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Piloten brechen Streik vorerst ab : Lufthansa fliegt weiter mit Notplan

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Der Vorsitzende der Pilotenvereinigung Cockpit, Winfried Streicher, hat sich auf eine Aussetzung des Pilotenstreiks eingelassen Bild: ddp

Nachdem der Pilotenstreik gestern Abend überraschend ausgesetzt worden ist, arbeitet die Lufthansa daran, den Flugverkehr zu normalisieren. Das dauert einige Zeit, weil weder Maschinen noch Besatzungen in vielen Fällen dort sind, wo sie laut Flugplan sein müssten.

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          Der nach einem Tag abgebrochene Pilotenstreik wird den Flugplan der Lufthansa noch bis Freitag durcheinanderbringen. Auch am Dienstag wird die größte deutsche Fluggesellschaft nur mit dem reduzierten Sonderflugplan fliegen, der eigentlich für den zweiten Streiktag vorgesehen war. Damit dürfte wie bereits am Montag etwa jeder zweite Flug ausfallen. Auch Flüge der Tochter Germanwings und der Frachtsparte Cargo sind erneut betroffen.

          Der im Internet veröffentlichte Sonderflugplan wird am Dienstag nur um vereinzelte Maschinen ergänzt. Der Flugplan soll aber täglich aufgestockt werden, so dass sich der Betrieb bis zum Freitag wieder normalisiere, sagte eine Lufthansa-Sprecherin am Dienstagmorgen. Die zusätzlichen Flüge finden vor allem auf den innerdeutschen „Rennstrecken“ wie etwa Frankfurt-Hamburg oder Frankfurt-München statt. Ab Mittwoch werde der Flugplan schrittweise wieder hochgefahren bis zum Freitag, wo wieder die übliche Leistung zu großen Teilen erbracht werde. Die Passagiere sollten weiterhin die Informationsangebote im Internet nutzen.

          Die Lufthansa begründet das nur langsame Wiederanlaufen mit den komplizierten Abläufen im weltweiten Flugnetz. Weder Maschinen noch Besatzungen seien in vielen Fällen dort, wo sie laut Flugplan sein müssten. Ein großer Teil der Jets steht auf Parkpositionen an den Knotenpunkten Frankfurt und München. Das Unternehmen arbeite mit Hochdruck daran, die Abläufe geordnet wieder hochzufahren, versicherte ein Lufthansa-Sprecher. In Frankfurt mussten viele Passagiere am Morgen erneut auf die Bahn umsteigen oder lange auf Ersatzflüge umsteigen. Das Frankfurter Terminal war laut Fraport erneut leerer als üblich, weil viele Gäste sich von vornherein informiert hatten. Der übrige Flugverkehr laufe reibungslos.

          Am Montagabend hatten sich die Tarifparteien vor dem Frankfurter Arbeitsgericht auf einen Vergleich geeinigt. Der eigentlich bis Donnerstag geplante Streik wurde nach nur einem Tag bis zum 8. März ausgesetzt, so dass nun genug Raum für neue Verhandlungen ist. Einen Termin für die Fortführung der Tarifverhandlungen für die Piloten gebe es noch nicht, erklärten übereinstimmenden die Lufthansa und die Vereinigung Cockpit.

          Anlass für die überraschende Einigung war eine einstweilige Verfügung, mit der der Lufthansa-Vorstand gegen den bis Donnerstag befristeten Streik vorgegangen ist. Die Arbeitsrichterin Silke Kohlschitter schlug den Vertretern beider Parteien in der mündlichen Verhandlung eine Aussetzung des Arbeitskampfes vor, der den Lufthansa-Konzern mit Kosten von 25 Millionen Euro pro Tag belastet.

          Im Zuge des Vergleichs erklärte sich die VC bereit, ihre Forderung auf „Ausfall-Entschädigungen“ bei der jüngst gegründeten Tochtergesellschaft „Lufthansa Italia“ fallen zu lassen. In den bisherigen Gesprächen zwischen Konzernführung und Gewerkschaft stand zur Debatte, dass die Deutsche Lufthansa der VC eine Art Ausfallentschädigung von bis zu drei Millionen Euro im Jahr zahlt, falls sie in den von Mailand aus eingesetzten Maschinen in Zukunft womöglich lokale Piloten mit geringerer Bezahlung vertraglich verpflichtet. Gegenwärtig sind bei „Lufthansa Italia“ ausschließlich deutsche Piloten tätig, die mit den vergleichsweise üppigen Gehältern und Konditionen des geltenden Konzern-Tarifvertrages ausgestattet sind.

          Der Vorwurf der VC, die Führung der Lufthansa untergrabe mit der Gründung neuer Gesellschaften im Ausland die in Deutschland geltenden Tarifbedingungen und gefährde durch die Übernahme von europäischen Konkurrenten die Pilotenstellen im Inland, war der Auslöser des Pilotenstreiks.

          Am Montag hatten die Lufthansa-Piloten an deutschen Flughäfen zunächst große Teile des Flugverkehrs lahm gelegt. Rund 900 Flüge fielen aus. Neben dem Streik der VC, an dem sich die mehr als 4000 Mitglieder unter den 4500 Konzern-Piloten beteiligten, kündigte eine weitere Branchen-Gewerkschaft Streikaktionen bei der Lufthansa an. Danach drohen die Flugbegleiter der Gesellschaft, die in der Unabhängigen Flugbegleiter-Organisation (Ufo) vertreten sind, mit einem Warnstreik in der kommenden Woche.

          Um den Druck auf die Konzernführung zu erhöhen, organisierte die Piloten-Gewerkschaft am Montagmorgen eine Protest-Veranstaltung auf dem Frankfurter Flughafen, an der 200 Mitglieder teilnahmen und ihre Forderung nach einer Ausweitung des deutschen Konzern-Tarifvertrages auf die neuen Gesellschaften im Ausland bekräftigten. Der Vorstand der Lufthansa, der eine Mitsprache der Piloten bei unternehmerischen Entscheidungen strikt ablehnt, hatte darauf versucht, eine einstweilige Verfügung zu erlangen. Der ursprünglich geplante viertägige Streik sei „unverhältnismäßig“, teilte der Konzern mit.

          Kernpunkt des Streits zwischen Konzernführung und den Piloten ist der Anspruch der Gewerkschaft VC, mehr Mitsprache bei der Führung der ausländischen Tochtergesellschaften der Lufthansa zu bekommen. Nach den jüngsten Zukäufen von europäischen Wettbewerbern wie Brussels Airlines, der österreichischen AUA sowie der britischen BMI treibt die deutschen Piloten die Sorge wegen der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins kostengünstige Ausland um. Immer mehr Strecken der Lufthansa würden dann durch die neuen Tochtergesellschaften mit niedrigen Kosten übernommen und so die angestammten Arbeitsplätze der Muttergesellschaft gefährdet, lautet der Vorwurf der Piloten-Gewerkschaft.

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