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Ausstand der Piloten : Lufthansa steht vor historischem Streik

Die Lufthansa streicht mehr als 3800 Flüge Bild: dpa

Der Streik der 5400 Piloten über volle drei Tage ist einmalig in der Tarifgeschichte. Fast eine halbe Million Passagiere wäre vom Ausstand direkt betroffen - und der Flugbetrieb an den Drehkreuzen Frankfurt und München weitgehend lahmgelegt. 

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          Die Deutsche Lufthansa AG ist mit einem Arbeitskampf von historischem Ausmaß konfrontiert. Wenn von Mittwoch an die 5400 Piloten des Konzerns ihren dreitägigen Vollstreik antreten, ist der Flugbetrieb an den führenden deutschen Drehkreuzen in Frankfurt und München weitgehend blockiert. Europas größte Fluggesellschaft werde an den geplanten Streiktagen insgesamt wohl fast 4000 Flüge absagen. Von diesem Schritt wären nach Schätzungen der Lufthansa mindestens 425.000 Passagiere betroffen.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die finanziellen Folgen des Arbeitskampfes, zu dem die zuständige Branchengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) aufgerufen hat, sind aus heutiger Sicht nur schwer zu beziffern. Erfahrungsgemäß schlägt jeder Streiktag mit rund 25 Millionen Euro negativ in der Ergebnisrechnung der Fluggesellschaft zu Buche. Kenner der Branche rechnen daher damit, dass allein die in dieser Woche geplante Streikwelle der Lufthansa-Piloten einen Schaden von bis zu 80 Millionen Euro hinterlassen wird.

          Im aktuellen Tarifkonflikt, über dessen Lösung seit zwei Jahren verhandelt wird, geht es zum einen um die Forderung der VC nach 10 Prozent mehr Lohn. Darüber hinaus stehen die Modalitäten der sogenannten Übergangsversorgung zur Debatte. Diese Regelung erlaubt es, dass die Lufthansa-Piloten zwischen 55 Jahren und 60 Jahren mit dem Fliegen aufhören dürfen. Bis zum Erhalt der gesetzlichen Rente zahlt ihr Arbeitgeber bislang eine Versorgung, die bis zu 60 Prozent des letzten Bruttogehaltes entspricht.

          Piloten zählen zu den Spitzenverdienern im Lufthansa-Konzern

          Die Altersversorgung wirkt schon allein deshalb komfortabel, weil die Piloten traditionell die Spitzenverdiener im Lufthansa-Konzern sind. Je nach Anzahl der Berufsjahre rangiert das Jahresgehalt dieser Berufsgruppe zwischen 78.000 und 260.000 Euro. Dabei fällt die Anzahl der Flugstunden mit durchschnittlich 88 Stunden im Monat im Vergleich zum Arbeitspensum von Leistungsträgern in anderen Branchen vergleichsweise moderat aus. Unabhängig von der jetzt verhandelten Tarifanhebung legte das Jahresgehalt eines Piloten ohnehin automatisch um 3 Prozent zu, auch um den allgemeinen Preisanstieg auszugleichen. Die geforderten 10 Prozent verstärken also diesen bisherigen Lohnschub.

          Ende vergangener Woche hatte die Lufthansa ein neues Angebot unterbreitet. Demnach sollten sich die Bezüge der Piloten um 5,2 Prozent für die Zeit zwischen 2012 und 2015 erhöhen und eine Einmalzahlung von 2000 Euro gewährt werden. Die VC lehnte diese Offerte ab und fordert zudem, dass die Übergangsversorgung – in ähnlichem Umfang wie bisher – fortgeführt wird. Daran änderte sich auch nach den zähen Gesprächen am vergangenen Wochenende nichts.

          Die Lufthansa bereitet sich seitdem mit Hochdruck auf den bislang historisch einmaligen Arbeitskampf in der jüngsten deutschen Tarifgeschichte vor. Am Montag veröffentlichte die Fluggesellschaft eine erste Liste mit mehr als 200 abgesagten Interkontinentalflügen. Weitere Absagen für kürzere Verbindungen würden folgen. Die Stornierungen betreffen Flugverbindungen bis zum Samstag. Schon an diesem Dienstag sind Flüge nach Nordamerika gestrichen. In der vergangenen Woche musste die Lufthansa beim eintägigen Warnstreik des von der Gewerkschaft Verdi organisierten Warnstreiks des Flughafenpersonals insgesamt 600 Verbindungen streichen.

          Betroffen vom dem Vollstreik der Piloten sind auch die Tochtergesellschaften Lufthansa Cargo und Germanwings. Die ebenfalls zum Konzern gehörenden Anbieter Swiss und Austrian Airlines haben eigene Tarifverträge und sind vom Ausstand der Lufthansa-Piloten nur berührt, wenn ihre Umsteigeverbindungen auf Lufthansa-Flüge gefährdet sind. Allein in den vergangenen sechs Jahren war die Lufthansa mit insgesamt 51 Streiks konfrontiert. Um in der kommenden Woche wieder Normalbetrieb zu garantieren, ist es wichtig, dass sich die Maschinen und Crews nach Streikende am Freitag an jenen Flugplätzen befinden, an denen sie laut Flugplan zu sein hätten. Das wiederum setzt einen logistischen Kraftakt voraus.

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