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Platzmangel in der Großstadt : Her mit den Wohnungen!

Kaum fertig, schon belegt: Frankfurts neuer Stadtteil Riedberg Bild: Dieter Rüchel

Von wegen Landlust: Alle wollen in der Großstadt leben. Aber wo, um Himmels willen, sollen die Leute Platz finden? In Frankfurt zeigt sich das ganze Dilemma.

          5 Min.

          So weit ist es gekommen. Sogar ein uraltes Gewerbe ist nicht mehr sicher in Frankfurt. Das Bordell „Sudfass“, eine am Mainufer gelegene Institution, wird geschleift. Für Wohnungen. Das geplante „Quartier Oskar“ soll hundert Appartements bekommen, eventuell ein Boardinghaus für Frankfurt-Besucher, die länger als ein paar Nächte bleiben.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Ist das schon die Gentrifizierung des Frankfurter Ostends? Viele warten darauf. Denn in diesem Viertel wird gerade die Europäische Zentralbank fertig gebaut. In dem Turm sollen bis zu 3000 Leute Platz finden. Der Bordellverwalter Fred Siegismund spottet: Wegen der Wegbeschreibung „Hinterm Puff rechts liegt die EZB“ habe man wohl um das Image der Notenbank gefürchtet. Die Vertreibung des Eros-Centers zeigt: Selbst in Frankfurt, dem hässlichen Entlein unter den deutschen Großstädten, drängen die Wohnungssuchenden mit Macht auf den Markt. Hier fehlen 10.000 Wohnungen oder 20.000, je nach Studie. Konsens besteht nur über eine Tatsache: Frankfurt ist begehrt wie nie zuvor.

          Binnen zehn Jahren ist die Einwohnerzahl der Stadt um knapp acht Prozent gewachsen auf mehr als 700.000. Damit fügt sich die Stadt ein in einen neuen deutschen Urbanisierungstrend: Nach einer Phase der Wegzüge in die Vorstädte jenseits der Stadtgrenze nimmt die Großstadtbevölkerung seit der Jahrtausendwende zu. Von 2000 bis heute sind in die sechs Städte München, Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt und Stuttgart zusammen gut eine halbe Million zusätzliche Einwohner gekommen.

          Junge Familien wollen in der Stadt bleiben

          Schuld daran sind auch Babys. Frankfurt erlebt, ebenfalls im Einklang mit anderen begehrten Großstädten, seit sechs Jahren einen Geburtenüberschuss: mehr Geburten als Todesfälle. „Es werden so viele Babys geboren, wie seit Ende der 60er Jahre nicht mehr“, jubelt die Stadt. Der Babyüberschuss ist nicht gewaltig, 2011 betrug er 600. Aber er zeigt, dass sich ein neuer gesellschaftlicher Trend breitmacht, der die Demographie der Großstädte vom Rest der Republik abkoppelt. Frankfurt mehrt sich, während in Deutschland die Geburtenzahl auf den niedrigsten Stand zurückfiel. „Die Kinder der Zukunft werden in den Städten geboren“, frohlockt der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann.

          Mieten in Frankfurt steigen
          Mieten in Frankfurt steigen : Bild: F.A.Z.

          Der Babyboom findet seine Ursache nicht in der Lust der Frankfurter auf Babys. Es läuft eher so, wie es der ehemalige Frankfurter Planungsdezernent Martin Wentz plastisch beschreibt: Junge Leute ziehen für Studium oder Beruf nach Frankfurt, etablieren sich in der Firma. Sie paaren sich. Sie vermehren sich. Alles wie gehabt. Neu aber ist, dass junge Familien nicht mehr zwangsläufig ins Grüne verduften. Immer mehr wollen in der Stadt bleiben. „Die Leute sind die Entfernungen und die Spritkosten leid“, sagt Frank Junker, als Chef der städtischen ABG Holding Frankurts größter Vermieter.

