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Pflegeversicherung : Künftig zählt, was der Hilfsbedürftige noch selbst kann

Was soll nur werden, wenn auch sie einmal die Kraft verlässt? Bild: Pilar, Daniel

Wer Unterstützung von der Pflegeversicherung will, muss nachweisen, wie viel Hilfe er am Tag braucht. Die Regierung will das ändern. Statt „Minutenpflege“ soll ermittelt werden, was der Hilfsbedürftige noch allein kann. Ob das funktioniert, wird jetzt getestet.

          6 Min.

          In dem Moment, in dem Susanne Matusche anfängt, ihren Fragebogen abzuarbeiten, beißt Herr R. in sein Mettbrötchen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          „Vorname: Peter?“

          R. nickt.

          „Geboren am 14. November 1948?“

          R. nickt.

          „Sie waren im Krankenhaus?“

          R. nickt.

          „Seit wann sind Sie wieder zuhause?“

          „Freitag“ sagt R. schleppend langsam und sehr, sehr leise.

          „Dann warten wir doch, bis Ihre Frau kommt.“

          Peter R. ist Diabetiker. Seine Frau hat gesagt, er müsse jetzt etwas essen. Um 9.30 Uhr hat er noch nichts gefrühstückt. Früh morgens musste sie mit ihm zum Arzt. Frau R. wuselt in der Wohnung herum. Ein Ventilator sorgt für etwas Kühlung. Herr R. sitzt, sein Mettbrötchen in der linken Hand, mit eingefallenen Schultern auf dem Sofa. Neben ihm liegen Fotozeitschriften. Übers Eck hockt Susanne Matusche vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) in Niedersachsen hinter ihrem Laptop und sagt: „Sie essen jetzt mal in Ruhe, und wir nehmen ein paar andere Sachen auf.“

          Herr R. hat als Tischler gearbeitet, in der Freizeit ist er gesegelt. Doch die Kräfte haben ihn verlassen. Er hat hohen Blutzucker, einen Schlaganfall erlitten; Angstzustände machen ihm das Leben schwer. Ohne seinen Rollator kommt der 65-Jährige in der Wohnung kaum vom Fleck, draußen braucht er einen Rollstuhl. Über den Rollator ist er Anfang Mai gestolpert. Deshalb hat er sich den rechten Oberarm gebrochen. Auf die Klinik folgte die Rehabilitation. Dort verlor er an Gewicht und gewann Druckgeschwüre hinzu. Er nuschelt: „Ich habe die Nase voll.“

          Gutachten sind Basis für Zahlungen

          R. ist ein Pflegefall. Das haben sie schon im Krankenhaus gesehen. Vier Tage nach der Rückkehr aus der Reha soll Matusche die vorläufige Einstufung in Pflegestufe I überprüfen. Die Gutachterin arbeitet ihren Fragebogen ab: Medikamente, Arztberichte, Hilfsgeräte. Fragen nach Inkontinenz („Jetzt kommt eine unangenehme Frage“) gehören dazu. Matusche lässt sich zeigen, wie Herr R. sich in der Wohnung bewegt, wie er ins und aus dem Bett kommt, erklären, wie er mit dem Toilettengang klarkommt.

          Frau R. sagt: „Nachts kommt er allein nicht hoch. Dann schieb’ ich ihn an, dass er ins Sitzen kommt.“

          Ein Pflegedienst kommt dreimal die Woche in die dritte Etage und hilft Herrn R. beim Waschen. An den anderen Tagen erledigt das seine Frau. „Ich bin hier Mädchen für alles, Ehefrau, Betreuer, Krankenschwester, Manager.“ Sie lacht heiser.

          „Rasieren?“, fragt Matusche Herrn R.

          „Rechts, das wird einfach nix, weil ich nicht hoch genug komme.“

          Sie wird „Hilfebedarf im Bereich Stuhlgang, Nachreinigung“ berücksichtigen, auch einen „drehbaren Wannensitz“.

          Pflegehilfe muss bei der Pflegeversicherung (Krankenkasse) beantragt werden. Die informiert den MDK, der schickt dann Berater wie Susanne Matusche. Ihre Gutachten sind die Basis für die Zahlungen. Bei Privatversicherten läuft das ähnlich ab: Ihnen schickt die Versicherung einen Vertreter von „Medicproof“.

          Hunderte Pflegeberater sind jeden Tag unterwegs. 1,6 Millionen Einstufungsgespräche waren es vor zwei Jahren. 140.000 Fälle der privaten Pflegeversicherung kommen noch hinzu. In gut der Hälfte der MDK-Fälle ging es um die erste Einstufung, beim Rest um Wiederholungs- oder Höherstufungen. Der Gesetzgeber lässt den Kassen fünf Wochen Zeit für eine Begutachtung. Brauchen sie länger, müssen sie dem Antragsteller je angefangene Woche Fristüberschreitung 70 Euro zahlen.

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