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Trost suchen bei Karl Popper : Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

Trauer und Schrecken über den Terror kennt viele Ausdrucksformen. Viele davon brauchen weder Sprache noch Schrift. Aber reden hilft. Und lesen auch. Man kann, man sollte Popper (wieder) lesen, an diesen Tagen nach dem „Kriegsakt“ (François Hollande) der Schreckensnacht vom 13. November 2015. Wer kann angesichts dieses Grauens noch behaupten, die Geschichte habe einen Sinn. Lange nicht mehr seit 9/11 war Poppers These so unmittelbar einleuchtend wie an diesem Wochenende. „Karl Popper hat keine Ethik geschrieben, aber er war ein Moralist“, meinte der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt. Helmut Schmidt, gestorben am 10. November 2015, den man früher als geistlosen Macher abtun zu können meinte, war ebenfalls ein Moralist. Den Philosophen Karl Popper hat er zeitlebens gelesen, geschätzt, gar bewundert. Man kann es auch als Schmidts Auftrag und Erbe betrachten, an diesem Schreckenswochenende auf Popper zu zeigen.

Dabei ist Poppers Beantwortung der Frage, ob die Weltgeschichte einen Sinn hat, außerordentlich aufschlussreich. Schroff weist der Denker alle Begründungen für eine Sinngebung als zynische Überhöhungen des Weltgeschehens zurück. Wer der Weltgeschichte einen Sinn zuschreibt, beleidige jede sittliche Auffassung der Menschheit. Denn die Geschichte der Machtpolitik sei nicht besser als wenn man die Geschichte des Raubes oder des Giftmords zur Geschichte der Menschheit machen wollte. Mit anderen Worten: Angesichts von Schrecken und Barbarei, von Lug, Trug und Täuschung von Sinn sprechen zu wollen, verbietet sich ein für allemal. Nicht besser kommen bei Popper auch jene Utopisten von Plato bis Marx weg, die zwar das barbarische Jammertal zur Kenntnis nehmen, aber darauf hoffen, dass wir dereinst einmal in einem irdischen Paradies leben werden und ein Sinn der Geschichte darin bestünde, als Menschheit diese Fortschrittsanstrengung in die Hand zu nehmen. „Diese Behauptung ist Lästerung“: Denn was hülfe es, heute an die zukünftigen Machthaber und Massenmörder zu appellieren. Sie würden sich kaum um unseren zivilisierenden Rat scheren und umstimmen lassen.

Die Verantwortung für die Geschichte fällt auf den Menschen zurück

Auch auf einen christlichen Gott will Popper die Verantwortung für einen Sinn der Geschichte nicht delegieren lassen. Denn das würde ja heißen, dass Gott auch die Verantwortung für all den Schrecken und die nicht ausrottbare Barbarei in der Geschichte zu tragen hätte. Was wäre das für ein Gott? Umso mehr, als früher die Christen selbst, nicht anders als der islamistische Terror heute, sich auch noch auf einen Gott beriefen zur Begründung ihres abscheulichen Handelns. „Und in dieser vom Menschen nicht einmal geschaffenen, sondern von ihm gefälschten Geschichte wagen Christen den Finger Gottes zu sehen!“

Dabei bleibt die Absicht dieser Theologisierung des Weltgeschehens nicht verborgen: Es geht darum, menschliche Verantwortung abzuschieben und auf andere, sei es auf „die“ Geschichte, einen hinter ihr stehenden Sinn oder einen noch weiter dahinter stehenden Gott. Popper nennt es Gotteslästerung, gegen welche sich all jene wenden müssten, die sich wirklich und aufrichtig als Gläubige verstehen. Wer Gottes Wirken in der Geschichte verneint, muss nicht gleich zum Atheisten werden. Im Gegenteil.

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