https://www.faz.net/-gqe-y6vi

Politiker mit Promotion : Der „Dr.“ als Katalysator für die Karriere

Hoch die Hüte: Eine Promotion fördert die Aufstiegs- und Verdienstperspektiven. Bild: ddp

Die Mehrheit der Regierungsmitglieder hat promoviert. Jeder fünfte Abgeordnete ebenfalls. Unter den 16 Ministerpräsidenten der Bundesländer trägt nur einer den begehrten Namenszusatz.

          3 Min.

          Ein Doktortitel ist offensichtlich nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik ein Karrierekatalysator, zumindest deutet die Zusammensetzung des Bundeskabinetts darauf hin. Von den 16 Mitgliedern der Bundesregierung führen neun einen Doktortitel, dabei ist der seit Freitag nach Plagiatsvorwürfen ruhende Titel von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg nicht eingerechnet.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Damit liegt die Promotionsquote des Kabinetts mit 57 Prozent deutlich über der des Bundestages: Von 622 Abgeordneten führen 115 einen Doktortitel. Immerhin ist das beinahe jeder Fünfte. Auch diese vergleichsweise hohe Quote als Ausweis akademischer Elite stützt die These vom karrierebeschleunigenden Doktortitel. Aber vor voreiligen Schlüssen ist zu warnen: Denn unter den 16 Ministerpräsidenten der Länder trägt nur einer den begehrten Namenszusatz: der uneitle, als Ministerpräsident scheidende Frauenarzt Dr. med. Wolfgang Böhmer (CDU).

          Im Parteienvergleich stellt nach einer Auswertung der „Dr.“-Einträge im amtlichen Verzeichnis der Bundestagsabgeordneten die FDP mit 24 Prozent die meisten Promovierten vor der Unionsfraktion, die auf 21 Prozent kommt. Mit 18,5 Prozent Doktortitelträgern trifft die Linke genau den Durchschnitt des Bundestages und liegt damit vor SPD (14 Prozent) und Grünen (10 Prozent).

          Bild: F.A.Z.

          Drei Doktoren der Rechtswissenschaften im Kabinett

          Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist im Kabinett eine promovierte Naturwissenschaftlerin vertreten, Bildungs- und Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) wurde in Theologie promoviert. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat den Doktortitel in Betriebswirtschaftslehre verliehen bekommen, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) in Medizin. Doktoren der Rechtswissenschaften gibt es ohne Guttenberg nur noch drei am Kabinettstisch: Außenminister Guido Westerwelle (FDP), Innenminister Thomas de Maizière (CDU) und Umweltminister Norbert Röttgen (CDU).

          Die Doktorarbeit von Familienministerin Kristina Schröder (CDU) über „Gerechtigkeit als Gleichheit“ im Fach Soziologie hatte vor knapp einem Jahr für Debatten gesorgt. Sie hatte analysiert, wie sich die Wertvorstellungen der CDU-Bundestagsabgeordneten von den CDU-Mitgliedern unterscheiden. Die Befragung war von der Bundeszentrale der CDU und bezahlten Hilfskräften unterstützt worden. In der öffentlichen Debatte wurde Schröders Arbeit als Beispiel für eine Promotion gewertet, die vor allem auf den Erwerb des schmückenden Titels abgezielt habe.

          Die politische Wirklichkeit hält allerdings auch Beispiele vor, die belegen, wie hinderlich der akademische Grad für das Erlangen politischer Führungsämter sein kann. Lebhaft ist in Erinnerung, wie der damalige Kanzler Gerhard Schröder (SPD) im Wahlkampf 2005 den als Finanzminister gehandelten Prof. Dr. Dr. h.c. Paul Kirchhof als „den Professor aus Heidelberg“ verunglimpfte – was Merkel beinahe den sicher geglaubten Wahlsieg gekostet hätte und in die große Koalition mit der SPD zwang.

          „Es ist hilfreich, den Doktortitel zu haben, aber nicht, in der Öffentlichkeit damit anzugeben“

          Im Wahlkampf, aber auch in den Volksparteien schaffe das eitle Führen des Doktortitels eher Distanz, wo Nähe gefragt sei, sagt der frühere Bundesgeschäftsführer einer großen Partei, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Dabei sei es durchaus von Vorteil, den Titel zu haben, denn das zeigten Fähigkeiten und Fertigkeiten, die auch im Politikbetrieb von Nutzen seien wie Fleiß, Zähigkeit, Disziplin, Bereitschaft und Fähigkeit zur geistigen Auseinandersetzung mit komplexen Fragen. „Es ist hilfreich, den Doktortitel zu haben, aber nicht, in der Öffentlichkeit damit anzugeben.“

          Möglicherweise trage die in den vergangenen Jahren zu beobachtende „Beschleunigung“ politischer Karrieren, die zunehmend junge Politiker direkt von der Universität oder während eines Studiums in arbeits- und zeitaufwendige politische Mandate trügen, zu einem laxeren Umgang mit Fach- und Formvorschriften für den Titelerwerb bei.

