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Porträt : Gabriels guter Sommer

  • -Aktualisiert am

Auf traditioneller Sommerreise die Zugspitze erklimmen: Umweltminister Sigmar Gabriel Bild: dpa

Sigmar Gabriel konnte sich dieses Jahr eine besonders ausgiebige Sommerreise erlauben, denn die Atomindustrie, sein Lieblingsfeind, stolpert über eigene Fehler. Doch es lief nicht immer alles so glatt bei ihm. Sein Start als Umweltminister war holprig.

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          Die beiden Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel ließ Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) bei seiner traditionellen Sommerreise links liegen. Er gönnte sich sogar ein kleines Nickerchen, als der Hubschrauber der Elbe folgte und querab einer der beiden Pannen-Meiler auftauchte.

          Auch im Watt vor Cuxhaven nahm sich Gabriel viel Zeit für die Besichtigung von Salzwiesen, ließ sich die Folgen des Klimawandels erklären und machte dabei den Eindruck, als ob es ihn überhaupt nicht kümmere, was jenseits der Elbe bei der Atomindustrie geschieht.

          Nur einmal erlaubte er sich eine kleine Frechheit im Watt: „Watt ein Fall“, sagte er. Wusste der Minister vorab vom Sturz des deutschen Vattenfall-Chefs Klaus Rauscher? Er wusste es nicht, seine Genugtuung war daher nicht gespielt.

          „Wirtschaftsstalinisten“

          Gabriel konnte sich dieses Jahr eine besonders ausgiebige Sommerreise zwischen Zugspitze, Wattenmeer, Ostsee und Elbauen erlauben, weil seine Lieblingsfeinde von der Atom-Lobby auch ohne sein Zutun alles für ihn taten und über eigene Fehler stolperten. Auch in Berlin läuft in diesem Sommer alles bestens für den Sozialdemokraten.

          Selbst sein böses Wort vom „Wirtschaftsstalinisten“, das er BASF-Chef Jürgen Hambrecht entgegenschleuderte, wurde schnell verziehen. Kanzlerin Angela Merkel stärkte ihm dennoch beim Energiegipfel den Rücken für seine ehrgeizigen Klimaziele.

          Kein Wunder also, dass der Minister beim Atomausstieg nun in die Offensive gehen kann, die Energiekonzerne dazu verpflichten will, ältere Werke früher vom Netz zu nehmen und Restmengen dafür jüngeren Meilern zu übertragen.

          Der Zauderer

          Es lief nicht immer alles so glatt bei Gabriel. Sein Start als Umweltminister war holprig. Der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident und zeitweilige Pop-Beauftragte der Partei widerlegte zwar schnell das Vorurteil, er sei nur ein begabter Luftikus.

          Gabriel hat sich regelrecht hineingekniet in die Klimapolitik und muss daher selbst bei so komplizierten Themen wie etwa der Kohleabscheidung („carbon capture and storage“) kaum Experten zu Hilfe holen. Doch vor einem halben Jahr, als der Klimaschutz noch nicht diese öffentliche Wucht hatte, war Gabriel ein Zauderer, wollte er die sozialdemokratische Kohle-Lobby nicht verprellen und legte daher einen Emissionsplan für Kohlendioxid vor, den die EU-Kommission zerpflückte.

          Auch bei der Versteigerung von CO2-Zertifikaten zögerte er, musste das Parlament die Initiative ergreifen. Nur bei PR-Aktionen bewies er seine gute Nase, was die Patenschaft für den Knuddelbär Knut beweist.

          Gute Stimmung zwischen Merkel und Gabriel

          Wenn Gabriel in Berlin vor die Presse tritt, und das tut er neuerdings immer häufiger, dann lobt er stets die Kanzlerin. Man könnte glauben, die beiden seien in einer Partei, es gebe zwischen ihnen keine rot-schwarze Linie.

          „Die große Koalition kann die Klimapolitik zu 100 Prozent auf der Habenseite verbuchen“, beteuert Gabriel. Doch wenn man ihn fragt, ob ihm die Kanzlerin nicht die Show stiehlt und er daher viel weniger als 50 Prozent der politischen Ernte einfährt, dann lächelt Gabriel und tut so, als ob diese Rechnung erst später aufgemacht wird.

          Keine Chance Spitzenkandidat zu werden

          Der Mann hat noch etwas vor. Spätestens bei der Konferenz im Dezember in Bali wird Gabriel – anders als in Heiligendamm – ganz allein im klimapolitischen Licht stehen, wird die Kanzlerin keinen Schatten mehr werfen. Für diese internationale Rolle hat er sein Englisch poliert, parliert er in diesem Idiom viel virtuoser als sein Parteichef Kurt Beck.

          Gleichwohl weiß Gabriel ganz genau, dass er 2009 keine Chance hat, Spitzenkandidat der SPD zu werden. Daher wird er auch seinen Hut nicht in den Ring werfen. Mit 48 Jahren kann er geduldig sein, bis zur übernächsten Bundestagswahl warten.

          Dennoch hat auch schon die jetzige Sommerreise eine zweifache Mission: Tagsüber besucht der Minister Biotope, doch abends besucht er Genossen, hält er Vorträge über ökologische Industriepolitik. Und zwischendurch mischt er sich gerne unters Volk, denn er weiß, dass im Sommer viele Niedersachsen an der Küste sind.

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