          Die Stadt hat heute offenbar auch bessere Antworten auf den gesellschaftlichen Wandel als das Dorf. In immer mehr Familien wollen oder müssen beide Eltern arbeiten. Das gelingt leichter in Ballungsräumen mit ihren im Vergleich zum Land guten Job- und Betreuungsangeboten.

          Die Immobilienplattform Immowelt hat für eine repräsentative Befragung 2012 in Dörfern und Kleinstädten folgende Frage gestellt: „Könnten Sie sich einen Umzug in die Großstadt vorstellen?“ Zwei Drittel sagten ja oder schlossen es zumindest für die nächsten Jahre nicht aus. Noch bemerkenswerter ist die Aussage der Dorffamilien mit Kleinkindern. Zwei Drittel von ihnen sagten ebenfalls, sie könnten sich ein Leben in der Großstadt vorstellen - eine Trendwende. Drei Jahre zuvor erwogen nur 40 Prozent der Familien einen Großstadtumzug.

          Man will sich beim Wohnraum nicht verschlechtern

          Frankfurt speziell erlebt ein Stimmungshoch: Die Leute fühlen sich hier so gut wie selten zuvor, ergibt eine Bürgerbefragung der Stadt. Die alten Großthemen Drogen, Kriminalität oder Konflikte zwischen In- und Ausländern bereiten den Bürgen nur noch selten Probleme, von Arbeitslosigkeit fühlt sich kaum einer bedroht. Ärger bereiten der Verkehr, der Fluglärm und neuerdings wieder - der Wohnungsmarkt.

          Frankfurts neue Attraktivität wird zum Problem, weil sie sich in Wohnungsmangel ummünzt. Und wenn es nur das wäre. Es gibt noch einen geheimen Faktor, der die Nachfrage nach Wohnraum erhöht. Es ist, könnte man sagen, eine Lieblingskennziffer des Frankfurter Stadtplaners Martin Wentz: Jedes Jahr beanspruchen die Bürger im Schnitt 0,5 Prozent mehr Wohnraum als im Vorjahr. „Das ist eine kleine Größe mit kolossaler Wirkung: Ein Stadt wie Frankfurt muss jedes Jahr rund 1800 Wohnungen bauen, um die Einwohnerzahl stabil zu halten.“ Das heißt übertragen: Alle sechs bis sieben Jahre müsste allein wegen dieses Effektes rein rechnerisch ein neuer Stadtteil in Frankfurt entstehen.

          Dieser robuste, von Wirtschaftskrisen kaum gebremste individuelle Expansionstrend hängt ebenfalls mit gesellschaftlichem Wandel und neuen Ansprüchen zusammen. Der Wohnraum pro Kopf erhöht sich nach Scheidungen, wenn die Kinder das Haus verlassen und wenn ein Ehepartner den anderen lange überlebt. Dazu kommt der tiefverwurzelte Wunsch, sich beim Wohnraum nicht zu verschlechtern, sondern zu verbessern. Wer eine zu große Wohnung aufgeben muss, dokumentiert seinen sozialen Abstieg. Die von grünen Kommunalpolitikern gepflegte Vorstellung, die Leute sollten sich bescheiden, läuft ins Leere: „Wer den Trend brechen will, muss den Wohnraum zwangsbewirtschaften“, sagt Wentz.

          Jede Lücke in beliebten Vierteln wird gefüllt

          Einig sind sich die Stadtplaner, dass sie den alten Suburbanisierungstrend nicht mehr befördern wollen, denn das tut der städtischen Mischung nicht gut. „Frankfurt hat lange Jahre große Teile der jungen aktiven Bevölkerung ans Umland verloren, weil die Phantasie und die politische Kraft zur Schaffung von Bauland fehlten“, beklagt Wentz. Zurück blieben die Alten, die Unbeweglichen und die Bewohner geförderter Wohnungen.