          In der Wirtschaft zahlt sich der Titel in der Regel aus

          Noch konkreter als in der Politik verbinden sich in der Wirtschaft Aufstiegs- und Verdienstperspektiven mit einer Promotion. „Um eine bestimmte Position zu erreichen, ist es wichtig, einen Doktortitel zu haben“, sagt Frank Behrmann, Leiter Vergütung beim Hamburger Beratungsunternehmen Personalmarkt. Die Bedeutung eines Doktortitels unterscheidet sich dabei von Branche zu Branche. In der Chemie- und Pharmaindustrie ist er nahezu Pflicht, um Karriere zu machen. Neun von zehn Mitarbeitern in Führungspositionen hätten dort den Titel, schätzt Behrmann. Vielfach habe die Doktorarbeit auch einen fachlichen Bezug zur täglichen Forschungsarbeit.

          Auch Banken und Unternehmensberatungen legen Wert auf den Titel, um die Kompetenz ihrer Mitarbeiter zu unterstreichen. In Werbeagenturen dagegen sind Promovierte eine Seltenheit. Finanziell zahlt sich der Titel in der Regel aus. Während ein Einsteiger mit Universitätsdiplom in Deutschland im Durchschnitt ein Gesamteinkommen von rund 40.000 Euro erhält, kommt ein Berufsanfänger mit Doktortitel im Schnitt schon auf mehr als 50.000 Euro – ein Plus von 25 Prozent. Der Vorsprung bleibt später bestehen: Mitarbeiter mit mehr als zehn Jahren Berufserfahrung kommen Personalmarkt zufolge im Durchschnitt auf eine Vergütung von 78.500 Euro, haben sie eine Promotion, sind es 95.000 Euro, ein Aufschlag von immer noch 20 Prozent.

          Hochschullehrer für Verhaltenskodex, Forschungsgemeinschaft für Kontrolle

          Die Zahl der in Deutschland verliehenen Doktortitel hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert: Das Statistische Bundesamt verzeichnet konstant zwischen 23 000 und 25 000 bestandene Promotionen im Jahr. In der gleichen Zeit ist die Zahl der bestandenen Hochschulprüfungen dagegen deutlich gestiegen, von rund 200 000 auf fast 340 000 im Jahr. In einigen Fächern hat die Häufigkeit von Promotionen nicht nur im Verhältnis zur Zahl der Studenten, sondern auch absolut abgenommen, etwa in der Medizin und in den Naturwissenschaften. Eine leicht steigende Tendenz ist hingegen für die Sprach- und Kulturwissenschaften sowie für die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften festzustellen.

          Dass sich viele Doktoranden vom akademischen Grad Vorteile auf anderen Berufsfeldern als der Universitätskarriere versprechen, ist nach Ansicht des Deutschen Hochschulverbands an sich unproblematisch. „Die Motive für eine Promotion sollten jedem Einzelnen selbst überlassen bleiben“, sagt der Verbandssprecher Matthias Jaroch. „Entscheidend ist, dass die Doktorarbeit einen wissenschaftlichen Ertrag bringt.“

          Um dies zu sichern, hat die Interessenvereinigung der Hochschullehrer im vergangenen Jahr eigens eine Resolution mit dem Titel „Wider das Plagiatsunwesen“ verabschiedet. In ihr werden die Hochschulen etwa dazu aufgefordert, Studenten schon zur Immatrikulation einen Verhaltenskodex zu überreichen, in dem ihnen auch die Konsequenzen nachgewiesener Fehltritte vor Augen geführt werden. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die wichtigste Organisation zur Forschungsförderung in Deutschland, hat auf die zunehmenden Meldungen über Plagiate mit „Empfehlungen zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft“ reagiert. „Wissenschaftliche Arbeit beruht auf Grundprinzipien, die in allen Ländern und in allen wissenschaftlichen Disziplinen gleich sind“, heißt es darin. „Allen voran steht die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und anderen.“ (lzt.)

          Weitere Themen

          Hannover Messe Digital Video-Seite öffnen

          Livestream : Hannover Messe Digital

          Die Hannover Messe ist normalerweise die größte Industrieschau der Welt und beginnt am Montag wegen der Corona-Krise als reines Digitalformat. Verfolgen Sie die Veranstaltungen im Livestream.

          Topmeldungen

          CDU-Vorsitzender : Laschets offene Flanke

          Die Wirtschaft schaut lieber nach vorne als zurück. Armin Laschet wird sie überzeugen, wenn es ihm gelingt, eine stabile Öffnungsperspektive aufzuzeigen – und Aktionismus zu Lasten der Unternehmen zu verhindern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.