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Porsche-Gewerbesteuer bringt Reichtum : Wie mit Tempo 240 über die Autobahn

Im Entwicklungszentrum arbeiten 3000 Beschäftigten, Weissach aber hat nur 7500 Einwohner Bild: F.A.Z. Daniel Pilar

Hübsche Häuschen, viel Geld für Familien und ein nobles Kulturzentrum - der Porsche-Standort Weissach schwimmt in Geld. Doch das Ende der goldenen Zeiten ist absehbar.

          4 Min.

          Kaum etwas unterscheidet Weissach auf den ersten Blick von anderen Gemeinden im Speckgürtel von Stuttgart: liebevoll renovierte Bauernhäuser neben gepflegten Doppelhaushälften, bunte Blumen in aufwendig gestalteten Gärten, dazwischen kleine Gässchen mit dem unvermeidlichen Schild: „Dieser Weg wird bei Schnee und Glätte nicht geräumt und nicht gestreut.“ Weissach aber bräuchte solche Schilder nicht. Es hätte genug Geld, um jede Schneeflocke einzeln wegfegen zu lassen. 222 Millionen Euro Gewerbesteuern weist die Gemeinde für das vergangene Jahr aus. Damit ist das Aufkommen in etwa so hoch wie in Mannheim und Karlsruhe und höher als in Dortmund oder Dresden. Weissach aber hat nur 7500 Einwohner. Macht 29 600 Euro pro Person. Reicher geht es nimmer.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Das Leben ist in Weissach deshalb angenehmer als anderswo. Für 7 Millionen Euro hat die Gemeinde eine alte Strickfabrik aufs nobelste zum Vereins- und Kulturzentrum hergerichtet. Im Ortsteil Flacht hat man das alte Rathaus für 2 Millionen Euro saniert und alles bezahlt, was an bösen Überraschungen in dem Fachwerkhaus steckte. Das gleiche Risiko geht man jetzt mit der alten Zehntscheuer ein, die für 2,5 Millionen Euro zur Bibliothek ausgebaut werden soll.

          Alle öffentlichen Gebäude in beiden Ortsteilen sind bestens in Schuss, frisch gestrichen, neu eingedeckt, energetisch tipptopp. Gebühren und Beiträge, Grundsteuer und Gewerbesteuer liegen auf so niedrigem Niveau, dass die Gemeindeprüfungsanstalt regelmäßig darauf hinweist, dass sie nicht kostendeckend sind. Auch bares Geld fließt. Wer für seine Familie in Weissach ein Haus baut oder eine Wohnung kauft, bekommt einen Zuschuss von 10 000 Euro für jedes Kind. Und bis zu 600 Euro jährlich kann jedes Kind bekommen, um davon Musikunterricht, Nachhilfe oder die Beiträge für den Sportverein zu zahlen.

          Wer für seine Familie in Weissach ein Haus baut oder eine Wohnung kauft, bekommt einen Zuschuss von 10 000 Euro für jedes Kind

          Die Millionen von Weissach stammen fast komplett aus der Kasse von Porsche. 1961 hat der Sportwagenbauer in dem Dorf eine Teststrecke gebaut, mittlerweile ist daraus ein Entwicklungszentrum mit 3000 Beschäftigten geworden. Schon der kleine Martin Winterkorn stand dereinst gern an der Straße, um die Porsches zu bestaunen, die auf dem Weg zwischen dem Entwicklungszentrum in Weissach und der Produktion in Stuttgart-Zuffenhausen durch seinen Heimatort brausten. Die frühe Liebe des heutigen VW-Konzernchefs zu den sportlichen Flitzern mag dem Standort eine gute Zukunft versprechen, für den künftigen Steuersegen hilft sie aber wenig.

          VW-Übernahme: Die Gewerbesteuer wird dramatisch sinken

          Sobald der Sportwagenbauer Porsche vollends im VW-Konzern aufgehen wird, ist das Ende der goldenen Zeiten abzusehen. Die Gewerbesteuer, die sich am Personalaufwand des jeweiligen Standorts im Verhältnis zum Erfolg des Konzerns bemisst, wird dramatisch zurückgehen. Während Weissach bisher mit 3000 von 12 600 Porsche-Mitarbeitern gut ein Viertel der Gewerbesteuern von Porsche kassierte, entspricht die Weissach-Belegschaft nicht einmal 2 Prozent aller VW-Beschäftigten im Inland. Dass ein Porsche-Ingenieur mehr verdient als ein Arbeiter in Wolfsburg, tut nur wenig zur Sache: Für Weissach bleiben nur noch Krumen. „Es ist“, sagt einer, der in der Welt der Autoentwickler lebt, „wie wenn man mit Tempo 240 auf der Autobahn fährt und weiß ganz genau, irgendwann hört die Straße auf.“

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