegeheim Rating Report 2008

          Regional gibt es in der Versorgung große Unterschiede. So werden in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit Pflegebedürftige weniger oft in Heimen untergebracht, wie der unlängst veröffentlichte Pflegeheim Rating Report 2008 der Beratungsgesellschaft Admed und des Rheinischen Westfälischen Wirtschaftforschungsinstituts (RWI) ausweist. Der Report wertet 270 Jahresabschlüsse von 600 Pflegeheimen und Daten von 9500 Heimen aus.

          Überraschend findet Admed-Geschäftsführer Sebastian Krolop, wie heterogen der Markt für die Heimunterbringung ist. „Da gibt es große Preisunterschiede, an der Grenze Niedersachsens zu Nordrhein-Westfalen lassen sich auf wenigen Kilometern unerklärbare Preisunterschiede von über 15 Prozent identifizieren“, sagt Krolop. Wer einen Pflegeplatz sucht, sollte neben Kriterien wie Mitnahme eigener Möbel oder variable Essenszeiten auch die Kosten vergleichen, zumal die Zuschüsse aus der Pflegeversicherung je nach Pflegestufe bundeseinheitlich sind. „Die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, Teile Bayerns sowie die Stadtstaaten und das Rhein-Main-Gebiet sind in Bezug auf Pflegeleistung, Unterkunft und Verpflegung besonders teuer“, schreiben die Autoren.

          Private Träger sind oft preiswerter

          Allgemein habe sich die wirtschaftliche Situation der Heime verbessert. Doch gebe es auch hier große regionale Unterschiede. So wiesen Heime in Ostdeutschland signifikant schlechtere Werte auf als die in Westdeutschland. Nordrhein-Westfalen schneide in der Wirtschaftlichkeit am besten ab, vor norddeutschen Bundesländern.

          Private Träger seien im Leistungsvergleich oft preiswerter als andere. Doch operieren sie auch oft im „roten“, unwirtschaftlichen Bereich. Während von den Privaten 18 Prozent Verluste machen, sei diese Rate bei freigemeinnützigen oder öffentlich-rechtlichen Trägern halb so hoch. Mehr Kooperation könne allen helfen, effizienter zu werden. Unter dem Strich sei die Finanzlage in jedem achten Heim so schlecht, dass eine Insolvenz drohe. Allerdings schreiben die Gutachter, die Pflegeheime schnitten „damit besser ab als Krankenhäuser und Reha-Kliniken.“

          Der große Anstieg der Pflegezahlen kommt noch

          Im Gegensatz zu den Kliniken, die immer noch einen Bettenüberhang haben, fehlt es in Pflegeeinrichtungen an Zimmern. Denn der große Anstieg der Pflegezahlen steht erst noch bevor. Das Gesundheitsministerium prognostiziert bis 2020 ein Zahl von 2,6 Millionen Pflegefällen, zehn Jahre später 500.000 mehr. Je nach Region wird der Zuwachs laut Admed/RWI unterschiedlich ausfallen. Für Ostdeutschland und die Region um München erwarten sie hohe Zuwächse, weniger starke dagegen im Ruhrgebiet, in Südniedersachsen und in Nordhessen. Bis zum Jahr 2020 seien trotz regionaler Überkapazitäten 160.000 zusätzliche Plätze notwendig, sagte Krolop. Deren Aufbau werde 12 Milliarden Euro kosten.

          Um das zu finanzieren und die Versicherung auf eine solides Basis zu stellen, empfehlen die Gutachter mehrere Schritte. So müsse private Vorsorge betrieben werden – etwa nach dem Vorbild Riester-Rente. Auch sollte das Pflegeangebot differenziert werden. Preise von Pflegeheimen könnten weitgehend freigegeben werden. „Es würde genügen, wenn der Gesetzgeber erstens Mindestnormen zur Pflege vorgibt und zweitens übermäßige Preiserhöhungen nach Abschluss eines Pflegevertrags unterbindet – ähnlich wie dies im Mietmarkt der Fall ist.“

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