          Selbst das älteste Gewerbe der Welt muss bald Wohnungen weichen: Das Bordell „Sudfass“ am Mainufer
          Selbst das älteste Gewerbe der Welt muss bald Wohnungen weichen: Das Bordell „Sudfass“ am Mainufer : Bild: Jakob von Siebenthal

          Wie groß ist das Problem auf dem Wohnungsmarkt heute? Noch spricht in der alten Hausbesetzerstadt Frankfurt kein Experte von Wohnungsnot. Das in Berlin auftretende Phänomen, dass Investoren aus aller Welt Häuser kaufen und kaum nutzen, spielt in Frankfurt keine Rolle. Wer außerhalb der begehrten Stadtteile Bornheim, Westend, Nordend, Sachsenhausen oder Bockenheim sucht, wird fündig. Doch es wird schon schwieriger in der Innenstadt und in Vierteln am Main. Und es wird deutlich teurer, während sich der Zuzug weiter fortsetzt.

          Wohnungsnot ist programmiert, obwohl die Stadt eine Menge macht. Sie hat in den letzten drei Jahren große Quartiere entwickelt (Rebstock, Riedberg, Europaviertel), und weitere 4000 Wohnungen stehen bis 2017 auf der Agenda. Nur wo und wie? Das klassische Konzept heißt „Nachverdichtung“: Jede Lücke in beliebten Vierteln wird gefüllt. Nachteil: Die alteingesessene Bevölkerung stellt sich gerne quer. Die Rufe nach dem Milieuschutz, der vor allem aus den grünen und zugleich bürgerlichen Stadtteilen Bornheim, Nordend und Bockenheim erschallt, ist in der Konsequenz die Aufforderung an die Newcomer, sie sollten bitte draußen bleiben. Das macht einem grünen Planungsdezernenten das Leben nicht leichter.

          Eine Möglichkeit ist die Vertreibung der alten Industrie

          Das wirkungsvollste Mittel ist im Prinzip, neue Baugebiete auszuweisen. Das geht zwar auch selten ohne Widerstände, aber wenn man die Strategie erst durchgeboxt hat, bringt sie größere Stückzahlen. Grob kann man sagen, dass in Frankfurt 50 Prozent der Fläche bebaut sind, weitere 30 Prozent sind für den „Grüngürtel“ reserviert. Diese Parklandschaft ist heilig, selbst die aggressivsten Stadtplaner wollen hier nicht bauen.

          Der Chef der Wohnungsbauholding ABG, Frank Junker, hat ein klares Programm: „Wir müssen jede freie Fläche für den Wohnungsbau nutzen.“ Seinen begehrlichen Blick hat er auf Frankfurts Äcker gerichtet: Er forderte auf dem Neujahrempfang der Frankfurter Industrie- und Handelskammer landwirtschaftliche Flächen, „die mit EU-Mitteln zu Brachen saniert werden, dem Wohnungsbau zuzuführen“. Vor allem die Felder am Rande von Wohngebieten kommen für ihn Frage: „Wenn Sie ein Äckerchen haben, rufen Sie mich an und ich komme persönlich vorbei und zahle bar!“ Prompt machten die Bauern Rabatz, da sie um Grund und Boden fürchteten.

          Die andere heikle Möglichkeit ist die Vertreibung der alten Industrie, die viel Platz einnimmt, dafür aber Gewerbesteuern zahlt. „Die Geschichte der Stadt ist auch die Geschichte der Verdrängung“, sagt Martin Wentz achselzuckend. Unter seiner Führung als Stadtplanungsdezernent wurde der gewaltige Schlachthof am Main verlagert, um das Ufer für Wohnungen frei zu machen. Ein großes Politikum. „Der große Frankfurter Schlachthof lag erst am Rand der Innenstadt, dann im Stadtteil Sachsenhausen. Jetzt wird in Thüringen geschlachtet“, sagt Wentz. Und alle seien froh über die Lösung. Das Industrieviertel am Frankfurter Osthafen im Schatten der Europäischen Zentralbank ist bisher noch sakrosankt. Aber bleibt es das? Man könnte dort mit ein bisschen Phantasie sehr schön am Main wohnen.

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