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Kommentar : Der Unberechenbare

  • -Aktualisiert am

Rodrigo Duterte: Der philippinische Präsident schlägt häufiger mal über die Stränge. Bild: dpa

Der philippinische Präsident Duterte wird zum Risiko für Asien. Weil er mit China anbandelt, verliert die Wirtschaft seines Landes an Strahlkraft. Sein Ziel bleibt unklar.

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          Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte ist nun seit hundert Tagen im Amt. Seine Auftritte sind mindestens so umstritten wie diejenigen von Donald Trump. Den Papst und den amerikanischen Präsidenten bezeichnete Duterte jeweils als „Hurensohn“, dies in der katholischsten und Amerika am nächsten stehenden Nation Asiens.

          Sein „Krieg gegen Drogen“ hat schon mehr als 3600 Tote gefordert. So hart sein Auftreten, so unklar ist Dutertes politische Ausrichtung. Ersten Anzeichen zufolge könnte sie zu einer deutlichen Verschiebung der Gewichte in Asien zugunsten Chinas führen. Das ist besorgniserregend.

          Viele seiner Landsleute sind vom starken Mann in Manila begeistert. Das aber ist vor allem ein Maßstab für ihre bislang miserable Lage. Sie jubeln dem zu, der ihnen ein Heilsbringer sein will, der aufzuräumen verkündet, der ihre Sprache spricht. Ein besserer Maßstab für die Beurteilung des auf der Weltbühne völlig unerfahrenen früheren Bürgermeisters sind die Kurse von Aktien und Währungen. Da zeigt sich, dass Duterte auf dem Weg ist, das Vertrauen der Märkte zu verspielen.

          Ausländische Institute ziehen Gelder ab

          Denn während die anderen Aktienindizes der Region in den vergangenen drei Monaten deutlich zugelegt haben, während der MSCI-Index der Schwellenländer in dieser Zeit 11 Prozent gewonnen hat, haben die Aktienkurse in Manila seit Juli 2,8 Prozent nachgegeben. Dies ist der stärkste Rückgang seit der Ernennung des Populisten Joseph Estrada 1998, eines Schauspielers im Präsidentenamt, der drei Jahre nach Amtsantritt wegen Korruption gehen musste.

          Der Duterte-Faktor erscheint noch viel klarer, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die Philippinen mit einer Wachstumsrate von 7 Prozent die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft Ostasiens sind. In den vergangenen Wochen aber entzogen Ausländer dem Markt mehr als eine halbe Milliarde Dollar, der Außenwert des Pesos sinkt.

          Die Sorge der Anleger hat zwei Gründe: Die neue Regierung hat bislang nicht erklärt, wie sie die Wirtschaft unter Dampf halten will. Der Präsident hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihn das Thema Wirtschaft wenig interessiert. Doch war er schlau genug, sich gute Berater zu suchen. Sie versprechen, die Infrastruktur kräftig auszubauen, den Bedürftigen unter die Arme zu greifen, Bürokratie und Korruption zu bekämpfen. Das ist das asiatische Standardprogramm aller Regierenden, das freilich finanziert und durchgesetzt werden will.

          Wenigstens gleicht Dutertes Wirtschaftsprogramm in weiten Zügen demjenigen seines farblosen, aber erfolgreichen Amtsvorgängers Benigno Aquino. Duterte hat gut 90 Prozent Zustimmung seiner Bürger, lebt aber noch von den guten Zahlen Aquinos. Schwerer als die Unsicherheit über Dutertes Kurs wiegt die Sorge um seine Außenpolitik.

          Große Sorge um neue Außenpolitik

          Die Philippinen sind Amerika aufs engste verbunden, dorthin tragen die Reichen ihr Geld, dort lassen sie ihre Kinder ausbilden, von dort stammen ihre Schlager. Die Inseln waren das einzige Land Südostasiens, das einst amerikanische Kolonie war. Das Land mit seinen hundert Millionen Einwohnern zählt neben Japan, Südkorea, Thailand und Australien zu den formalen Partnern der Vereinigten Staaten, die auch enge Verbindungen zu Indien, Singapur, Thailand und Vietnam unterhalten. Mit ihnen handeln sie als Gegengewicht zu China, auch um dessen Vordringen im Südchinesischen Meer zu bremsen.

          Diese Achse gefährdet Duterte mit seinen Angriffen auf Amerika. Zugleich will er seine Unabhängigkeit dadurch demonstrieren, dass er sich China und Russland nicht nur als künftiger Waffenkäufer andient. Immer lauter werden Gerüchte, Dutertes Wahlkampf sei von chinesischen Geldern finanziert. Beweise gibt es nicht. Doch spürbar verschiebt Duterte die Gewichte im pazifischen Raum, der den wichtigsten Schifffahrtsweg der Welt umfasst und eine Konfliktlinie zwischen China und einigen Anrainerstaaten mit ihren Schutzmächten Amerika und Japan sowie zu Teilen Indien und Australien markiert.

          Südostasien wird tiefer gespalten. Amerika, gefangen im Wahlkampf, hat noch keine Antwort auf den plötzlichen Schlingerkurs des bisherigen Partners.

          Gibt es eine amerikanische Reaktion?

          Washington sollte gewarnt sein. Begibt sich der Inselstaat tatsächlich unter chinesische Obhut, verlieren die Amerikaner eine wichtige Stimme und eine Basis in der Region. Immerhin war es Aquino, der Peking aufgrund dessen Vorpreschens vor das internationale Seegericht brachte und dort vorführte. Ein Vorgang, den China nicht vergessen hat.

          Es bleibt die Hoffnung, dass Dutertes Reden nur Geschwätz sind. Noch hat es keine Änderungen etwa in der Zusammenarbeit mit den amerikanischen Streitkräften gegeben. Doch auch wenn es bei Worten bleibt, schaden diese einem Land im Aufschwung. Die Ratingagentur Standard & Poor’s warnt inzwischen vor Stabilitätsrisiken, die amerikanische Handelskammer vor der Beschädigung des Ansehens der drittgrößten Volkswirtschaft Südostasiens.

          Will Duterte Unheil von seinem Land abwenden, muss er die Sorgen der Wirtschaft ernst nehmen, Grundzüge der Diplomatie lernen und seine Strategie offenbaren. Danach sieht es nicht aus. Das ist eine schlechte Nachricht für ganz Asien.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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