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Pipeline-Projekt : Die Wirtschaft erfreut Erdogan und Putin

  • -Aktualisiert am

Zugang zum Schwarzen Meer: Der Bosporus von Istanbul aus betrachtet. Bild: dpa

Über Wirtschaftsfragen dürften Putin und Erdogan bei ihrem Treffen am Freitag gerne reden – vor allem über ein Großprojekt.

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          Das politische Verhältnis zwischen Russland und der Türkei hat sich in der jüngsten Vergangenheit nicht eben geradlinig entwickelt. Aber eine Sache stießen die Länder an, die sie später ohne große Umwege vorangetrieben haben: das Projekt der Erdgaspipeline Turkish Stream, die sich durch das Schwarze Meer ziehen und die Türkei mit russischem Erdgas versorgen soll, macht stete Fortschritte. Das ist eines der erfreulichsten Themen, die Präsident Recep Tayyip Erdogan auf der Agenda hat, wenn er am Freitag in Moskau seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin trifft.

          Allmählich erholen sich die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder. Der Abschuss eines russischen Kampfjets durch das türkische Militär im November 2015 hatte ein tiefes Zerwürfnis ausgelöst. Moskau erließ einen Importstopp für türkisches Obst und Gemüse, der erst im Oktober 2016 zumindest teilweise aufgehoben wurde.

          Nicht ohne Folgen: Nach türkischen Angaben ist der bilaterale Handel im Januar erstmals seit 2014 wieder gewachsen. Zwar bestehen andere Sanktionen weiter, unter anderem Visavorschriften für türkische Arbeitnehmer, aber ein schwerwiegendes Verbot von Pauschalreisen in das bei Russen zuvor sehr beliebte Ferienland wurde beendet. Außerdem hält Ankara am Bau des ersten Atomkraftwerks des Landes fest, das vom russischen Staatskonzern Rosatom errichtet wird.

          63 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr

          Die Fortschritte bei Turkish Stream waren allerdings nicht unbedingt zu erwarten. Kremlherr Putin zog die Idee der Pipeline im Dezember 2014 wie ein Kaninchen aus dem Hut. Er sagte dafür das zuvor verfolgte Großprojekt der Erdgasleitung South Stream ab, die ebenfalls durch das Schwarze Meer führen, aber in Bulgarien und damit auf EU-Boden anlanden sollte.

          Doch der Streit mit Brüssel um die Regulierung der Röhren hatte Moskau zermürbt, die Spannungen wegen der Ukraine-Krise taten ihr Übriges. Stattdessen wird nun Turkish Stream Gas in die Türkei bringen, weitgehend auf derselben Route wie South Stream. Von dort soll ein Teil weiter zur EU strömen, die rund ein Drittel ihres Gasbedarfs aus Russland deckt. Dieses „soll“ ist allerdings der große Schatten, der trotz aller Fortschritte die Aussichten verdunkelt.

          South Stream war ein Mammutprojekt unter Beteiligung europäischer Energiekonzerne. Vier Röhren sollten 63 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr transportieren. Auch Turkish Stream war zunächst auf vier Röhren angelegt, ist aber inzwischen auf zwei Röhren geschrumpft:

          Gas soll ab Ende 2019 strömen

          Die erste Röhre mit knapp 16 Milliarden Kubikmeter jährlichem Transportvolumen soll allein den türkischen Markt versorgen; die zweite Röhre mit demselben Umfang dann Gas für Europa liefern. Über beide Röhren existiert ein Regierungsabkommen, das die Parlamente in Ankara und Moskau im Dezember und Januar gebilligt haben. Die Türkei hat alle nötigen Baugenehmigungen erteilt. Das ist mehr, als bei South Stream je erreicht wurde.

          Im Dezember vergab der staatlich kontrollierte russische Erdgaskonzern Gasprom den Bauauftrag für die erste Unterwasserröhre. Die Röhrenteile werden ab der zweiten Jahreshälfte verlegt, Gas soll ab Ende 2019 strömen – theoretisch auch durch die zweite Röhre. Für sie hat Gasprom Ende Februar ebenfalls den Auftrag an Allseas erteilt. Aber wann hier der Bau beginnt, ist unklar.

          Keine Unternehmen aus der EU an Bord

          Laut Regierungsabkommen hat Gasprom sogar das Recht, die zweite Röhre abzusagen. Diese Option ist wichtig, denn wie das Erdgas der zweiten Röhre von der Türkei nach Europa transportiert werden soll, ist eine offene Frage. An diesem Punkt kommt die Geopolitik ins Spiel:

          Bei Lieferungen nach Europa will Gasprom durch Turkish Stream (wie zuvor durch South Stream) Gas umleiten, das heute durch die Ukraine strömt. Das würde deren Rolle als Transitland schmälern, was viele EU-Länder mit Sorge sehen. Ob Turkish Stream gebraucht wird, ist in Brüssel keinesfalls Konsens.

          Anders als bei der gescheiterten South Stream treibt Gasprom den Bau der Offshore-Sektion von Turkish Stream jetzt allein voran und wird sie auch allein betreiben und finanzieren. Unternehmen aus der EU sind noch nicht an Bord. Gasprom veranschlagte die Gesamtinvestitionen Ende Februar auf 7 Milliarden Euro.

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